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Donnerstag, 12.04.2012

Der Fan, das unerforschte Wesen

Der Würzburger Universitätsprofessor Harald Lange hat ein Institut eröffnet, um sich wissenschaftlich der Fankultur von Fußball-Anhängern zu nähern.

Von Matthias Bossaller

Das Thema Fankultur reizt Harald Lange ungemein. Der Universitätsprofessor benutzt dann Worte wie „spannend“, „facettenreich“ oder „faszinierend“. Doch was ist Fankultur eigentlich? Was macht einen Fan aus? Und vor allem: Wer definiert das alles? Lange geht diesen Fragen schon seit Jahren nach. Deshalb hat der Sportwissenschaftler mit einem Psychologen und einem Kriminologen das erste Institut für Fankultur in Deutschland gegründet. Dort will er an den Standorten Köln und Würzburg das Wesen der Fußball-Fankultur wissenschaftlich entschlüsseln.

Lange, der am Lehrstuhl für Sportwissenschaft an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg unterrichtet, hat sich auch viel mit Gewaltprävention beschäftigt. „Derzeit wird in den Medien das Bild des gewaltbereiten Fans geprägt. Doch das ist der Fankultur nicht angemessen“, betont er und wagt die These: „Ein Stadionbesuch war noch nie so sicher wie heute.“

Der Bevölkerung, den Medien, Verbänden und Polizisten fehle oft das fundierte Wissen. „Wir verfügen nur über Alltagskenntnisse und wissen gar nicht, wie sich die Fankultur unterscheidet“, gibt Lange zu bedenken. Daher möchten er und seine Kollegen sich ein systematisch erarbeitetes Wissen aneignen, das auf Fakten basiert. „Wir wollen wissen, was passiert rechts und links von den 98 Prozent Fans, die nicht gewalttätig sind.“

Unter Gruppenzwang

Die erarbeiteten Erkenntnisse würden sie gerne Fans, Vereinen und Verbänden zur Verfügung stellen, um Gewalt und Ausschreitungen im Vorfeld zu verhindern. „Wir können im Hintergrund beraten und zwischen zwei Parteien vermitteln“, sagt der Institutsleiter.

Es gehe darum, etwa Pauschalurteile gegenüber Ultras abzubauen. Auswärtsfans den Zugang zum Stadion zu verwehren sei der falsche Weg, der Gewalt Herr zu werden. „Repressionen erzeugen Gegendruck und bringen nicht das gewünschte Ergebnis“, meint Lange.

In der Fan-Szene kommt das neu gegründete Institut, das die Mitarbeiter noch selbst finanzieren, sehr gut an. „Wir erhalten unglaublich viele Anfragen. Damit hätten wir gar nicht gerechnet“, sagt Martin Thein, Langes Kollege und der Psychologe im Team.

Die Fans setzen viel Hoffnung in die Arbeit des Trios, das in Köln und Würzburg tätig ist. „Bei den Fans entsteht oft eine Gruppendynamik und ein Gruppenzwang“, sagt Matthias Saathoff vom Dortmunder Fanclub „BVB-Freunde“. Daher sei es gut, wenn es ein Institut gibt, das einen neutralen Blick auf die Fankultur hat, um gefährlichen Entwicklungen entgegensteuern zu können.

Saathoff ist überzeugt: Hätte es solch ein Institut bereits vor 15 Jahren gegeben, hätten sich Hooligans oder gewaltbereite Ultras in der Fan-Szene gar nicht so etablieren können. Thein geht allerdings davon aus, dass eine solche Gründung vor zehn Jahren unmöglich gewesen wäre: „Damals hatte der Fußball in Deutschland noch gar nicht die gesellschaftliche Bedeutung, wie wir es heute kennen.“

Deutschlandweiter Fan-Atlas

Aktuell ist die Resonanz indes immens. Deshalb möchte das Institut Ende Juni an der Universität in Würzburg ein Blockseminar zur Fankultur veranstalten. Dann sollen Studenten und Experten ins Gespräch kommen und ihr Wissen austauschen.

Hauptsächlich konzentrieren sich Lange und Kollegen derzeit allerdings auf die Arbeit an einem deutschlandweiten Fan-Atlas. Das Geld hierfür beantragen Lange und seine Kollegen bei Forschungseinrichtungen und Stiftungen. „Bislang gibt es nur kleine Erhebungen. Wir wollen aber eine flächendeckende Studie, die uns repräsentative Daten zur Fankultur liefert“, erklärt Lange. (dpa)