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Mittwoch, 19.10.2016

Gipfel in neuen Dimensionen

Das deutsche Raumfahrt-Zentrum porträtiert 13 besondere Berge. Das half schon Extrembergsteigern.

Von Walter Willems

Stefan Dech, Reinhold Messner, Nils Sparwasser „m4 Mountains. Die vierte Dimension“. Malik Verlag, 240 Seiten, 170 Abbildungen/Fotos, 50,00 Euro.
Stefan Dech, Reinhold Messner, Nils Sparwasser „m4 Mountains. Die vierte Dimension“. Malik Verlag, 240 Seiten, 170 Abbildungen/Fotos, 50,00 Euro.

Es gibt ungewöhnliche Kooperationen. So schloss sich das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) mit Bergsteiger-Legenden wie Reinhold Messner oder Gerlinde Kaltenbrunner zusammen. Im Bildband „m4“ porträtieren Forscher und Extremsportler 13 Berge und ihre Geschichte. Die meisten Felsmassive – darunter als „Zwerge“ das Matterhorn und der Mont Blanc sowie als „Riesen“ die Annapurna, der Nanga Parbat und der Mount Everest – sind schon Dutzende Male beschrieben und abgelichtet worden. Aber so wie in diesem Bildband hat man sie noch nie zuvor gesehen.

Das hängt mit der Entstehungsgeschichte des Buchs zusammen: Im September 2010 erlebt Stefan Dech, der Leiter des Erdbeobachtungszentrums (EOC) am DLR, in Wolfratshausen einen Vortrag von Gerlinde Kaltenbrunner. Die Österreicherin hatte bis dahin 13 der 14 Achttausender ohne mitgeführten Sauerstoff bestiegen. Damals fehlte ihr nur der K2. Mehrere ihrer Expeditionen zum Gipfel des zweithöchsten Berges waren gescheitert, einige unter dramatischen Umständen.

„Die Idee entsteht noch an diesem Abend: Wir müssen den K2 mit modernsten Satellitendaten aufzeichnen und seine Flanken dreidimensional kartieren“, beschreibt Dech den Anstoß zum Projekt. Das sollte ein besonderes werden, „in einer bislang nicht erreichten Qualität. Das könnte auch Gerlinde bei ihrem nächsten Versuch helfen“.

Die DLR-Forscher lassen den Berg von Erdbeobachtungssatelliten aus verschiedenen Perspektiven erfassen und schaffen dann im Animationslabor ein virtuelles Modell, das sie Kaltenbrunner zeigen. „Damit hatten wir nicht gerechnet“, beschreibt die Bergsteigerin ihren Eindruck beim Besuch im EOC. „Wir sehen unsere geplante Aufstiegsrunde in allen Details und in vollem 3-D. Erkennen, dass manche Passagen flacher sind als angenommen, andere viel steiler.“ Im folgenden August erreicht Kaltenbrunner erstmals den Gipfel des K2. Sie ist die erste Frau der Welt, die auf allen 14 Achttausendern ohne Hilfe von künstlichem Sauerstoff stand.

Danach reift die Idee, zusammen mit dem Malik-Verlag und Reinhold Messner weitere zwölf Berge und ihre Geschichte für den Alpinismus vorzustellen. Mithilfe der französischen Pléiades-Satelliten gelingt für viele Details der Felsmassive eine beispiellose Bodenauflösung von etwa zwei Metern und eine Darstellung aus Perspektiven, die bislang unmöglich waren.

Die am Computer erschaffenen Bilder lassen sich kaum von echten Fotos unterscheiden. Komplettiert werden die virtuellen Berge durch Berichte diverser Bergsteiger. Diese beschreiben – anhand echter Fotos – detailliert die Besteigung der Berge, zu denen auch der Ushba im Kaukasus, der Masherbrum im Karakorum und der Aconcagua in den Anden zählen.

„Es gehört sicher zu den großen Freuden eines Wissenschaftlers, wenn die Faszination des eigenen Faches auf andere Menschen überspringt“, schreibt Dech. Das ist gelungen – ein phänomenaler Bildband, in dem Reinhold Messner die Geschichte des Alpinismus neu erzählt. (dpa mit SZ)