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Freitag, 18.01.2013

Das schwarze Loch

Ein Physiker hat am Himmel über dem Havelland die perfekte Dunkelheit entdeckt. Jetzt möchte die Region zum Zentrum für Sternengucker aus aller Welt werden.

Von Jan Stremmel

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Sternenmeer im Binnenland: Nirgendwo in Deutschland ist es nachts so dunkel wie im westlichen Havelland. Die Touristiker der Region wittern jetzt ein Geschäft mit Hobbyastronomen. Foto: dpa/P.Pleul
Sternenmeer im Binnenland: Nirgendwo in Deutschland ist es nachts so dunkel wie im westlichen Havelland. Die Touristiker der Region wittern jetzt ein Geschäft mit Hobbyastronomen. Foto: dpa/P.Pleul
  • Sternenmeer im Binnenland: Nirgendwo in Deutschland ist es nachts so dunkel wie im westlichen Havelland. Die Touristiker der Region wittern jetzt ein Geschäft mit Hobbyastronomen. Foto: dpa/P.Pleul
    Sternenmeer im Binnenland: Nirgendwo in Deutschland ist es nachts so dunkel wie im westlichen Havelland. Die Touristiker der Region wittern jetzt ein Geschäft mit Hobbyastronomen. Foto: dpa/P.Pleul
  • Astronom Andreas Hänel sieht sich als Kartograf der Lichtverschmutzung. Foto: Jan Stremel
    Astronom Andreas Hänel sieht sich als Kartograf der Lichtverschmutzung. Foto: Jan Stremel

An einem Sonntagabend im April 2009 hatte Andreas Hänel genug. Er musste endlich prüfen, was dran war an den unglaublichen Gerüchten. Das verlangte sein Ehrgeiz als Wissenschaftler. Also nahm er seinen roten Van, die Messgeräte, die Stative, die Kameras und fuhr hinein in die Dämmerung.

Auf das Navigationsgerät im Auto hatte er zur Orientierung die Karte mit den Satellitenbildern geladen: Deutschland von oben, fotografiert bei Nacht. Die Großstädte als glühende weiße Punkte, die kleinen Städte als gelbliche Flächen und dort, wo kaum Menschen leben, ein paar dunkle Stellen.

Hänel hat es sich zur Aufgabe gemacht, die düstersten Flecken Deutschlands ausfindig zu machen. Also fuhr er an diesem Abend dorthin, wo die Karte ganz schwarz war. Dorthin, wo es den Gerüchten zufolge so dunkel wird wie sonst nirgendwo in Deutschland: im brandenburgischen Naturpark Westhavelland. Er liegt nur 70 Kilometer westlich vom hell erleuchteten Berlin; schon deshalb hatte Hänel den Gerüchten der Hobby-Astronomen misstraut.

Andreas Hänel, 59, weißer Bart und Cordhose, ist Physiker, promovierter Astronom. Er glaubt an Zahlen und Formeln und nicht an Gerüchte. Er leitet das Planetarium Osnabrück, in seiner Freizeit ist er unterwegs, um den perfekten Nachthimmel zu finden. Einen Himmel, der so dunkel ist wie noch vor ein paar Hundert Jahren, bevor das elektrische Licht den Himmel über den Städten in eine schmutziggelbe Glocke verwandelte, die heute kaum noch ein Stern durchdringt. An jenem Abend im April sollte Hänel die überraschendste Entdeckung seit Jahren machen.

Fast vier Jahr später, an einem nassen Vormittag im Dezember, steuert Hänel seinen Van über eine Landstraße in der Nähe von Osnabrück. Er ist auf dem Weg zur Sternwarte. Auf der linken Seite ziehen Industriehallen und Parkplätze vorbei. Beleuchtungsmasten ragen in den grauen Himmel. Hänel schüttelt den Kopf. „Halogen-Natriumdampflampen“, sagt er und legt die Stirn in Falten.

Bis vor Kurzem leuchteten die Straßenlaternen hier nachts noch gelb. Gelbes Licht hat keine Blauanteile und wird am Himmel weniger gestreut. Es stört den Nachthimmel kaum. Weißes Halogenlicht mit viel Blau ist aber beliebter. Es erinnert an Sonnenlicht, die Menschen fühlen sich damit sicherer. Dem Himmelsschützer Hänel sind Halogenlampen ein Graus.

Andreas Hänel ist Deutschlands engagiertester Kämpfer für den Erhalt der Nacht. Er hat ein Gerät namens „Roadrunner“ erfunden, das vom Autodach aus automatisch die Dunkelheit des Himmels misst. Wie ein Entdecker fährt er Tausende Kilometer pro Jahr quer durch Deutschland, möglichst auf dem linken Autobahnstreifen, damit die Bäume am Straßenrand den Roadrunner nicht stören und dokumentiert den Zustand des Nachthimmels. Er ist eine Art Kartograf der Lichtverschmutzung.

