erweiterte Suche
Montag, 07.01.2013

Die Illusion vom Ende der Geschichte

Viele Menschen halten sich im Moment für relativ ausgereift. Zehn Jahre später sehen sie das im Rückblick ganz anders.

Cambridge/Washington. Der Mensch ändert sich stärker, als er denkt. Auf diesen Nenner lassen sich die Ergebnisse mehrerer Studien mit insgesamt 19 000 Befragten über Persönlichkeit, Werte und Vorlieben bringen. Im Durchschnitt erwarteten die Teilnehmer für die kommenden zehn Jahre deutlich weniger Veränderungen, als sie in den vergangenen zehn Jahren hatten. Die Wissenschaftler um Jordi Quoidbach von der Harvard-Universität in Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts nennen dieses Phänomen die Illusion vom Ende der Geschichte, weil viele Menschen annähmen, dass sie heute am Ziel ihrer persönlichen Entwicklung angekommen seien.

Das Ergebnis treffe auf alle Altersgruppen von 18 bis 68 Jahren zu, berichten die Forscher im US-Fachjournal „Science“. Allerdings nehmen mit zunehmendem Alter sowohl die angegebenen als auch die vorhergesagten Veränderungen ab, insbesondere bei den Vorlieben und den Werten.

Die Autoren der Studie erklären die Ende-der-Geschichte-Illusion zum einen damit, dass die meisten Menschen glaubten, ihre aktuelle Persönlichkeit sei attraktiv, ihre Werte bewundernswert und ihre Vorlieben klug. Zum anderen sei eine Voraussage etwas völlig anderes als ein relativ einfacher Bericht über Vergangenes. „Die Menschen denken gut über sich selbst und fühlen sich sicher in ihrer Einschätzung“, schreiben die Forscher.

Unveränderlicher Geschmack?

Das Team hatte unter anderem auf der Internetseite einer populären Fernsehshow die Teilnehmer zur Online-Befragung eingeladen. Mit etablierten psychologischen Methoden wurden Persönlichkeitsmerkmale, Werte und Vorlieben erfasst. Das Team verglich dabei zum Beispiel die Zukunftsvorstellungen von heute 18-Jährigen mit den Veränderungen in den vergangenen zehn Jahren von heute 28-Jährigen. Zudem werteten die Forscher Daten von 3 808 Menschen der sogenannten Midus-Studie aus, die 1995 bis 1996 und erneut 2004 bis 2006 über ihr vergangenes Leben und ihre Zukunftsvorstellungen befragt worden waren.

In einer weiteren Studie zeigten Quoidbach und Kollegen, dass die Ende-der-Geschichte-Illusion auch zu einseitigen Entscheidungen führen kann: Während einige der Befragten für ein Konzert ihrer vor zehn Jahren favorisierten Band heute noch rund 80 Dollar (60 Euro) bezahlen würde, gaben andere an, für ein Konzert ihrer derzeitigen Lieblingsband in zehn Jahren bereits heute durchschnittlich 129 Dollar ausgeben zu wollen. Das sind 61 Prozent mehr. Dies sehen die Forscher als Beleg an, dass die meisten Menschen ihren derzeitigen Geschmack für nicht oder kaum veränderlich halten. (dpa)

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.