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Donnerstag, 31.12.2015

Die Retter der Bücher

Restauratoren an der Slub in Dresden machen verkrüppeltes, löchriges und verklebtes Pergament wieder glatt. Dafür brauchen sie ein beinahe tropisches Klima.

Von Annechristin Bonß

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Restaurator Lars Spreer begutachtet ein restauriertes Blatt Pergament aus der italienischen Handschrift. In der Klimakammer wurden zerstörte Stellen ergänzt.
Restaurator Lars Spreer begutachtet ein restauriertes Blatt Pergament aus der italienischen Handschrift. In der Klimakammer wurden zerstörte Stellen ergänzt.

© Ronald Bonss

  • Restaurator Lars Spreer begutachtet ein restauriertes Blatt Pergament aus der italienischen Handschrift. In der Klimakammer wurden zerstörte Stellen ergänzt.
    Restaurator Lars Spreer begutachtet ein restauriertes Blatt Pergament aus der italienischen Handschrift. In der Klimakammer wurden zerstörte Stellen ergänzt.
  • Rebekka Schulz bringt am Lichttisch in der Klimakammer eine Pergamentlösung auf ein zerstörtes Blatt auf. Das stammt aus einem der 150 schwer beschädigten Bücher in der Slub.
    Rebekka Schulz bringt am Lichttisch in der Klimakammer eine Pergamentlösung auf ein zerstörtes Blatt auf. Das stammt aus einem der 150 schwer beschädigten Bücher in der Slub.
  • Diese kirchliche Handschrift auf Pergament stammt aus dem 13. Jahrhundert. Sie wurde reichlich verziert mit Deckfarben und Gold. Doch nach dem Bombenangriff auf Dresden 1945 wurde das Werk wie viele andere stark beschädigt. Nun beginnen Restauratoren in der Sächsischen Landes-, Staats- und Universitätsbibliothek mit der Rettung.
    Diese kirchliche Handschrift auf Pergament stammt aus dem 13. Jahrhundert. Sie wurde reichlich verziert mit Deckfarben und Gold. Doch nach dem Bombenangriff auf Dresden 1945 wurde das Werk wie viele andere stark beschädigt. Nun beginnen Restauratoren in der Sächsischen Landes-, Staats- und Universitätsbibliothek mit der Rettung.

Pergament ist eine richtige Mimose. Der Vergleich mit der äußerst druckempfindlichen Pflanze passt. Die Pergamentblätter aus getrockneter Tierhaut mögen überhaupt keine Feuchtigkeit. Dann werden sie schlabbrig, fast durchsichtig. Schnelle Wechsel zwischen heiß und kalt, trocken und feucht sind auch nicht gut für Pergament. Es reagiert sofort, auch an der Luft. Ist es doch ein noch lebendes Material, das schimmeln, verkrusten und verkleben kann. Und in dem sich Insekten und Mikroben sehr wohlfühlen. Am liebsten mag das Pergament gleichbleibende Temperaturen um die 18 Grad und 50 Prozent Luftfeuchtigkeit. Dann geht es dem Material gut, dann bleibt es bestens erhalten. Ein Klima, das in den Magazinen großer Bibliotheken ständig künstlich erzeugt wird.

Dort lagern unvorstellbar kostbare Schätze in Wort und Bild, festgehalten auf Pergament. Das war nach dem Papyrus der wichtigste Beschreibstoff der Gelehrten, von Verwaltern und Herrschern. Bis ins 18. Jahrhundert hinein beschrieben sie unzählige Blätter Pergament per Hand mit Texten über die Renaissance und Reformation, Kriegs- und Militärhistorika, Pflanzenkunde, Recht und Kirche, den Alltag im Mittelalter. Teils wurden diese Schriften nur ein einziges Mal angefertigt, teils immer wieder neu abgeschrieben, teils Kommentare, aufwendige Illustrationen und Verzierungen hinzugefügt. Ein Schatz, mit dem auch heute noch Wissenschaftler arbeiten.

Die Sächsische Landes-, Staats- und Universitätsbibliothek Slub besitzt viele dieser Schätze. 349 Pergamenthandschriften mit fast 45 000 Blättern aus dem 8. bis 18. Jahrhundert lagern im Archiv. Sie wurden von Bibliotheken in ganz Europa erworben, vom Hofmarschall übernommen oder stammen aus den Sammlungen großer Herrscher. Ein Teil davon ist leider in keinem guten Zustand. Beim Angriff auf Dresden 1945 wurden die wertvollen Unikate in einen vermeintlich sicheren Bombenkeller im Japanischen Palais gebracht und dort in Stahlschränke gelegt. Durch die Bomben entstanden Risse im Beton und Wasser drang ein. Zwar entdeckte ein Mitarbeiter den Schaden schnell. Doch die Dokumente konnten in den Kriegswirren nicht professionell getrocknet werden.

70 Jahre nach dem Krieg sind die Mitarbeiter der Slub noch immer mit den Folgen konfrontiert. 150 schwer beschädigte Pergamentbände in unterschiedlichen Dicken und Größen lagern im Archiv der Bibliothek. Hinzu kommen 130 weniger schwer beschädigte Bücher. Teilweise ist von den Blättern wenig übrig geblieben. Große Löcher klaffen im Pergament, die Ränder sind pechschwarz, das Material bröselig. Teils sind die Bücher ein einziger verklebter Block, unmöglich, die Blätter zu lösen und die Schrift darauf zu lesen.

