erweiterte Suche
Donnerstag, 24.03.2016

Babypflege statt Sex

Einige Käfermütter nutzen einen Trick, um unerwünschte Avancen ihres Partners zu vermeiden.

Von Annett Stein

Schwarzhörnige Totengräber sind in Deutschland überall in den Wäldern zu finden.
Schwarzhörnige Totengräber sind in Deutschland überall in den Wäldern zu finden.

© Johannes Stökl/Reuters

Sexuallockstoffe sind im Tierreich weit verbreitet. Bei Käfer-Damen haben Ulmer Forscher nun eine Substanz mit gegenteiliger Wirkung entdeckt: Weibliche Totengräber halten sich damit ihren Partner vom Leib, solange Nachwuchs zu umsorgen ist. Statt etwa 300 Kopulationen gebe es in der Folge nur noch etwa 170 je Brutzyklus, erklärt Studienautorin Sandra Steiger. „Das Männchen berührt das Weibchen in dieser Phase gar nicht erst, es macht vorher kehrt.“ Für das Weibchen bedeute das gesundheitlich eine kostbare Auszeit. „Vielleicht wirkt es sogar lebensverlängernd.“

Schwarzhörnige Totengräber (Nicrophorus vespilloides) sind ein Musterbeispiel für geteilte Brutpflege bei Insekten. „Sie haben richtig eine Art Familienleben“, sagt Steiger. Der Nachwuchs bekommt energiereiches Futter: Aas. Die Käfer vergraben kleinere tote Wirbeltiere wie Mäuse und Vögel und legen dann ihre Nester in direkter Umgebung an. Die schlüpfenden Larven bekommen von beiden Käfereltern in den ersten drei Tagen vorverdaute Fleischhäppchen gereicht. Danach bedienen sie sich selbst an dem Kadaver.

Die für die Eltern aufwendige Erstbetreuung zeigt deutliche Erfolge: Die Larven hätten eine weit höhere Überlebensrate und legten weit schneller an Gewicht zu als vernachlässigte Bruten, schreiben die Forscher. Dieser Startvorteil habe lebenslang positive Effekte. Es mache für die Totengräber also Sinn, sich erst einmal um den aktuellen Nachwuchs zu kümmern und sich nicht direkt wieder zu paaren und neue Eier zu produzieren, erläutern die Forscher.

Doch wie vermeiden die Weibchen es in dieser Zeit, vom Männchen sexuell bedrängt zu werden? Um das herauszufinden, analysierte das Team um Steiger von der Universität Ulm Paarungsverhalten, Hormonprofil, Genaktivitätsmuster und Eiproduktion Hunderter Schwarzhörniger Totengräber. In einem Wald bei Ulm aufgestöberte Exemplare wurden dafür im Labor vermehrt. Für die Tests wurden ausschließlich jungfräuliche, 20 bis 40 Tage alte Käfer verwendet.

Die Forscher wiesen zunächst nach, dass die Weibchen – vermittelt durch ein bestimmtes Hormon – zeitweise unfruchtbar waren, und zwar immer dann, wenn ihr Nachwuchs intensiver Betreuung bedurfte. Anschließend zeigten sie, dass auch dem Männchen vermittelt wird, dass sich Kopulation gerade nicht lohnt: über Methylgeranat, ein vom Weibchen abgegebenes Pheromon. Pheromone sind Botenstoffe zur Kommunikation zwischen Lebewesen einer Art.

Verschiedene Experimente hätten dann gezeigt, dass die Käfer-Damen in der Folge kaum mehr Paarungsversuchen ihrer Partner ausgesetzt waren. „Um die abstinenzfördernde Wirkung des Pheromons zu testen, haben wir am Halsschild der Käfermännchen ein mit Methylgeranat getränktes Stück Gummi befestigt“, erklärt Mitautor Joachim Ruther von der Uni Regensburg. „Und tatsächlich verging dem Totengräbermännchen bei diesem Duft ganz schnell die Lust auf Sex.“

Dank der weiblichen Unfruchtbarkeit und der männlichen Abstinenz konzentrierten sich alle elterlichen Ressourcen auf die Pflege der 15 bis 20 heranwachsenden Larven, erklären die Forscher. Der Mechanismus sei auch bei anderen Totengräber-Arten zu finden.

Zu den Erkenntnissen passe, dass Totengräber-Männchen bei Eroberung eines bestehenden Nests die Larven zu töten versuchen, ergänzen die Forscher. In der Folge werde das Weibchen dort rascher wieder fruchtbar.

Im Tierreich gehe es oft um das Dilemma, seine Energie sinnvoll zwischen dem aktuellen Nachwuchs und künftigen Nachkommen – etwa durch das Legen neuer Eier – aufzuteilen, heißt es in der Studie. Das Anti-Aphrodisiakum der Totengräber zeige einen möglichen Mechanismus dafür. Es sei eine effektive Form der Kommunikation und die ganze Käfer-Familie profitiere davon. Ähnliche Formen koordinierten Fortpflanzungsverhaltens seien bisher nur von Säugetieren bekannt, heißt es in der Studie. (dpa)

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Kommentare können nur in der Zeit von 8:00 bis 18:00 Uhr abgegeben werden.