Viel Anlass zur Freude geben seine Ergebnisse nicht. Jahr für Jahr strahlt mehr und mehr Licht von der Erde in den Himmel – jährlich etwa sechs Prozent mehr. Manchen Umfragen zufolge hat fast die Hälfte der Menschen unter 30 noch nie die Milchstraße gesehen. Doch an den Folgen der Lichtverschmutzung leiden nicht nur Astronomen, die durch ihre Teleskope immer weniger Sterne sehen. Das künstliche Licht verwirrt Vögel, Insekten und sogar Fische, es verursacht Schlafstörungen beim Menschen und, so vermutet man, psychische Erkrankungen. Als erstes europäisches Land hat Slowenien 2007 ein Gesetz gegen die Lichtverschmutzung erlassen. In Deutschland kämpft Andreas Hänel für ein ähnliches Gesetz.

Auf einer Wiese im Naturpark Westhavelland stoppte er damals sein Auto. Es war kurz vor Mitternacht. Er schaltete die Autoscheinwerfer aus. Komplette Dunkelheit legte sich um ihn wie ein pechschwarzes Tuch. Hänel stieg aus und legte den Kopf in den Nacken. Da war er: ein Sternenhimmel, wie er ihn lange nicht gesehen hatte. Funkelnde Sterne, Tausende, als hätte jemand eine Lastwagenladung Diamanten verschüttet. Die Fotos davon zeigt er noch heute stolz in seinem Planetarium. Quer über den Himmel zog sich die Milchstraße als klar umrissener weißer Streifen, und ganz hinten, über dem Horizont, tatsächlich: ein grünliches Leuchten, von Fachleuten „Airglow“ genannt, das nur sichtbar ist, wenn der Himmel extrem dunkel ist.

Als Wissenschaftler musste Hänel es genau wissen. Er nahm das Messgerät in die Hand, groß wie eine Zigarettenschachtel und hielt es über seinen Kopf in den schwarzen Himmel. „Und dann“, sagt er, „traute ich dem Gerät kaum.“ Den perfekten Nachthimmel hatte Hänel schon mehrmals gefunden: auf den kanarischen Inseln, in Ungarn, in Schottland. An Stellen also, die weit entfernt liegen von der nächsten Großstadt, wo kein Fußballstadion, kein Industriegebiet und kein Büroturm die Sterne überstrahlt.

Aber was das Messgerät in seiner Hand in jener Nacht zeigte, war eine Sensation. Die Sensation war die Zahl 21.78; sie beschreibt nach physikalischen Formeln die Dunkelheit einer Fläche. Die Zahl 21.78 bedeutete: Der Himmel über dem Westhavelland war dunkler als Hänel es irgendwo sonst in Deutschland je gemessen hatte, auch dunkler als in Schottland oder Ungarn, ungefähr auf einem Niveau mit Namibia, dem besten Land der Welt für Sternengucker. Und das nur eine knappe Stunde von Berlin entfernt. Die Gerüchte stimmten. Hänel war auf einen Schatz gestoßen.

Auf einem Hügel über Osnabrück, vor einer grauen Kuppel aus Beton, nestelt Hänel am Sicherheitsschloss einer Metalltür. Drinnen hängen Schautafeln an der Wand, Bilder vom Sternenhaufen etwa. Bevor er auf eine seiner Entdeckungsreisen geht, testet er zuvor hier, am Nachthimmel über der Sternwarte, seine Messgeräte. Hier war es auch, wo er vor vier Jahren das Gerücht vom dunkelsten Ort Deutschlands zum ersten Mal hörte. Von hier aus brach er schließlich auf in Richtung Brandenburg.

Dort, im Naturpark Westhavelland, bricht jetzt die Dämmerung an. Kordula Isermann geht mit schnellen Schritten auf das kleine Amtsgebäude in Nennhausen zu. Der Wind klatscht kalten Regen an die Hauswand. Isermann trägt kurze Haare und eine Umhängetasche, sie leitet den Naturpark, es ist der größte in Brandenburg.

In ihrer Tasche ist ein Stapel frisch gedruckter Kalender fürs neue Jahr, Isermann bringt sie der Amtsdirektorin. Das Titelbild des neuen Kalenders: ein pechschwarzer Himmel, übersät mit Sternen. Das Westhavelland ist bekannt für seltene Pflanzen und Vögel. Isermann und ihre Leute kümmern sich um den Schutz der Großtrappen, Silberreiher und Kraniche, bis letztes Jahr zierte fast immer ein Vogel den Kalender. Aber seit damals bei Isermanns Vorgänger das Telefon klingelte und Andreas Hänel von seiner unglaublichen Entdeckung berichtete, ist vieles anders.

