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Donnerstag, 26.01.2017

Der Türöffner

Beim Science Match „Future Technologies“ treten in Dresden 100 Forscher auf die Bühne. Einer von ihnen ist der Optoelektroniker Karl Leo. Die Neugier treibt ihn immer wieder an.

Von Jana Mundus

Karl Leo forscht seit Kurzem in den neuen Laboren des Hermann-Krone-Baus an der TU Dresden – wenn ihn nicht wieder die Schreibtischarbeit davon abhält.
Karl Leo forscht seit Kurzem in den neuen Laboren des Hermann-Krone-Baus an der TU Dresden – wenn ihn nicht wieder die Schreibtischarbeit davon abhält.

© Ronald Bonß

Der Fortschritt stagniert. Vor dem Bücherregal macht er Halt. Fein säuberlich aufgereiht stehen dort die Standardwerke der Physik. Große und kleine Bücher. Dicke Wälzer neben schmalen Heftchen. Sie fristen kein langweiliges Leben, kein Dasein in der Unbedeutsamkeit. Nahezu täglich zieht Karl Leo einige von ihnen heraus, schlägt Dinge nach. „Wenn ich eine Idee habe, brauche ich eigentlich erst einmal nur ein Blatt, einen Stift und ein Buch“, sagt er. Sicher, vieles könnte der Professor für Optoelektronik an der Technischen Universität Dresden auch im Internet nachschauen. Er könnte recherchieren auf der Datenautobahn, deren Arme die ganze Welt verbinden. „Aber ich liebe eben meine Bücher.“

Wer den 56-Jährigen nicht näher kennt, findet das wahrscheinlich gar nicht seltsam. Vielleicht ist er einer, der entschleunigt. Der sich auch mal Zeit nimmt für ein Buch. Wer allerdings weiß, auf welchem Gebiet Karl Leo arbeitet, dürfte stutzen. Es will nicht so recht passen zu den Sachen, mit denen er sich beschäftigt. Er hat die künstliche Beleuchtung neu erfunden. Ist der Herr der Oleds, der organischen Leuchtdioden. Die kleinen Wunderdinger können neues, helles Licht erzeugen. Im Vergleich zu normalen Leuchtstoffröhren brauchen sie dafür aber viel weniger elektrische Energie. Absolut umweltfreundlich. Für die Produktion, bei der eine Glasscheibe mit einer Kohlenstoffverbindung bedampft wird, wird sehr wenig Material verwendet. So leuchtet die Zukunft.

Mitten in der Zukunft arbeitet Karl Leo quasi schon. Mitte Dezember zogen er und seine Bücher um. Vom altehrwürdigen Beyer-Bau der TU Dresden in einen modernen Neubau an der Nöthnitzer Straße. Ganze 30 Millionen Euro hat der gekostet. Erst in dieser Woche wurde der Hermann-Krone-Bau eingeweiht. Das Institut für Angewandte Photophysik, dessen Leiter Leo ist, und das Forschungszentrum CfAED haben hier ein neues Zuhause gefunden.

Zimmer 2.11 im zweiten Obergeschoss gehört nun dem Institutschef. Die Raumgröße ist übersichtlich, die Einrichtung funktional. Nichts Großartiges oder Repräsentatives. Das ist nicht sein Stil. Hier ist kein Platz für Statussymbole. In der Ecke stehen noch zwei große Stapel Umzugskisten. Irgendwann wird er Zeit finden, auch die noch auszupacken. Im Regal liegt der Fahrradhelm. Statt mit ledernem Aktenkoffer kommt der Professor lieber mit Rucksack ins Institut.

Das ist nun ein heller Bau mit riesigen Fenstern, klaren Formen, wenig Schnickschnack. Doch er steckt voller Innovationen. Eine klebt an der Fassade. Organische Kohlenstoff-Zellen sind in einer Kunststofffolie an die Fenster angebracht worden. Diese Folie ist biegsam, teils transparent. Eine moderne Fotovoltaikanlage. Noch effektiver als herkömmliche Anlagen gewinnt sie Strom aus dem Sonnenlicht. Karl Leos Ideen im Stadtbild.

