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Montag, 02.11.2015

Ganz normal studieren

Für Studenten und Wissenschaftler mit Behinderung soll es keine Schranken geben. Das kostet Geld und Geduld.

Von Annechristin Bonß

Mit ihrem Blindenstock und auch einem Helfer ist Anja Winkler auf dem Campus unterwegs. Seit der Geburt ist sie blind. Beim Studium und im Job an der TU hat sie sich dennoch bewährt.
Mit ihrem Blindenstock und auch einem Helfer ist Anja Winkler auf dem Campus unterwegs. Seit der Geburt ist sie blind. Beim Studium und im Job an der TU hat sie sich dennoch bewährt.

© Sven Ellger

Treppenstufen auf dem Weg zum Hörsaal, Grafiken und Formeln an der Tafel im Hörsaal, Schnitzel, Pasta und Gyros auf der Anzeigetafel in der Mensa, verwinkelte Altbauten mit endlosen Fluren, Nischen, Ecken auf dem Campus. Für viele Studenten gehören diese Dinge zum Alltag, sind selbstverständlicher Teil des Studiums. Nicht so für Anja Winkler.

Die 33-Jährige ist seit der Geburt blind. Sie kann hell und dunkel unterscheiden, mehr sieht sie nicht. Nicht die Stufen, nicht die Präsentation des Professors und auch keins der Mittagessen in der Mensa. Am Studium der Erziehungswissenschaften an der TU Dresden hat sie ihr Handicap nicht gehindert. In zwölf Semestern hat sie den Abschluss geschafft. Manch sehender Student braucht dafür länger. Nun arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Mensch-Computer-Interaktion der Informatik-Fakultät. „Geht nicht, gibt es nicht bei mir“, sagt sie.

So wie Anja Winkler meistern viele Studenten und Wissenschaftler mit einer Behinderung den Alltag an Hochschulen und Universitäten. Dabei geht es nicht nur um nicht sehen, hören oder laufen können. Psychische und chronische Erkrankungen behindern das Studium genauso. Die aktuelle Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks ergibt, dass sieben Prozent aller Studenten eine gesundheitliche Behinderung haben, die sich erschwerend auf das Studium auswirkt. Bei noch einmal so vielen hat die gesundheitliche Beeinträchtigung keinen Einfluss auf Noten und Erfolg.

Dabei liegt die Dunkelziffer der Betroffenen durchaus höher. „Vor allem psychische, aber auch chronisch Erkrankte sprechen nicht über ihre Leiden“, sagt Cornelia Hähne, die an der TU Dresden für das Diversity Management zuständig ist. Sie beschäftigt sich mit der Gleichberechtigung von Studenten und Wissenschaftlern unabhängig von Alter, Geschlecht, sozialer oder ethnischer Herkunft, Behinderung oder familiärem Stand. „Gerade eine psychische Erkrankung sieht man den Menschen nicht an“, sagt sie. Experten wie sie bemerken zudem eine steigende Anzahl an Studenten, die mehrere Behinderungen haben, wo sich zum Beispiel eine körperliche Einschränkung auf die Psyche auswirkt.

Diese Entwicklung bestätigt auch eine Erhebung des Dresdner Studentenwerks. Demnach leiden knapp 18 Prozent der Dresdner Studenten an einer gesundheitlichen Beeinträchtigung – mehr als bundesweit. Bei der Art der Behinderung ergeben die einzelnen Antworten in Summe mehr als 100 Prozent, Mehrfachantworten waren möglich und wurden auch genannt. So sind 43 Prozent der Betroffenen chronisch, somatisch erkrankt. Ein Drittel leidet an einer Sehbehinderung oder Blindheit, 15 Prozent an einer Mobilitätsbeeinträchtigung. Fünf Prozent der Studenten in der Stadt hören schlecht oder gar nicht. Und immerhin zwölf Prozent leiden an einer psychischen Erkrankung.

Mobile Treppen und Ohren

Unabhängig von einer vorhandenen Behinderung sollen jedoch alle Studenten einen normalen Zugang zum Studium bekommen. Dieses Ziel lässt sich die TU Dresden einiges kosten. Nicht nur mit dem Büro für Diversity Management und einem neuen Job-und-Praktikums-Service für Studenten mit Behinderung. Gerade erst hat die Universität eine Zusage über 700 000 Euro vom Land bekommen. Bis Dezember werden damit knapp 60 Projekte für behinderte oder erkrankte Studenten gefördert. Ein neuer Kleinbus transportiert künftig Gruppen mit behinderten und nicht behinderten Studenten zu Exkursionen. „Wer im Rollstuhl sitzt, soll kein Extra-Fahrzeug haben“, sagt Michael Ruck, Prorektor für Universitätsplanung.

Für die Altbauten auf dem TU-Campus gibt es künftig mobile Treppenrampen. Zur neuen Ausrüstung gehören auch Koffer mit mobilen Schwerhörigenhilfen, die ebenfalls in den Altbauten eingesetzt werden. Bei neuen oder sanierten Gebäuden gehören Hörschleifen zur Standardausrüstung. Und am Universitätssportzentrum gibt es neue Tandemfahrräder, damit auch sehbehinderte Studenten Radsport machen können.

Auch Anja Winkler kümmert sich um einen normalen Zugang für sehbehinderte Studenten. Sie informiert und schult Studenten. Die übersetzen Fachliteratur und aufwendige Grafiken, Schemata und Karikaturen für die blinden Studenten. Eine Lesesoftware kann diese Inhalte nicht erkennen. Auch nicht jedes Dokument kann damit problemlos erfasst werden. Dann werden aus einem Bild mehrere Seiten.

Helfen kann die junge Frau auch beim barrierefreien Internetauftritt der TU. Die Seiten werden derzeit komplett überarbeitet und strukturiert, und zwar so, dass auch blinde Menschen mit einer speziellen Software darauf zugreifen können und sich zwischen Hunderten Links und Tausenden Informationen zurechtfinden. „Selbstverständlich ist das nämlich nicht“, sagt Anja Winkler. An ihrem Lehrstuhl beteiligt sie sich an einem Projekt zur Entwicklung einer neuen Stiftplatte. Die kann Grafiken, geometrische Formen und Landkarten automatisch für Blinde darstellen. „Das ist eine große Erleichterung“, sagt Anja Winkler. Sie selbst hat das Studium ohne die Hilfe geschafft. Auch weil sie sich hat helfen lassen, von Dozenten und Kommilitonen. Beim ihrem ganz normalen Studium.

Vom 9. bis 12. November finden an der TU Dresden die Diversity Tage statt.Schwerpunkt in diesem Jahr ist das Studium mit Behinderung.

http://tu-dresden.de/diversity_tage

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