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Mittwoch, 24.06.2015

Der Welt-Wächter ist da

Jetzt wird es Bilder von der Erde geben, wie sie nie jemand vorher gesehen hat: schön, bunt und lebenswichtig.

Von Stephan Schön, z.Zt. Kourou

Knapp 55 Minuten nach dem Start am Dienstagmorgen um 3.52Uhr deutscher Zeit erreichte Sentinel-2 seine Position im All.
Knapp 55 Minuten nach dem Start am Dienstagmorgen um 3.52 Uhr deutscher Zeit erreichte Sentinel-2 seine Position im All.

© Esa

Die Vögel spüren es zuerst. Da stimmt etwas nicht. Es ist das Buschfeuer in der Ferne. Kreischend verlassen sie ihre Nester und flüchten aus dem Dschungel. Kurz vor Mitternacht, als in Kourou die Ingenieure das Feuer entfachen, ist es mit der Nachtruhe für die Natur vorbei. Kurzzeitig zumindest. Erst das grelle Licht. 20 Sekunden später rollt ein Donnergrollen über den Sumpf auf den Beobachtungspunkt im Urwald von Französisch-Guayana zu. Und auch das nur, um keine fünf Minuten später den Dschungel wieder sich selbst zu überlassen. Vega, das neue Vieh aus dem Dschungel, ist auf und davon.

Vega ist die kleinste der europäischen Raketen und hat gerade ihren fünften und letzten Testflug geschafft. Im Gepäck Sentinel-2, was so viel wie Wächter heißt. Inzwischen ist er oben angekommen, auf seinem Wachturm. Und dieser Turm ist hoch. Ganze 786 Kilometer. Startdirektor Paolo Laberinti von der europäischen Raumfahrtagentur Esa ist begeistert. Auf den Punkt genau sind die 1,1 Tonnen Hightech hoch über der Erde angekommen. „Jetzt gibt’s erst einmal einen Gesundheitscheck“, sagt er. Zwei Wochen dauert das etwa. Dann kann der Wächter sehen.

Datenautobahn aus Laserstrahlen

Mit 13 Augen beginnt er nun, auf die Erde herabzuschauen in rot, grün, blau und mit zehn weiteren Farben noch, oder präziser: 13 sichtbaren und unsichtbaren Lichtspektren. Die weltweit modernste Multispektralkamera ist dort montiert. Sentinel-2 bringt Farbe ins All. Und von dort auf einer Datenautobahn aus Laserstrahlen über die Kommunikationssatelliten zurück zur Erde. Nie gab es schnellere, größere Post aus dem Weltraum. Und all dies, um die Erde besser zu verstehen, sagt Volker Liebig. Er ist in der europäischen Weltraumagentur Esa für die Erdbeobachtung zuständig. Die hat den Satelliten in Deutschland bauen lassen, bei Airbus Defence and Space in Friedrichshafen.

Alle zehn Tage wird dieser Neue nun am Himmel jeden Punkt der Erde abfotografieren. Kommt im nächsten Jahr dann noch sein Zwilling dazu, dann gibt es alle fünf Tage eine Botschaft über den Zustand von jedem Winkel auf der Erde. Eisberge und Alpen, Dürren und Fluten, Wiesen und Felder kann der Wächter beobachten. Erdbebenfolgen wie die in Nepal, ausufernde Städte, explodierende Vulkane und abgeholzte Wälder. „Es gibt bisher kein besseres Gerät, um den Zustand der Erde zu erkennen“, sagt Liebig. Alle Hoffnungen ruhen nun auf den kommenden drei Monaten, erst dann gibt es Bilddaten für alle, und das kostenlos. Bis dahin wird der Fotoapparat im All scharf gestellt und justiert. Das passiert von Leipzig aus. Auch mit so etwas wie einem Wächter.

Nur, die Wächter vom Umweltforschungszentrum Leipzig (UFZ) sitzen nicht im All. Sie haben einen Turm, der ist rund 60 Meter hoch. Genug, um über Wälder und Weiden, Wiesen und Felder zu schauen. Von dort blicken die identischen Sensoren wie vom Satelliten aufs Land. Mit 13 Augen. Sie schauen exakt zur selben Zeit auf dieselbe Stelle, die auch der Sentinel aus dem All sieht.

Die Leipziger Forschungsgruppe von Daniel Doktor gehört in diesen ersten drei Monaten mit zum weltweiten Bodenpersonal für Sentinel. „Wir haben hier einen zentralen Validierungsstandort“, sagt der Wissenschaftler. Was nichts anderes bedeutet, als Bilder zu vergleichen mit der Wirklichkeit. Wie ändert sich die Farbe in den 13 Farbkanälen, wenn es der Pflanze schlecht ergeht, wenn sie Trockenstress hat? Kann man vielleicht die einzelnen Baumarten aus dem All voneinander unterscheiden? Daniel Doktor hofft es. Volker Liebig von der Esa auch.

Vor allem um die Landwirtschaft geht es der Esa und der Europäischen Kommission, die diese neue Erdbeobachtung gemeinsam finanzieren. Copernicus nennt sich Europas Großprojekt für die Erde. Zehn Satelliten sollen es einmal sein für Erde, Wasser, Luft, Eis und Wetter. Sentinel-2 ist vor allem für die Biosphäre zuständig. „Es geht um nicht weniger als die größte Herausforderung auf diesem Planeten, die Welternährung“, sagt Esa-Manager Volker Liebig. Bis 2050 werde sich nach Uno-Schätzungen der Nahrungsbedarf der Welt verdoppeln, die Ackerfläche indes nicht. „Satellitenbilder könnten eine Menge dafür tun, dass die Menschheit trotzdem satt wird.“ Präzisions-Landwirtschaft nennt es Liebig, vom Satelliten hinunter auf den Acker schauen. Weltweit.

Kartoffelkäfer vom All aus finden

Das hieße dann zum Beispiel, Dünger und Wasser exakt im besten Maße verteilen. Und Sentinel kann Kartoffelkäfer vom All aus entdecken. Natürlich nicht direkt, aber deren Schäden an Pflanzen. Bakterien oder Viren, die ganze Ernten zerstören, werden so schon frühzeitig sichtbar. Schließlich soll der Wächter ein globales Frühwarnsystem ermöglichen. Eines, das lange vor Missernten Alarm schlägt. Spekulationen mit Lebensmitteln an den Börsen werden so schwieriger, Hilfsprogramme planbar.

Ab September, so hoffen die Planer bei der Esa, könnte das schon möglich werden. Dann wird die fliegende Kamera Fotos in nicht nur ziemlich komischen Farben, sondern auch noch in einem sehr eigenwilligen Format machen, sagt Albert Zaglauer, Europa-Direktor von Airbus. 30 000 Pixel sind dies pro Bild, nur sind sie alle nebeneinander. Dafür das Ganze aber 700-mal in der Sekunde.

Damit ist Sentinel-2 auch ein Wächter für die vom Raketenlärm belästigten Vögel im Urwald von Kourou. Denn auch ihr Terrain ist im Hinterland großflächig bedroht. Durch Abholzung und durch immer mehr illegale Goldschürfer, die mit Quecksilber anrücken. Der Wächter im All könnte beides finden und so auch den Vögeln den Wald erhalten. Und dafür können die Ingenieure von Kourou sie schon mal mitternachts aus ihren Nestern jagen.

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