Die Experten sprechen von Verblockung. „Bisher gab es technologische Grenzen, um diese Bücher zu retten“, sagt Rebekka Schulz. Die 49-jährige Restauratorin arbeitet seit 1985 in der Slub. Dort gibt es eine Werkstatt, in der nicht nur Pergament, sondern auch Papier und Holz gepflegt, repariert und restauriert wird. Für das hochempfindliche Pergament wurde für eine halbe Million Euro eine Klimakammer eingerichtet. Die Anlage ist deutschlandweit einmalig. Dort können die Restauratoren erstmals die zerstörten Blätter bearbeiten.

Die Methode hat Rebekka Schulz entwickelt. Bei der Arbeit in der Klimakammer trägt sie Schuhe, Hosen und Jacken aus Goretex. Denn die Luftfeuchtigkeit in dem kleinen Raum beträgt bis zu 95 Prozent. „Das ist hier wie in den Tropen, nur kälter“, sagt sie. 20 Grad Celsius misst die Lufttemperatur. Acht Stunden lang wird die Luft in diesen Zustand hochgefahren, dabei 500 Kubikmeter Luft pro Stunde umgewälzt. Die Pergamentbücher gewöhnen sich ganz langsam daran. Durch die hohe Luftfeuchte werden die Blätter weich, die Restauratorin kann sie voneinander lösen und später einzeln bearbeiten.

Dafür gibt es in der Kammer einen Lichttisch. Die Blätter liegen auf einem dichten Sieb. An der Unterseite ist ein Sauger angeschlossen. Der saugt die Flüssigkeit weg und hält gleichzeitig die Blätter fest, die sich wegen ihrer weichen Konsistenz breit ziehen lassen. So verschwinden Ecken und gewellte Flächen genauso wie übereinanderliegende, verklebte Teile. Um die Löcher zu schließen, bringt Rebekka Schulz eine Lösung aus Pergamentpulver und Papierfasern auf. Die milchige Flüssigkeit kommt tröpfchenweise aus einer kleinen Kanüle auf das Pergament, der Sauger nimmt das Wasser auf, die Fasern und Pergamentteilchen bleiben liegen.

Danach wird das bearbeitete Blatt beschwert und das Klima in der Kammer langsam wieder normalisiert. So lange, bis alle Feuchtigkeit aus dem Pergament gewichen ist. Mehrere Wochen vergehen, bis das Blatt wieder komplett ist. Bis das ganze Buch wieder als solches vorliegt, der Leser darin blättern kann, vergehen Monate, wenn nicht Jahre. Das wissenschaftliche Puzzlespiel in der Klimakammer braucht vor allem eins: Geduld. Trotzdem: „Es ist eine geistig extrem anspruchsvolle Arbeit“, sagt Rebekka Schulz. Sie muss hoch konzentriert arbeiten. Denn immer liegt ein Original von meist unschätzbarem Wert vor ihr. Wie viel dieser in Euro misst, will die Restauratorin gar nicht wissen. Sie hat nur diesen einen Versuch, das Pergamentblatt zu retten.

„Uns geht es darum, das Buch wieder als Buch greifbar zu machen“, sagt sie. Um den Inhalt kümmern sich andere Retter. Denn sind die Blätter erst einmal wieder glatt und komplett, können sie digitalisiert werden. Dafür gibt es in der Slub eine eigene Abteilung. Dann helfen Computer dabei, die manchmal vergilbten oder verloren gegangenen Buchstaben wieder sichtbar zu machen, zu ergänzen oder zu entziffern. Das allerdings ist erst nach getaner Arbeit der Slub-Restauratoren möglich.

Wissenschaftler aus der ganzen Welt profitieren davon. Sie studieren begeistert die geretteten Bücher. So wie die italienische Handschrift aus dem 14. und 15. Jahrhundert über Caesar. 1589 kam sie aus der Bibliothek der Grafen von Werthern in den Besitz der Sachsen. Ein italienischer Humanist hat die Zeilen mit unzähligen handschriftlichen Kommentaren und Korrekturen ergänzt. Dafür interessierte sich nun ein italienischer Wissenschaftler, der zum Gallischen Krieg forscht. In einer Mail an die Slub schrieb er von der enormen Bedeutung der Schrift und ihrem kulturellen Wert und bat um eine schnelle Restaurierung. Das Buch sei das edelste Beispiel der humanistischen Philologie.

Die Restauratoren konnten ihm helfen. Einen Teil der Kommentare hat der Italiener so für seine Doktorarbeit genutzt. Ein kleiner Teil des großen Schatzes lebt nun weiter, außerhalb der verschlossenen Archive. Für Rebekka Schulz ist das ein Erfolg. Viele Hunderte Blätter vom mimosenhaften Pergament liegen noch in den Archiven mit all ihren Flecken, Löchern, verklebten Stellen. Sie warten auf das tropisch milde Klima in der kleinen Kammer. Die Restauratorin weiß, dass sie niemals alle der Bücher restaurieren und retten kann. Die kommenden Generationen müssen die Arbeit fortsetzen. Die ist es aber wert, findet Rebekka Schulz. „Pergament ist solch ein fantastisches Material.“

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