„Hänel hat uns wachgerüttelt“, sagt Kordula Isermann. „Wir ahnten ja nicht, dass wir auf so einem Schatz sitzen.“ Sie steht jetzt im Büro der Amtsdirektorin, hat ihre Kalender abgeliefert. Vor ihr auf dem Tisch sind Karten der Umgebung ausgebreitet. Rote Balken und Kreise durchschneiden den Naturpark. Es sind die Zonen, die laut Hänels Messungen durch Wälder und Hügel besonders gut abgeschirmt sind von beleuchteten Orten. Es sind, wenn man so will, die Goldadern des Schatzes, den es zu schützen gilt.

Neben Isermann sitzt eine Frau mit kurzen blonden Haaren und einer roten Brille. Angelika Thielicke ist die Amtsdirektorin von Nennhausen, verantwortlich für 16Gemeinden. Der Schatz liegt mitten in ihrem Amtsgebiet. Sie will nun so gut wie möglich davon profitieren. Die Region zieht bisher vor allem Touristen mit Gummistiefeln und Feldstechern an, die wegen der Vögel an den Gülper See kommen. Das soll sich ändern. Das Westhavelland will eine Art Mekka für deutsche Astronomen werden. „Wir müssen jeden kleinen Mosaikstein nutzen, um die Gegend attraktiver zu machen“, sagt Amtsdirektorin Thielicke. In Gegenden wie La Palma oder Namibia, die schon lange als besonders sternenreich gelten, sei der „Astrotourismus“ längst eine relevante Nische im Gastgewerbe. Ganze Gehöfte und Apartmentanlagen haben sich dort auf die Sternengucker spezialisiert.

Auch in Thielickes Amtsgebiet sollen künftig Aussichtsplätze und Plattformen für Teleskope eingerichtet werden. Parkranger, die bisher auf Pflanzen und Tiere spezialisiert sind, sollen speziell für Sternenführungen weitergebildet werden. Pensionen könnten bald mit spätem Frühstück für Langschläfer und gut abgedunkelten Schlafzimmern werben. Und, wenn Andreas Hänels Plan aufgeht, auch mit einem Gütesiegel als offizielles „Sternenreservat“.

Eine amerikanische Organisation vergibt Zertifikate an Gebiete mit besonders dunklem Nachthimmel. Das Westhavelland wäre das erste Sternenreservat in Deutschland. Allerdings ist die Auszeichnung an strenge Auflagen geknüpft – zum Beispiel müssen die Gemeinden sich verpflichten, ihre Straßenbeleuchtung künftig umzurüsten, damit kein Licht nach oben strahlt. Andreas Hänel hat in den Rathäusern im Westhavelland Vorträge zu dem Thema gehalten, er kann fundiert über die Nachteile von Pilz- und Lamellenleuchten, von LEDs und den Luxzahlen laut DIN-Norm reden.

Auf dem Tisch von Angelika Thielicke liegt ein Katalog mit Straßenleuchten, die mit einem Metalldeckel nach oben hin abgeschirmt sind. In ihrem Amtsbereich werden die Gemeinden künftig nur noch solche Leuchten installieren. Das Problem mit dem Siegel ist: Die meisten offiziellen Sternenreservate sind US-amerikanische Nationalparks und kaum besiedelt. Das geplante Reservat im Westhavelland hingegen erstreckt sich über gut dreißig Gemeinden, die jeweils unabhängig über ihre Straßenbeleuchtung entscheiden. Nur wenn es Andreas Hänel und Parkleiterin Isermann gelingt, alle Bauämter zu überzeugen, in Zukunft nur noch bestimmte Leuchten zu installieren, kann der Naturpark das offizielle Siegel bekommen. „Schwierig“, sagt Isermann. „Mal sehen“, sagt Hänel. Sie wollen die Bewerbung für das Zertifikat Mitte des Jahres abschicken.

„Und wenn schon“, sagt Amtsdirektorin Thielicke und erhebt sich aus ihrem Stuhl. Sie zeigt mit dem Finger aus dem Fenster nach draußen in den Regen. Über dem Wald spannt sich der tiefschwarze Himmel des Westhavellands. „Das beste Gütesiegel der Welt“, sagt sie, „haben wir sowieso direkt über uns.“ Auch wenn im Moment Regenwolken davorhängen.

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