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Die Pille im Trinkwasser

Rückstände von Medikamenten landen massenhaft in der Umwelt. Dresdner Forscher könnten das verhindern.

12.09.2016
Von Sebastian Martin

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 im Trinkwasser

Gegen nahezu jedes Leiden hilft die passende Pille. Sie senken Fieber, machen Schmerzen erträglich oder töten Bakterien ab. Ihre Wirkung entfalten viele Mittel allerdings nicht nur im Körper, sondern auch in der Umwelt. Denn der Mensch kann die meisten Wirkstoffe nicht vollständig abbauen. Über den Urin scheidet er sie aus. Hinzu kommt, dass überlagerte Medikamente gern komplett in die Toilette geworfen werden. Eine repräsentative Studie des Instituts für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt zeigt, dass nahezu jeder zweite Deutsche nach der Devise handelt: Deckel auf, alte Tabletten rein, Spülung drücken, fertig.

Ein Tausende Tonnen schwerer Medikamenten-Mix gelangt deshalb jedes Jahr deutschlandweit in Flüsse, Seen und Teiche. Sogar im Trinkwasser finden Wissenschaftler vereinzelt Spuren. Denn herkömmliche Kläranlagen kapitulieren regelmäßig vor diesen chemischen Cocktails. „Es gibt Stoffe wie Ibuprofen, die in der Kläranlage Kaditz nahezu vollständig eliminiert werden. Andere Stoffe wie Diclofenac und Carbamazepin passieren sie hingegen ohne nennenswerte Verringerung der Konzentration“, sagt Jana Wenke von der Stadtentwässerung Dresden. Ihr zufolge werden durchschnittlich etwa 40 Prozent der Wirkstoffe entfernt – und damit nach eigenen Angaben so viele wie in den meisten anderen Städten.

Höher liegt die Erfolgsquote der Kläranlagen, wenn Aktivkohlefilter oder Ozon zum Einsatz kommen. Diese Methoden seien aber nicht optimal, sagt Burkhardt Faßauer vom Fraunhofer Institut für Keramische Technologien und Systeme (IKTS) in Dresden. Mit seinem Team entwickelt er energiesparende Verfahren, welche die Medikamentenrückstände ohne Chemikalien entfernen. Auch unerwünschte Nebenprodukte fallen ihm zufolge weg. „Besonders effizient sind keramische Bauteile wie offenporige Keramikschäume, die mit speziellen Katalysatoren beschichtet werden und in Verbindung mit UV-Licht die Spurenstoffe unschädlich machen“, erklärt der Wissenschaftler.

Gefahr für Tiere und Pflanzen

Die Dresdner Forscher könnten somit dazu beitragen, dass die Gewässer nicht noch stärker zu flüssigen Apotheken mutieren. Mehr als 150 der weggespülten Medikamente haben Wissenschaftler inzwischen nachgewiesen. Die Dunkelziffer dürfte bei etwa 3 000 zugelassenen Wirkstoffen deutlich höher liegen. Denn zum Aufspüren der meisten Substanzen sind spezielle Tests nötig, die es manchmal noch gar nicht gibt. Also wird häufig nur das gefunden, wonach gezielt gesucht wird. Zwar bewegen sich die gemessenen Werte oft im Nanogrammbereich und entsprechen damit etwa einem Stück Würfelzucker in einem See, wie es der Verband forschender Arzneimittelhersteller mal in einem Positionspapier ausgedrückt hat. Doch auch wenn die Konzentration für den Menschen bislang als absolut ungefährlich gilt, für die dauerhaft im Wasser lebenden Tiere und Pflanzen ist sie es nicht.

„Arzneimittelwirkstoffe sind biologisch hochaktive Stoffe, die gezielt in den Regelungsmechanismus von Organismen eingreifen: Sie können zum Beispiel den Stoffwechsel beeinflussen, das hormonelle Gleichgewicht verschieben oder die Signalübertragung von Zelle zu Zelle verändern“, heißt es aus dem Umweltbundesamt. Der Wirkstoff der Anti-Baby-Pille beeinträchtige demnach schon in geringen Mengen die Reproduktion von Fischen. Das Schmerzmittel Diclofenac schädige innere Organe wie Leber und Niere. Und Antibiotika würden das Wachstum von Algen und Unterwasserpflanzen hemmen – um nur drei Beispiele zu nennen. Schwedische Wissenschaftler haben zudem in Laborexperimenten herausgefunden, dass Flussbarsche, die dem Psychopharmaka Diazepam ausgesetzt sind, das Verhalten ändern. Sie werden mutiger, verlassen ihre Verstecke häufiger und fressen mehr. Dies könne ernste Folgen für das Ökosystem haben, warnen Forscher.

Sorgen bereiten den Experten zudem, dass für viele Medikamente die potenziellen Risiken nur schwer einschätzbar sind. Denn dafür fehlen Wirkungsdaten und Langzeituntersuchungen. Außerdem weiß niemand, wie die verschiedenen Substanzen miteinander reagieren – zumal nicht nur die aus der Humanmedizin in den Gewässern landen, sondern auch die aus der Landwirtschaft. Und so bleibt, obwohl bislang noch keine gesundheitlichen Folgen für den Menschen nachgewiesen wurden, ein Unbehagen.

Burkhardt Faßauer vom Fraunhofer Institut für Keramische Technologien und Systeme rechnet daher mit einer gesetzlichen Regelung. Am besten wäre es, wenn überhaupt keine Medikamentenrückstände in der Umwelt auftauchen würden, sagt der Wissenschaftler. Jana Wenke von der Stadtentwässerung Dresden sieht das ähnlich. Jeder könne einen Beitrag leisten, sagt sie. „Einerseits durch eine bewusste und verantwortungsvolle Anwendung von Arzneimitteln, andererseits vor allem dadurch, dass Arzneimittelreste nicht über die Toilette, sondern über den Restmüll entsorgt werden.“ Dies machen aber nur 15 Prozent immer, wie die Studie des Instituts für sozial-ökologische Forschung zufolge zeigt. Also könnten die von Dresdner Wissenschaftler entwickelten Bauteile helfen, das Problem in den Griff zu bekommen. Denn die keramischen Wasserreinigungssysteme sind nach Angaben von Burkhardt Faßauer vielseitig einsetzbar – zum Beispiel als Kleinanlage direkt beim Endverbraucher oder als letzte Behandlungsstufe im Wasserwerk. Bis zur Marktreife dürfte allerdings noch etwas Zeit vergehen. Derzeit ist man noch mit der Kostensenkung beschäftigt, um die Bauteile massentauglich produzieren zu können.