Für diese Ideen bekam der Dresdner – gemeinsam mit seinen Mitstreitern der Dresdner Firmen Novaled und Heliatek – 2011 den Deutschen Zukunftspreis verliehen, damals auch noch als Direktor des Fraunhofer-Instituts für Photonische Mikrosysteme. Novaled und Heliatek, das sind zwei TU-Ausgründungen, die Karl Leo mit auf den Weg gebracht hat und die die Dresdner Oled-Technologie nun weltweit bekannt machen. Nach der Preisverleihung in Berlin gab es damals eine riesige Party mit allen Weggefährten. „Viele Mitarbeiter erzählen noch heute von der Veranstaltung, die wir damals im Hygienemuseum organisiert haben“, erinnert sich Karl Leo. Er teilt den Erfolg gern. Weil er weiß, dass dafür eben nicht nur ein kluger Kopf reicht.

Eigentlich braucht Karl Leo solche Ehren aber nicht. „Natürlich habe ich mich darüber gefreut. Aber ich bin ja nicht in die Wissenschaft gegangen, um Preise zu gewinnen“, sagt er. Eine Wand mit gerahmten Urkunden gibt es in seinem neuen Arbeitszimmer nicht. Dabei hat er davon schon einige bekommen. Neben dem Zukunftspreis auch den Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgesellschaft, eine der wichtigsten Ehrungen in der Wissenschaftswelt. All das öffnet Türen, macht es hier und da vielleicht einfacher, Gelder für neue Forschungen zu akquirieren. Davon braucht das Institut für Angewandte Photophysik pro Jahr eine ganze Menge. Neben Fördergeldern fast drei Millionen Euro. Leo ist deshalb mehr am Schreibtisch zu finden als im Labor. Institutsleiter sein, heißt, Manager zu sein. Heißt, die Arbeit des Hauses bekannt zu machen und immer wieder zu hoffen, dass es Unterstützer gibt.

Gerade aus der Wirtschaft. „Es ist leider immer noch nicht so einfach, die Industrie für organische Halbleiter zu begeistern“, erzählt er. Die Ausgründungen Novaled und Heliatek passierten nicht einfach so. Sie waren notwendig, um aus den Ideen Produkte werden zu lassen, die sich vermarkten lassen. Ein Kraftakt. „Um die Finanzierung von Novaled haben wir zum Beispiel fast anderthalb Jahre gekämpft“, erinnert er sich. Am Ende war es eine Geschichte mit Happy End – in Koreanisch. Der Handy-Hersteller Samsung begeisterte sich vor Jahren für die Oled-Idee aus Dresden. Heute sorgen Oleds im Display des Smartphones Samsung Galaxy dafür, dass es leuchtet und Schrift und Zahlen zu sehen sind. Wenn ihn jemand fragt, was er beruflich macht, hat es Karl Leo deshalb einfach. „Dann zücke ich einfach mein Handy.“

Seit Kurzem gibt es für das Gegenüber in so einer Situation auch etwas Modernes zu sehen. Karl Leo hat ein neues Handy. Natürlich Samsung. Aber fast fünf Jahre blieb er davor seinem alten Gerät treu. Keine Marotte, sondern feste Überzeugung. „Ich hänge an alten Sachen“, erklärt er. Facebook oder Twitter, das ist nichts für ihn. Gespräche sind gut. „Und ich kann es eben nicht leiden, wenn die Leute heute alle zwei Jahre ein neues Smartphone haben.“ Diese Wegwerf-Mentalität ist nicht sein Ding. Schließlich weiß er, wie viel Gehirnschmalz in solch einem Modell steckt. Er hat Achtung vor der Arbeit von Entwicklungsabteilungen. Er kennt die Höhen und Tiefen und die Energie, die so ein Prozess kostet, aus eigener Erfahrung.

