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Freitag, 09.06.2017

Endlich Scholle

Sächsische Wissenschaftler sind mit dem Eisbrecher vor dem Nordpol unterwegs. Unser Reporter Stephan Schön ist mit an Bord - und hat uns einen Clip vom Moment des ersten Eiskontakts geschickt.

Von Stephan Schön, zzt. 81,9°N, 9,9°O

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Um ruhig und eng an der Kante der großen Eisscholle liegen zu können, nutzt der rund 20000 Tonnen schwere Eisbrecher vor allem seine Bug- und Heckstrahler.
Um ruhig und eng an der Kante der großen Eisscholle liegen zu können, nutzt der rund 20 000 Tonnen schwere Eisbrecher vor allem seine Bug- und Heckstrahler.

© Stephan Schön

  • Um ruhig und eng an der Kante der großen Eisscholle liegen zu können, nutzt der rund 20000 Tonnen schwere Eisbrecher vor allem seine Bug- und Heckstrahler.
    Um ruhig und eng an der Kante der großen Eisscholle liegen zu können, nutzt der rund 20 000 Tonnen schwere Eisbrecher vor allem seine Bug- und Heckstrahler.
  • So ein Forschungsballon braucht viel Betreuung. Für Menschen und Technik auf dem Eis dient die kleine rote Hütte – die „Tomate“ – als willkommener Aufwärmplatz.
    So ein Forschungsballon braucht viel Betreuung. Für Menschen und Technik auf dem Eis dient die kleine rote Hütte – die „Tomate“ – als willkommener Aufwärmplatz.
  • Auch das Schlauchboot hat natürlich einen Namen – die Crew hat es „Luise“ getauft. Und dem SZ-Redakteur ist anzusehen, dass er nicht zum Urlaub im Norden ist.
    Auch das Schlauchboot hat natürlich einen Namen – die Crew hat es „Luise“ getauft. Und dem SZ-Redakteur ist anzusehen, dass er nicht zum Urlaub im Norden ist.
  • Selbst wenn offiziell arktischer Sommer herrscht: Die Wissenschaftler und ihre empfindliche Technik müssen schon einigermaßen wetter- und kältefest sein.
    Selbst wenn offiziell arktischer Sommer herrscht: Die Wissenschaftler und ihre empfindliche Technik müssen schon einigermaßen wetter- und kältefest sein.

Es krächzt und knarrt. „Bärenwache für Tomate!“, rauscht es. Wer auch immer jetzt sein Funkgerät an hat, hört mit. „Wir gehen zu fünft Richtung Tomate.“ „Verstanden.“ Die Wache gibt den Weg frei. Von oben, 20 Meter über dem Eis, von der Steuerbrücke des stärksten deutschen Eisbrechers.

Der dümpelt seit einigen Tagen so mehr oder weniger mit maximal einem Kilometer pro Stunde vor sich hin. Ohne klare Richtung, ohne Ziel, immer mit der Strömung. Das passt bestens, das muss so sein, und alles im Dienste der Wissenschaft.

Von oben, vom Ausguck des Kapitäns, von der Brücke, sieht es bizarr aus, wenn die Forscher durch den Schnee auf der Eisscholle stapfen. Wie auf einem anderen Planeten. Klobige Stiefel, die von außen fünf oder vielleicht auch acht Nummern zu groß erscheinen. Doch die passen perfekt. Da wurde halt ordentlich viel Isolierung reingepackt, fürs stundenlange Herumstehen an Messgeräten. Und dann diese wirklich dicken Overalls. Die eindeutige Trendfarbe dieser Tage ist Rot. Es ist eine rote Spezialanfertigung, extra für Polarexpeditionen. Ganz schnell lernt jeder sie schätzen, der runtergeht vom Schiff aufs Eis. Auch die fünf, die jetzt zur Tomate wollen. Wir fünf. Es sind Forscher vom Leipziger Institut für Troposphärenforschung, dem Tropos, und mit ihnen unterwegs bin ich für die Sächsische Zeitung.



Rote Forscher stapfen auf rote Tomate zu. Die ist von der Sorte Roma, leicht oval, allerdings drei Meter lang, zwei Meter hoch und hat eine Tür. Es ist ein Rückzugsort, eine Nothütte für die draußen auf dem Eis. Um Technik zu wärmen und heißen Tee zu trinken. In der Tomate verschwinden wollen die Leipziger Wissenschaftler jetzt aber überhaupt nicht. Sie interessiert nur der Ballon dahinter. Noch größer, und ganz in arktischem Weiß. Er zappelt wie ein widerspenstiges Pferd. Der böige Wind hat eine der Verankerungen aus dem Eis gerissen. Würden alle Anker versagen, dann verschwände der Heliumballon auf Nimmerwiedersehen in den tief herabhängenden Wolken, dann wären ein Dutzend Experimente nicht mehr möglich. Die Zeit drängt. Schaufel, Stahlanker, Riesenhammer – dann eine Stunde schuften, fertig.

