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Dienstag, 21.03.2017

Ich fahr’ ins Eis und nehme mit …

Die SZ geht in die Arktis, Ende Mai legt das Schiff ab. Die Expedition aber, sie hat schon längst begonnen. Im Labor, im Ausrüstungslager und beim Gesundheitstest.

Mein Schuh – dein Schuh? Meine Jacke! Alles auf einen Haufen. Und bloß nichts vertauschen. Jeder achte auf seins. Fehler jetzt rächen sich mit Kälte draußen im Eis der Arktis. SZ-Wissenschaftsredakteur Stephan Schön (r.) und der Meteorologe Martin Radenz vom Leipziger Tropos-Institut packen ihre Seesäcke für die bevorstehende Expedition.
Mein Schuh – dein Schuh? Meine Jacke! Alles auf einen Haufen. Und bloß nichts vertauschen. Jeder achte auf seins. Fehler jetzt rächen sich mit Kälte draußen im Eis der Arktis. SZ-Wissenschaftsredakteur Stephan Schön (r.) und der Meteorologe Martin Radenz vom Leipziger Tropos-Institut packen ihre Seesäcke für die bevorstehende Expedition.

© kairospress

Es geht doch: Bremerhaven kann auch Sonne statt Nebel. Endlich steigt hier das Thermometer mal in zweistellige Sphären auf. Vögel balgen sich kreischend um das noch nicht vorhandene Grün am Stadtrand. Und die Elbe-Weser Werkstätten öffnen das große Tor für Licht und Luft in der Halle. Eine Tür und einen Tisch weiter liegen Dinge, die jetzt zum Frühlingsanfang super passen: die Sonnenbrille zum Beispiel und Sonnencreme. Gleich daneben jedoch die Tschapka, Handschuhe, die extrem dicke Jacke mit Pelzkragen – der ist echt. „Das werdet ihr zu schätzen wissen“, sagt Lagerchef Mathias Meyer. Er hat offenbar die Blicke abgefangen und sie ganz richtig gedeutet. Ein Pelz? Muss das sein? Es muss. „Das schafft kein Kunststoff. Der Pelz vereist nämlich nicht.“ Es ist die Erfahrung von Jahrzehnten in den extremen Polargebieten.

Für jeden Job im Eis die richtige Bekleidung

Im Ausrüstungslager des Alfred Wegener Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) wird schließlich nicht nur mal so ein Rucksack gepackt. 750-mal im Jahr kommen Techniker und Wissenschaftler hierher. Und das, was sie abholen, reicht von der einfachen Regenkombi für die Passage durch den mittleren Atlantik bis zum extremen Survival-Paket für Grönland. Da gibt’s dann die komplette Überlebenskiste mit Zelt, Kocher, Geschirr, Lebensmitteln und Schlafsack. „Derzeit kleiden wir drei Polarstern-Expeditionen gleichzeitig ein. Überlebenskisten sind da zwar nicht nötig. Aber alles zusammen sind es an die 150 Ausrüstungspakete, die wir zusammenstellen“, berichtet Meyer.

Knapp 50 davon gehören zu jenem Forschungsteam, das im Mai unter sächsischer Leitung tief ins Eis der Arktis fahren wird. „Wir wollen die Zusammenhänge von Wasseroberfläche, Meereis, Strahlung und Wolken untersuchen“, sagt Andreas Macke. Er leitet in Leipzig das Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (Tropos) und ist für gut vier Wochen der wissenschaftliche Fahrtleiter auf dem Eisbrecher Polarstern. Die Sächsische Zeitung geht mit den Forschern in die Arktis. Als Hilfswissenschaftler und Reporter gibt’s dann reihenweise Jobs an Deck und auf dem Eis.

