erweiterte Suche
Donnerstag, 03.03.2016

75 ist das neue 65

Zwei Jahre mehr Lebenszeit binnen zehn Jahren. Wie ist das möglich? Und geht das immer so weiter?

Von Sandra Trauner

3

Das Alter setzt verzögert ein: 75 ist das neue 65.
Das Alter setzt verzögert ein: 75 ist das neue 65.

© imago

Wir leben immer länger - „und nichts deutet darauf hin, dass sich die Entwicklung verlangsamt“, sagt der Demograf. Die 868 356 Menschen, die im Jahr 2014 in Deutschland starben, waren im Durchschnitt knapp über 78 Jahre alt. Vor zehn Jahren waren die Verstorbenen im Durchschnitt etwas über 76 Jahre alt, weiß das Statistische Bundesamt.

Für Prof. James Vaupel, den Leiter des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock, ist das „überhaupt nicht überraschend“. Im Vergleich zu anderen Industrienationen wie zum Beispiel Japan hinke Deutschland beim Mehr an Lebenserwartung sogar hinterher.

„Wir erreichen hohes Alter in besserer Gesundheit“, sagt Vaupel. „Anders ausgedrückt: Das Alter setzt verzögert ein. 75 ist das neue 65.“ Das Fundament für ein langes Leben werde in der Kindheit gelegt. „Einer der Hauptgründe, warum wir im Alter gesünder sind, ist die Tatsache, dass wir gesünder waren in unseren ersten Jahren: bessere Ernährung, mehr Vorbeugung, bessere Behandlung im Krankheitsfall.“

Im Laufe des Lebens kämen weitere „Besser“-Faktoren dazu, zum Beispiel bessere Bildung. „Gebildetere Menschen passen besser auf sich auf.“ Vaupels „Besser“-Liste ist lang: „Die Luft ist besser als früher, das Wasser ist sauberer, Straßen sind sicherer, das Einkommen ist höher, das Gesundheitssystem ist leistungsfähiger. Aus all diesen Gründen sind die Menschen heute gesünder als früher.“

Vieles haben wir selbst in der Hand, sagt Vaupel, Beispiel Rauchen: „Wer raucht, stirbt rund zehn Jahre früher.“ Auch gute Ernährung und viel Bewegung haben einen Einfluss. Theoretisch kann das immer so weitergehen, behauptet der Demograf: „In den Ländern, die sich am meisten bemühen, steigt die Lebenserwartung seit 1840 um zweieinhalb Jahre pro Dekade. Das ist wirklich ein sehr langer Zeitraum - und es gibt kein Anzeichen für eine Verlangsamung.“

Prof. Karl Lenhard Rudolph, Direktor des Leibniz-Instituts für Alternsforschung in Jena, ist da anderer Ansicht: „Die Gene kann man nicht austricksen. Ob wir 70 Jahre alt werden oder 100, liegt zum großen Teil an unserem genetischen Make-up“, sagt er. „Innerhalb der von ihnen vorgegebenen Grenzen können wir aber über die Art und Weise, wie wir leben, erheblich Einfluss nehmen, gesund zu altern. Wenn ich von meinen Genen her 70 Jahre alt werde, kann ich noch so gesund leben, ich werde keine 100.“

Die Einsicht allein nützt nicht so viel, sagt Gesundheitspsychologin Julia Scharnhorst (Wedel): „Leider ist unser Gesundheitsverhalten nur zu einem relativ geringen Teil rational beeinflusst.“ Die meisten Menschen überlegten sich nicht: Ich möchte fünf Jahre länger leben und deswegen fange ich mit Mitte 20 schon mal an zu joggen und mich gesund zu ernähren - und wenn, seien sie dabei nur selten konsequent. „Es fällt den meisten sehr schwer, eine Belohnung, die wir sofort haben können, aufzuschieben für ein Ziel, das in weiter Zukunft liegt.“ Es habe nur selten Erfolg, einem 15-Jährigen zu erzählen, er soll nicht rauchen, weil er dann mit 65 stirbt.

