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Samstag, 13.05.2017

Ein Schuss, ein Treffer

Wer einen Eisbären-Angriff überleben will, muss gut aufpassen. So bereitet man sich auf eine Arktis-Expedition vor – Schießausbildung inklusive.

Von Stephan Schön

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 Mit professioneller Schießausbildung bereitet sich SZ-Wissenschaftsredakteur Stephan Schön auf die Expedition ins Eis vor: Top-Treffer, im Ernstfall also gerettet..
Mit professioneller Schießausbildung bereitet sich SZ-Wissenschaftsredakteur Stephan Schön auf die Expedition ins Eis vor: Top-Treffer, im Ernstfall also gerettet..

© Thomas Kretschel

  •  Mit professioneller Schießausbildung bereitet sich SZ-Wissenschaftsredakteur Stephan Schön auf die Expedition ins Eis vor: Top-Treffer, im Ernstfall also gerettet..
    Mit professioneller Schießausbildung bereitet sich SZ-Wissenschaftsredakteur Stephan Schön auf die Expedition ins Eis vor: Top-Treffer, im Ernstfall also gerettet..
  •  Ein Sprint mit kugelsicherer Weste treibt schließlich den Puls in die Höhe.
    Ein Sprint mit kugelsicherer Weste treibt schließlich den Puls in die Höhe.
  • Beim Zielen zählt dann jede Sekunde. Im Knien und im Stehen wird mit schweren Jagdgewehren auf einem Schießstand der Bundeswehr Selbstverteidigung geübt.
    Beim Zielen zählt dann jede Sekunde. Im Knien und im Stehen wird mit schweren Jagdgewehren auf einem Schießstand der Bundeswehr Selbstverteidigung geübt.

Sie wollen doch nur forschen – das Eis betrachten, in die Wolken schauen, Wasser aus dem Ozean schöpfen. Und nun das: Ohrstöpsel rein, Ohrschutz drüber, Waffe holen und ab. „Eisbär-Alarm!“ Jetzt hilft nur noch zielen und schießen. Weiter weg als 30 Meter darf auf den streng geschützten weißen Riesen nicht geschossen werden. Aber ist der 30 Meter nah, dann bleiben nur noch etwa drei Sekunden Zeit. Wenn so ein Eisbär erst einmal sein hungriges Interesse am Forscher entdeckt hat, geht es um Leben und Tod.

Ziemlich krasses Neuland ist das für die Forscher aus Leipzig. Vom dortigen Institut für Troposphärenforschung (Tropos) und der Leipziger Universität kommen sie. Jetzt, zehn Tage vor ihrer Abfahrt ins Nordpolar-Eis, gibt’s die letzten Lektionen. Dort, bei den Wissenschaftlern mit dabei, ist auch die Wissenschaftsredaktion der Sächsischen Zeitung. Die SZ wird die Expedition auf dem Eisbrecher Polarstern begleiten und auch mit den Wissenschaftlern auf das Eis hinausgehen. Dafür ist dieser Schießkurs Voraussetzung.

Zielen, schießen, treffen

Nachladen ist im Normalfall nicht möglich. Ein Schuss, der muss sitzen, das muss es dann auch gewesen sein. Wieder und wieder machen dies die Ausbilder klar. Mit coolen Sprüchen, mit drastischen Bildern. Ein Schuss! Und so gesehen sind fünf scharfe Patronen im Magazin schon reichlich überdimensioniert. Olaf Stenzel, der Oberkommissar bei der Bremerhavener Polizei, redet nicht darum herum. Klartext ist jetzt angesagt. Und er erzählt, was halt ein Eisbär so tut, wenn er Hunger hat und auch, wie er aufgehalten werden kann. Wie letztens in Kanada oder Grönland oder auf Spitzbergen. Das hört sich nicht gut an, ist aber gut für die Aufmerksamkeit. Nicht umsonst hat das Alfred-Wegener-Institut für Polarforschung (AWI) diesen Schießkurs zur Pflicht gemacht für jene Teams, die vom Forschungsschiff aus aufs Eis gehen oder überhaupt in der Arktis unterwegs sind. Vier Szenarien stellt Dirk Mengedoht bei einem allzu „interessierten“ Eisbären vor. Mengedoht ist für die Logistik bei der Polarstern sowie den Polarstationen und damit auch fürs Waffenhandwerk dort zuständig.