Noch mehr Eisanker, noch mehr Seil fesseln den Ballon wieder am Boden. So lange, bis Ulrike Egerer, die Doktorandin im Team, und Thomas Conrath, der Ingenieur und Techniker, den Ballon an die lange Leine lassen. Auch die ist rot, superfest und wenige Millimeter dünn. 2000 Meter lang sind davon aufgewickelt auf der Seilwinde. Die gibt jetzt Meter für Meter raus.

Doch in nur drei Minuten ist das Riesenteil von Ballon mit all seinen Sensoren und Messgeräten in den Wolken verschwunden. Die hängen heute besonders tief. Die Wolkenforscher freut’s, für sie kann´s nicht mistig genug sein. „Was wollen wir mit andauernd blauem Himmel“, sagt dazu nur der Chef der Forschungsmission und Fahrtleiter Andreas Macke. Daheim in Leipzig leitet er das Tropos-Institut.

Warum auch immer: Ulrike Egerer schaut immer wieder dorthin, wo ihr 90-Kubikmeter-Ballon soeben abgetaucht ist im dichten Wolkenbrei. Die Winde surrt und spult und spult. Die Heliumfüllung trägt die Messgeräte schließlich bis weit über die Wolken hinaus. Wind, Temperatur, Feuchtigkeit, Turbulenzen, Licht und die genaue Position werden gemessen. Laptops ziehen sich die Daten über das eigene Funknetz rein. Die Wissenschaftler vom Tropos und der Universität Leipzig sind von den Kurven und Graphen auf ihren Monitoren fasziniert. Kälte ist jetzt kein Thema mehr. Es ist ja auch noch nicht wirklich arktisch kalt bei nur minus sieben Grad.

Zwei Jahre und mehr wurden all diese Messgeräte für den Ballon entwickelt, gebaut in den eigenen Institutswerkstätten und im sächsischen Winter bei Torgau schließlich getestet. Doch Sommer in der Arktis ist halt doch noch etwas anders als Winter in Sachsen. Es ist zwar hier nahe am Nordpol ständig hell um diese Zeit, aber auch deutlich kälter. Vor allem oben am Ballon in 1000 Metern Höhe. Vor allem der Wind faucht dort die kalte Luft heran. Manche Sensoren und mehr noch die Akkus mögen das gar nicht. Jetzt ist handwerkliches Geschick vonnöten. Die Wissenschaftler greifen tief in ihre Werkzeugkisten.

Eisbären-Wache. Das ist indes heute mein Job hier am Ballon, mit dem hoffentlich scharfen Blick ins dauertrübe Grau. Die Eisbärwache ist die letzte Rettung für den Notfall. Doch noch kein einziger Eisbär kam in den 35 Jahren Arktisforschung des Alfred-Wegener-Instituts mit ihrem Eisbrecher Polarstern zu Schaden. Kein einziger Forscher bekam eine Schramme.

Und trotzdem. Der Expeditionsleiter verschärft nochmals die Regeln: Zwei Mann Wache auf der Brücke, ab sofort. Und nie jemand ohne Bärenwache auf dem Eis, auch nicht nah am Schiff. Die Spuren vor der Seilwinde, die tiefen Tapsen im Schnee sind zwar schön. Sie sind aber auch Warnung. Keine vier Stunden ist es her, als die Eisbärenmutter mit ihrem Jungen von irgendeiner Nachbarscholle mal eben zu Besuch kam. Mitten in die Eisstation der Forscher hinein, keine 100 Meter vom Schiff entfernt. Sie kommt zu Besuch genau zu jener Zeit, als alle Wissenschaftler noch an Bord sind. Die meisten treffen sich gerade zum täglich Eis-Meeting im Beratungsraum, drinnen im Schiff, ganz ohne Fenster. Sie sehen die Eisbären nicht. Wenn das keine Absicht ist! Doch die Brückenwache hat die beiden entdeckt. Inzwischen sind die im Wind schwankenden Markierungsfahnen der Forscher offenbar ein ganz tolles Spielzeug für die Eisbären. Und dass die Tomate nicht wirklich nach Tomate schmeckt, sondern nach Plastik, das hat der junge Eisbär nun auch gelernt.

Eisbären sind grundsätzlich neugierig. Sie kennen keine Feinde, haben also auch keine Angst. Und sie sind schnell. Auf kurzen Strecken erreichen sie schon mal die Geschwindigkeit eines Pferdes. Die beiden hier aber, die haben die Ruhe weg. Irgendwann aber wird all das tolle teure Spielzeug der Wissenschaftler für sie uninteressant. Da lockt die Nachbarscholle schon deutlich mehr. Die wiederum finden die Forscher überhaupt nicht gut. Ihre Scholle ist nahezu perfekt, schwärmen sie. Die beste weit und breit – gut zwei Kilometer im Durchmesser groß und recht stabil.

Sogar aus dem All ist sie von einem der neuen europäischen Umweltsatelliten, Sentinel 1, zu sehen. Und dort auf dem Satellitenbild erscheint nun auch die Polarstern als kleiner heller Fleck am Eisrand.