Wenn Karl Leo von seiner Arbeit erzählt, dann ist er fast nicht zu bremsen. Es macht ihm sichtlich Spaß, was er da tut. Eine 60-Stunden-Woche ist keine Seltenheit. Doch er regt sich nicht darüber auf. „Ich bin jemand, der im Büro die Zeit vergisst. Wenn ich dann doch mal auf die Uhr schaue, denke ich: Oh nein, es ist schon halb vier.“ Seine Frau und die beiden Kinder hätten das all die Jahre mitgemacht. „Meine Frau hat mir den Rücken frei gehalten“, gibt er einen seltenen Einblick ins Privatleben. Dafür ist er ihr unheimlich dankbar. Heute sei sein Sohn 22, die Tochter 20. Da ist das schlechte Gewissen nicht mehr so groß, wenn der Beruf mal wieder die Oberhand über den Feierabend gewinnt. Eines ist Karl Leo jedoch heilig: das Wochenende. „Da versuche ich, wirklich abzuschalten.“ Meistens gelingt ihm das.

Kurz ausspannen. Dafür bleibt im Berufsalltag wenig Zeit. Daran wird wohl auch die schicke Couch nichts ändern, die bald in Karl Leos Arbeitszimmer im Hermann-Krone-Bau einziehen soll. Aber zumindest kann er dort mit seinen Kollegen bequem sitzen, wenn sie an den neuesten Technologien tüfteln.

„Wir lassen uns einfach von unserer Neugier leiten, das klappt am besten“, beschreibt er solche Prozesse. Innovation auf Zuruf funktioniere nicht. Gerade tasten sie sich auf dem Gebiet der Sensorik voran. Wie viel Wirkstoff steckt in einer Arznei? Wie viel Wasser in einer Pflanze? All das könnten in Zukunft kleine organische Halbleiter erspüren und verraten. „Möglich wäre mit dieser Technik auch ein Pflaster, das auf dem Körper ein 24-Stunden-EKG aufzeichnet“, verrät Leo die Gedanken seines Teams.

Es gibt also auch in Zukunft eine Menge zu tun. Früher hielt Karl Leo die Fäden des Instituts allein in der Hand. Heute verteilt sich die Verantwortung auf ein fünfköpfiges Team. Parallel wird an bis zu 40 Projekten gleichzeitig gearbeitet. „Ich denke, ich kann Verantwortung gut abgeben“, schätzt sich der Physiker selbst ein. „Oder ich hoffe es zumindest.“ Der Wissenschaftler an sich würde ja ab und an gern mal zur Besserwisserei neigen. „Und wir hören uns leider auch gern selbst reden.“

Letzteres soll ihm an diesem Donnerstag nicht zum Verhängnis werden. Zum ersten Mal findet in Dresden die Veranstaltung „Future Technologies“ statt, die Forschung und Wirtschaft zusammenbringen soll. Über 100 Wissenschaftler stellen ihre Arbeit in Drei-Minuten-Vorträgen vor. Karl Leo spricht auch über das Wunderpflaster. „Hoffentlich überziehe ich zeitlich nicht“, sagt er. Wenn am Ende aber ein Wirtschaftsvertreter Geld für das Institut lockermacht, um genau diese Forschung zu unterstützen, wäre dieser Fauxpas wohl gar nicht so schlimm.

Science Match

  • 100 Forscher, 100 Ideen, eine Bühne. Das ist das Konzept des Science Match „Future Technologies“, das an diesem Donnerstag in Dresden stattfindet.
  • In jeweils drei Minuten stellen Forscher aus den Technikwissenschaften ihre Projekte vor. Als Referenten sind namhafte Köpfe aus sächsischen Forschungseinrichtungen dabei.
  • Science Match ist ein innovatives Veranstaltungsformat, das Wissenschaft, Wirtschaft, Start-ups, Nachwuchskräfte, Medien und gesellschaftliche Akteure über die Zukunftsfragen eines Themas vernetzt.
  • Veranstalter ist Der Tagesspiegel gemeinsam mit dem Freistaat Sachsen. Die DDV-Mediengruppe mit der Sächsischen Zeitung ist als Partner dabei.
  • „Future Technologies“ gehen von 9 bis 18 Uhr, im Ostrapark ErlweinForum in Dresden über die Bühne.