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Dienstag, 10.06.2014

Der geheime Code hinter den 800 Schriftzeichen

Bonner Forscher arbeiten an einem Maya-Wörterbuch. Doch jetzt müssen sie erkennen, dass es auch noch Dialekte gibt.

Von Dorothea Hülsmeier

Ein Schatz im Tresorraum der Dresdner Uni-Bibliothek. Dort befindet sich der am besten erhaltene Maya-Codex.
Ein Schatz im Tresorraum der Dresdner Uni-Bibliothek. Dort befindet sich der am besten erhaltene Maya-Codex.

© Robert Michael

Die Maya bauten gigantische Pyramiden, waren Meister im Rechnen, und sie hinterließen rund 800 rätselhafte Schriftzeichen. Deren Entzifferung dauert nun bereits fünf Jahrhunderte. Forscher der Universität Bonn wollen nun in einem 15 Jahre dauernden Projekt die Hieroglyphen der Maya neu erforschen und ein komplettes „Wörterbuch des Klassischen Maya“ erstellen.

Das ist eine ziemliche Sisyphos-Arbeit. Denn um das Ziel zu erreichen, will ein zehnköpfiges Forscherteam rund 10 000 Inschriften aus der Zeit von 250 v. Chr. bis 900 n. Chr. in den nächsten Jahren erschließen und digitalisieren, wie der Leiter des Projekts, Professor Nikolai Grube, sagt. Darauf basierend soll dann das Wörterbuch als Datenbank und in gedruckter Form erstellt werden. Es soll den gesamten Sprachschatz der Maya abbilden.

Der Schlüssel für die Schrift muss noch gefunden werden, um einen Einblick in die alte indianische Kultur vor der Ankunft der europäischen Eroberer zu bekommen“, sagt Grube. Auch die Grammatik und Rechtschreibung der alten Maya-Sprache soll erforscht werden. Hilfreich ist dabei, dass heute noch etwa sechs bis acht Millionen Menschen in Mexiko und Guatemala rund 30 Maya-Sprachen beherrschen.

Kreuzworträtsel für Forscher

Durch Sprachvergleiche wollen die Forscher das klassische Maya rekonstruieren. „Weltweit sind wir in Bonn das Forschungszentrum für die Entzifferung der Maya-Schriften“, sagt der Altamerikanist Grube nicht ohne Stolz. Gefördert wird das Langzeitvorhaben nun mit insgesamt 5,4 Millionen Euro von Bund und Ländern.

30 bis 40 Prozent der Maya-Zeichen seien noch nicht entziffert, sagt Grube. Einige Texte seien bereits entschlüsselt worden, andere aber noch gar nicht. „Es ist wie ein Kreuzworträtsel“, sagte Grube. „Je mehr man gelöst hat, umso einfacher wird das Ausfüllen der weißen Felder.“ Aber an einigen Stellen beiße man sich dann doch die Zähne aus. Inzwischen fanden die Wissenschaftler zumindest heraus, dass es einen Ost- und einen Westdialekt der Maya gab.

Für die heutigen Forscher muss das Entziffern der altamerikanischen indianischen Schrift wohl ähnlich faszinierend sein, wie es einst für den Franzosen Jean-François Champollion (1790–1832) die Entschlüsselung der ersten Hieroglyphen der alten Ägypter war „Der amerikanische Kontinent ist ein Testfeld“, sagt Grube. „Dort haben sich die Dinge völlig unabhängig von Europa und Asien entwickelt.

Das Erstaunliche aber ist, dass es dennoch ähnliche Entwicklungen auf den Kontinenten gab. So gebe es zwischen der alten ägyptischen Schrift und der Maya-Schrift strukturelle Vergleichbarkeiten etwa bei Silben oder Vokalzeichen, sagte Grube.

Die Maya heute leben oft am Rande der Gesellschaft. Für sie sei die Tatsache, dass sie eine hoch entwickelte alte Kultur hatten, ein wichtiger Beitrag zur Entwicklung ihrer eigenen Identität, sagt der Wissenschaftler. Das ist auch seine Antwort auf die Frage, warum ausgerechnet in Deutschland über viele Jahre die Schrift der Maya erforscht wird.

Der Weltuntergang naht

Im Westen verbinden viele mit der Maya-Kultur vor allem nicht belegte Weltuntergangs-Fantasien, die Esoteriker in die Welt setzten. „Die Maya waren besessen von Kalendern“, sagt Grube. „Die haben alles genau datiert.“ Diese Mathematik-Obsession erleichtert den Hieroglyphen-Forschern heute die Arbeit, denn die Maya datierten penibel auch alle ihre schriftlichen Hinterlassenschaften.

Da waren die fränkischen Herrscher im frühen Mittelalter in Europa viel nachlässiger. In einem weiteren Langzeitprojekt wollen Wissenschaftler der Uni Köln in den kommenden 16 Jahren die Herrscher-Erlasse der Franken herausgeben. Das Problem ist, dass es keine Originale mehr gibt und dass die Abschriften weder datiert noch signiert waren. (dpa)

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