Mindestens zwei Meter dick ist das Eis. Dick genug, um etwa sechs Wochen durch den arktischen Ozean und damit Richtung Süden treiben zu können. Die Wissenschaftler werden ihre Scholle schon in zehn Tagen wieder verlassen, viele Messgeräte aber schwimmen dann weiter. Jetzt wird erst einmal das Eis gespickt mit Sensoren, Sonden und Messfühlern. Auf dem Eis. Im Eis. Im Wasser. Nahezu alles ist hier spannend, finden die Wissenschaftler.Die vom Tropos und der Universität Leipzig interessieren sich vor allem für die Atmosphäre. Sie schauen nach kleinsten Partikeln in der Luft, sie messen das reflektierte Licht und jenes, das noch durch die fetten Wolken hindurch bis auf den Boden dringt. Ihre Kollegen vom AWI schauen mehr ins und unters Eis. Sie interessieren sich für Struktur und Art der Kristalle, die Zusammensetzung, die dort enthaltenen Gase, Farbpigmente, Algen und Polardorsche – die Liste der Aufgaben ist lang. Gegenwärtig sind diese etwa drei Quadratkilometer Eis das am besten untersuchte Stück Arktis.Mehr als 50 Wissenschaftler haben hier mit schwarzen und roten Flaggen ihre Claims abgesteckt, sie haben ihre perfekte Scholle gefunden. Altes, mehrjähriges Eis gibt es hier. Junges, das mit dem alten durch den Druck der Strömungen miteinander verschweißt wurde. Es gibt dickes Eis und dünneres. Solches mit viel Schnee drauf und einiges mit Schmelztümpeln. Biologen, Chemiker, Physiker und Klimaforscher interessieren sich für diese nassen Flecken. Sie alle hier auf der Expedition suchen mehr oder weniger nach Kleinigkeiten, die in Summe und Masse halt unser Klima mitbestimmen. Nicht alle forschen auf dem Eis. Viele Messgeräte befinden sich auf dem Schiff in Containern – ausgebaut zu kompletten Laboren.

Mikroskope, Filter, Zentrifugen, Messtechnik. Isoliert und mit Heizung, Strom und Schnüffelstücken draußen dran zum Ansaugen der sauberen arktischen Luft. Wer sein Experiment im Container hat, bekommt einen Nebenjob. Den Taxidienst zum Beispiel. „Ein Skidoo bitte zur Tomate“, krächzt das Funkgerät. „Materialtransport.“Auch Eisbärwache mit der Waffe ist so ein Nebenjob. Und es wäre ja eigentlich ziemlich einfach, wenn da nicht überall diese bizarren Skulpturen aus Eis auftauchen würden mit ihrem leisen blauen Schimmer aus dem Dauergrau heraus. Das muss doch Magie sein! Die zieht erst den Blick und dann die Gedanken an sich. Das jetzt ist jedoch nicht gerade die beste Zeit zum Träumen. Das hat sich sowieso gleich mal wie von selbst erledigt.›››››››Das Grau wird plötzlich hell. Aber es wird nicht besser. Die Wolke so knapp über uns gibt ihr Bestes, sie legt sich einfach platt auf der Scholle ab. Alles versinkt mehr und mehr im einheitlichen Grau-Weiß. Nichts ist von den Eisskulpturen, nichts vom magischen Blau im Eis, nichts vom Ballon und kaum noch etwas vom Schiff zu sehen.

Zurück an Bord, kommt die Ansage von Expeditionsleiter Andreas Macke. Kein Risiko. Dieser Forschungstag endet damit früher als sonst, schon nach acht Stunden.Zumindest draußen. Etwas zu tun, so scheint’s, haben die Wissenschaftler eigentlich immer. Schnee, Eis, Wasser werden verpackt in Flaschen, gefrostet in Tüten gestopft oder gefiltert. Und selbst die Crew vom Schiff ist derzeit nicht auf Winterurlaub. Die Kräne setzen ständig Sonden ins Wasser, manchmal aber auch Luise, das Schlauchboot. Auf der Brücke halten vier Schiffsoffiziere abwechselnd immer vier Stunden Wache. Sie steuern die Motoren und vor allem die Bug- und Heckstrahler unter Wasser. Mit denen drücken sie den komplett beladen fast 20000 Tonnen schweren Eisbrecher an die Schollenkante. So sacht, dass das Eis nicht bricht, aber doch fest genug, dass die Forscher über die Gangway auf Landgang gehen können, was hier das Eis wäre.„Bärenwache für Tomate“, krächzt jede verfügbare „Funke“ wieder übers Eis. „Hier kommt gleich jemand zu Fuß rüber zum Schiff.“ Das bin ich. Meine Bärenwache ist zu Ende. Und wieder stapft so ein rotes, etwas unförmig dick verpacktes Wesen über die Scholle, die eigentlich den weißen Bären gehört.