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Montag, 13.11.2017

Dresdner Mediziner bringen Killerzellen zum Krebs

Es gibt die erste Testzulassung für ein neues Leukämie-Medikament. Therapien gegen andere Tumorarten sollen folgen.

Von Stephan Schön

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Professor Gerhard Ehninger, einer der Klinikdirektoren am Uni-Klinikum, gründete zusammen mit Michael Bachmann vom Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf das Unternehmen Gemoab.
Professor Gerhard Ehninger, einer der Klinikdirektoren am Uni-Klinikum, gründete zusammen mit Michael Bachmann vom Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf das Unternehmen Gemoab.

© dpa

Dresden. Mit der Winzigkeit von nur einem Tausendstel Tropfen biologisch aktiver Substanz wollen Dresdner Mediziner jetzt die ersten Leukämie-Patienten auf eine völlig neue Art heilen. Nach 15 Jahren Forschung hat ein gentechnisch hergestelltes Medikament die weltweit erste Zulassung für den Test im Krankenhaus bekommen.

Zwei Dresdner Wissenschaftler, beide Professoren der TU Dresden, haben ihre Ideen von der Grundlagenforschung bis zum Patienten gebracht. Gerhard Ehninger, einer der Klinikdirektoren am Uni-Klinikum, sowie Michael Bachmann, Direktor des Institutes für Radiopharmazeutische Krebsforschung am Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf, gründeten dafür das Unternehmen Gemoab.

Seit 2011 wurden bereits 180 000 Euro allein für den Patentschutz ausgegeben. 3,6 Millionen Euro kamen vom Bundesforschungsministerium, Darlehen von Risikokapitalgebern und Sächsischer Aufbaubank. Mit einem überragenden Ergebnis nach vergleichsweise wenigen Jahren: Nach dem Jahreswechsel sollen die ersten 35 Patienten mit einer besonders aggressiven Form der Leukämie in Dresden und Würzburg behandelt werden. Alle nötigen Zulassungen lägen vor, sagt Gerhard Ehninger der Sächsischen Zeitung. Es geht dabei um Leukämiepatienten, deren Immunzellen zwar vorhanden, aber inaktiv sind. Diese Immunzellen werden jetzt zu Killerzellen für den Tumor. Das körpereigene Abwehrsystem wird zur Krebsbehandlung aktiviert. Die Patienten bekommen einen speziell designten Eiweißbaustein. Die neue Substanz Gem333 heftet sich mit einem Ende an die untätigen Immunzellen und schleppt sie dann direkt zu den Blutkrebszellen. Dort dockt sie mit dem anderen Ende an, wie eine Kupplung. Und sie gibt Zellgift direkt in die Tumorzelle ab.

Nach spätestens fünf Stunden ist das neue Medikament dann nicht mehr arbeitsfähig, was wichtig ist, um Nebenwirkungen klein zu halten. Allein die Herstellung der ersten Charge für 35 Patienten hat etwa 400 000 Euro gekostet. Teuer und dennoch preiswert sei das – verglichen mit Beträgen von einer halben Million Euro pro Patient, die Firmen in den USA für ihre Therapien verlangten, berichtet Ehninger.

Bis zur allgemeinen Zulassung, so schätzen die Wissenschaftler, werden noch fünf Jahre vergehen. Mit zwei großen Firmen gibt es Verhandlungen. Aber nicht um jeden Preis. Erste Angebote hatten sie abgelehnt. „Wir wollten nicht, dass all das in irgendeinem Panzerschrank verschwindet“, sagt Bachmann. Und Ehninger hofft, dass in Dresden künftig wieder Medikamente von Weltrang hergestellt werden. Mehr noch: Im Forschungsplan stehen bereits andere Krebsarten und ein Turbo für Immunzellen mit hundertfacher Wirkung.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 8 Kommentare

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  1. Roba

    Die Beiden haben Charakter: „Wir wollten nicht, dass all das in irgendeinem Panzerschrank verschwindet“; daraus spricht die begründete Angst vor der miesen Moral mancher Pharmaunternehmen, die nicht nur die Gesundheit von Menschen sondern das gesamte Gesundheitssystem marodiert.

  2. Mediziner

    Herzlichen Glückwunsch an die beiden Professoren Ehninger und Bachmann. Das sind glänzende Nachrichten für die Patienten und für Dresden.

  3. Realist

    Ja herzlichen Glückwunsch an solche Forscher deren wir in vielen Bereichen mehr brauchen. Gerade im medizinischen Bereich könnte man viel weiter sein wenn da nicht gespaart würde. Anstelle der Planungen für Rüstungsausgaben sollte Deutschland ein internationales Forschungszentrum im medizinischen Bereich mit verschidenen Sparten aufbauen u. genügend finanzieren. Der Deutsche ist immer noch zu sehr Obrigkeitshörig u. wehrt sich nicht dagegen das nun Miliarden für Rüstungsmodernisierung ausgegebnen werden soll.Ja wenn die gewählten Abgeordneten des Bundestages die Mehrheit der Wähler vertreten würde könnten sie nicht dafür stimmen.Landesverteidigung ja aber nur innerhalb der Grenzen - auch eine Zusammenarbeit bei der Sicherung der EU Außengrenzen mehr aber nicht.Die Gefahren kommen von Terrororganisationen die sich rächen da Deutschland in Afghanistan u. anderswo tätig ist u. die USA von Deutschland aus Operationen steuern. Das muß geändert werden un Deutschland wird sicherer .

  4. Dicker1328

    Professor Ehninger wird nicht umsonst als „Leukämiepapst“ bezeichnet. Auch ich wurde vor drei Jahren in Dresden von ihm behandelt. Ich litt an einer äußerst aggressiven Form von AML. Dank der Forschung die er zusammen mit anderen betreibt ist es möglich Menschen wie mir zu helfen und zu heilen. Dafür verehre ich diesen Menschen und bin ihm auf ewig Dankbar dass er mir neues Leben geschenkt hat.

  5. BD

    @2: Muss man eigentlich sofort wieder in das Rüstungshorn blasen? Das mag alles richtig sein, aber hier geht es nicht um Rüstung, sondern um Gesundheit. Ich finde die Einstellung der beiden Wissenschaftler toll, dass sie verhindern wollen, dass ihre Ergebnisse in irgendwelchen Safes verschwinden. Ich wette, es liegen viele tolle Erfindungen in Schließfächern von Pharmafirmen. Und das bloß, weil sie nicht so viel Profit bringen wie andere Medikamente. Ein Umdenken muss auch bei den Krankenkassen einsetzen. Man darf dort nicht nur die konkreten Kosten einer Behandlung sehen, sondern man muss auch den Nutzen einer teuren Therapie für die Gesellschaft sehen. Jedenfalls bin ich schon irgendwie stolz, dass wir solche Koryphäen hier in Dresden haben.

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