Nass, kalt, Eis. Minus 20 Grad – das verbirgt sich hinter dem Code „Eisausrüstung“ auf dem Formular der AWI-Ausrüstungsliste. Eine Seite lang, 24 Positionen, 14 Kilogramm schwer. Das sind 14 Kilogramm wärmende Sicherheit. Eine Anprobe wird dringend empfohlen. Der knallrote Eis-Overall ist doch etwas zu groß, das geht noch eine Nummer kleiner. Oder doch nicht? „So langsam werden bei uns die kleinen Größen knapp“, sagt Mathias Meyer. „Wir kaufen da schon ständig nach.“ Nein, die Forscher werden nicht kleiner, aber es gehen halt immer mehr Frauen mit auf Expedition. Und schnell mal ein paar Stücke nachbestellen, das funktioniert so nicht. Vor allem die Eisausrüstung ist eine Spezialanfertigung. Mal hält sie eine Expedition, mal vier oder fünf. „Das hängt halt davon ab, ob die ein Techniker oder ein Wissenschaftler mitbekommt.“ Zurück zum AWI muss jedenfalls alles, egal wie verdreckt, ganz gleich wie kaputt. Vieles wird repariert, zu teuer ist die Ausrüstung. Genauere Preise kennt Meyer nicht, nur beim Blick in die Outdoorläden weiß man ja, was selbst Standardsachen fürs Draußensein kosten.

Anders als bei der eigenen Bergtour wird für den Forschungseisbrecher Polarstern schon Monate vorab gepackt. Nicht die drei Wochen vor der Abfahrt sind daher Stress pur, sondern drei Monate vorher ist so richtig was los. Auch für die Leipziger Troposphärenforscher. Die hatten gerade noch so die letzten kalten Tage im Winter erwischt, um ihre Ausrüstung im Schnee und Eis zu testen. Den metergroßen Ballon, Messgeräte und Sensoren, Rechner und Kabel. Das alles kommt in Container. Und alle zwei, drei Tage gibt’s eine neue Rundmail von Fahrtleiter Andreas Macke. Mal geht es um das Fahrtenbuch, dann wieder um die Frachtlisten oder um den Medizin-Check.

Auf die Polarstern und auch in die Forschungsstation Ny Alesund ganz im Norden von Spitzbergen kommt letztlich nur, wer die Freigabe des medizinischen Dienstes vom AWI hat. An die 30 Seiten stark ist dieses Medizin-Dokument, Belastungs-EKG, kompletter Impfpass inklusive und eine Liste aller OPs und Erkrankungen zurück bis in die Kindheit, vom Blinddarm über Mandeln bis zum gebrochenen Fuß.

Von der Vorbereitung hängt der Erfolg einer solchen Expedition ab. Sie kostet mehrere Millionen Euro. Für 40 Wissenschaftler sind Datenschätze zu erwarten, wie es sie bisher nicht gibt. Fehler in der Vorbereitung könnten jedoch all dies leicht zunichte machen. Weder kann dann im Eis der Arktis ein zu kleiner Stiefel getauscht werden noch der Krankenwagen vorfahren. Für Hauke Flores, Biologe am AWI und der nachfolgende Fahrtleiter, ist das Packen von Kisten für die Arktis zwar Routine. Stress bleibt’s dennoch, das Labor einfach mal so einzupacken. 500 verschiedene Gegenstände kommen mit, einige davon zehnfach. Röhrchen, Pipetten, Flaschen, Fläschchen, Chemikalien.

200 Kisten voll, zwei Container werden es. „Was bis zum 30. März nicht drin ist, bleibt hier.“ Zehn Tage bleiben noch für ihn und die anderen von PS 106.1 – das ist der Expeditionscode. Es ist auch die letzte Chance zur Anprobe. Gummistiefel, Werkschuhe, Eis-Stiefel, Wintersocken, Unterhandschuhe, Überhandschuhe, Windstopper, Parka, Mütze, Tschapka. Anderthalb Stunden schweißtreibende Anprobe werden es letztlich. Es ist ein ganzer Seesack voll mit Polarausrüstung, der hier zusammenkommt. Im Container verstaut wartet der nun darauf, an Bord gehievt zu werden. – Und draußen bricht endgültig der Frühling aus. Allerdings Sonnenbrille und Sonnencreme, die sind gerade tief verpackt im Seesack.