Die meisten Menschen fingen erst an, ihre Lebensweise zu ändern, wenn Gleichaltrige sterben oder wenn sie selbst krank werden. „Man ist eher geneigt, etwas für seine Gesundheit zu tun, wenn die Einschläge näher kommen“, sagt Scharnhorst. „Für langfristiges Denken sind wir psychologisch nicht gestrickt.“

„Dazu kommt, dass Gesundheitsverhalten sehr trendabhängig ist“, sagt Scharnhorst. Blutgruppendiät, makrobiotische Ernährung, vegane Lebensweise - „das ist alles nicht wirklich rational zu erklären, das sind Moden“.

Was der Einzelne nicht schafft, kann die Politik immerhin forcieren. Vaupels Kollege Tobias Vogt hat ausgerechnet, welche Wirkung Investitionen ins Gesundheitssystem haben können - am Beispiel der deutschen Wiedervereinigung. Zwischen Mauerfall und Jahrtausendwende stieg die Lebenserwartung im Osten um fast vier Jahre. Die öffentlichen Sozialausgaben kletterten in diesem Zeitraum von 2 100 auf knapp 5 100 Euro pro Person und Jahr. Plakativ zusammengefasst heißt das: „Drei Stunden Leben pro Euro.“

2014 starben - wie schon seit Jahren - die meisten Menschen an einer Herz-/Kreislauferkrankung: 38,9 Prozent. Zweithäufigste Todesursache bleibt Krebs: 25,8 Prozent. Vier Prozent aller Todesfälle waren auf eine nicht natürliche Ursache zurückzuführen, etwa eine Verletzung oder Vergiftung. (dpa)

››› Dieser Beitrag ist Teil der Senioren-Serie „Was geht, Alter?!“

››› Mitmachen und gewinnen bei der SZ-Umfrage

Leser-Kommentare

Insgesamt 3 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Willy

    Ich glaube nicht an diesen Trend! Statistiker treffen ihre Voraussagen aufgrund ihres Blickes zurück. In der Tat: Personen, die während des Wirtschaftswunders ihre Jugend verbrachten, leb(t)en recht gesund. Krankenkassen und Lebensversicherer rechnen nicht mehr mit diesem Trend. Zu durchschlagend sind moderne Zivilisationskrankheiten, etwa Diabetes, Übergewicht, Asthma, Stoffwechselstörungen.

  2. Oldie 88 -

    Drei Stunden länger leben für einen Euro? Klasse, wo und wie kann man sich das erkaufen? Naja. ich bin 88 Jährchen und habe immer normal gelebt, ohne in Apotheker-Zeitschriften oder/oder zu blättern. Nicht umsonst sagt man, dass längeres Leben durch mitbekommenen Gene ermöglicht wird. Daher stammt wohl auch der Begriff "Gen"eration ab. Also nochmals, immer normal gegessen, alkoholische Getränke ab und zu als normal angesehen, normal geschlafen, ein normalse Familienleben geführt und trotz DarmkrebsOP mit 83 Jahhren noch fünf Jahre dazugewonnen durch versuchtes normales Leben. Naja, auch das Lesen der vielen guten Artikel in der SZ hat mir bisher geistig weitergeholfen, trauere also den ABO-Kosten nicht nach. Und über Pegida-Mitmarschier-Heuchler, die für ein christlichses Abendland einstehen (wollen), aber in Einzelgesprächen sagen, dass dies für sie alles "Mist" sei, kann ich immer nur herzhaft lachen. Und lachen hält gesund. So, nun ein Tässchen Heeßn. Grüß Gott, Leute. Gesundheit!

  3. Roba

    @2: aus vollem Herzen kann "man" Ihnen nur die Aufrechterhaltung Ihres offensichtlich rationalen Verstandes wünschen; manch Jüngere/r hat ihn nicht nur in Sachsen noch nie gehabt. Lachen Sie weiter über Bachmann und Konsorten, Die Typen werden Sie nie "einholen"!

Alle Kommentare anzeigen

Kommentare können nur in der Zeit von 8:00 bis 22:00 Uhr abgegeben werden.