Vier Szenarien gibt es also, nur weglaufen kommt dabei in keinem als Option vor. Dafür Lärm, Leuchtpistole, Blitz und Knall, letztlich das Gewehr. Das alles mag ja theoretisch ganz logisch klingen, draußen im Eis bedeutet das aber so richtig Stress. „Doch Stress kann unheimlich hemmen, vor allem das vernünftige Nachdenken“, sagt Mengedoht. Auch deshalb müsse das Szenario schon vorher völlig klar sein.

Olaf Stenzel gibt den Forschern daher Unterricht, theoretisch im Hörsaal und tags darauf praktisch auf dem Bundeswehrschießplatz. Seine Schüler sind dann Professoren. Die haben eventuell vor Urzeiten mal mit der Waffe gedient. Es sind junge Doktorandinnen, die normalerweise nie auf den Gedanken gekommen wären, mal zu schießen. Nein, mit dem Gewehr hantieren, das will hier niemand, nicht der Professor, nicht die Doktorandin. Chefausbilder Stenzel sagt versöhnlich: „Ich hoffe auch, dass ihr das hier nie, nie braucht.“ Und trotzdem: „Achtet auf die Waffen, pflegt sie. Sie könnten euch das Leben retten.“ Größer als das Risiko einer Eisbären-Attacke sei jedoch das eines Unfalls mit der Waffe. Auch deshalb ist dieser Schießkurs so wichtig. 70 Forscher kommen zu so einem Kurs beim AWI jedes Jahr. Viele Hundert Male sind Forschergruppen bisher schon auf dem Eis des Nordens unterwegs gewesen. „Noch nie haben wir aber auf einen Eisbären schießen müssen“, sagt Dirk Mengedoht.

Fehler können tödlich sein

Gefährlich und damit so richtig knapp indes war es schon mehrfach. Und dann kommen die Geschichten: Die vom fast tödlich-leichtsinnig einfach mal abgelegten Gewehr, nur wegen eines Fotos. Oder die vom Helikopter, der gerade noch den Eisbären vertreiben konnte. Es sind die realen Begegnungen mit dem bis zu 800 Kilogramm schweren Riesen. Den, mit den freundlichen dunklen Augen und mit der niedlichen kreisrunden schwarzen Nase. „Genau dorthin müsst ihr zielen.“

Nein, das hier ist nichts für schwache Gemüter. Schwach ist aber hier sowieso niemand, sie wollen ja schließlich alle ganz nah an den Nordpol. Aufs Eis mit Technik und Sensoren, mit Schlitten und Fahrzeugen, mit Ballons und Sendern.

Für die Wissenschaftler von der Leipziger Universität und vom Tropos steht der Landgang, oder besser Eisgang, dann mehrmals täglich bevor. Eisstationen errichten und pflegen, mehrere Hundert Meter um den Eisbrecher Polarstern herum. Und dann gibt es ja noch diesen großen Forschungsballon. Da müssen alle mit anpacken, nur einer nicht: die Eisbärenwache. Einer hat immer die Verantwortung für die ganze Gruppe – der oder die mit dem Gewehr. Schweres Kaliber, 9,3 Millimeter Durchmesser, größer als auf dem Schießstand und noch mehr Pulver dahinter. Das kracht ganz ordentlich und gibt einen heftigen Rückschlag des Gewehrkolbens an die Schulter, warnen die Ausbilder. Unglücklich gehalten, kann dies das Schlüsselbein brechen. Doch bei solch einem Schuss, wenn er nötig wird, ist das dann wohl das kleinste aller Übel.