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Wird Trump vorverurteilt?

Natürlich ist die Welt interessiert an der künftigen Entwicklung der USA. Aber es ist für mich unverständlich, mit welchem Eifer die Medien die künftige Entwicklung vorauskommentieren, obwohl Trump erst einige Tage im Amt ist. Man sollte ihn erst mal regieren lassen und sich nicht in die inneren Angelegenheiten einmischen. MfG, Siegfried Tietz

28.01.2017

Sehr geehrter Herr Tietz,

gestatten Sie mir gleich am Anfang eine Richtigstellung: Die kritische Bewertung der ersten Amtstage des neuen amerikanischen Präsidenten durch die Medien hat mit Einmischung in die inneren Angelegenheiten nichts zu tun. Regierungen könnte ein solcher Vorwurf treffen, aber die meisten Staaten halten sich ja zurück, um nicht diplomatisches Porzellan zu zerschlagen, bevor Gespräche mit Donald Trump geführt worden sind und mehr Klarheit besteht, was er will. Die Kanzlerin beispielsweise reagierte bisher sehr besonnen. Und Außenminister Steinmeier hat sein Wort vom „Hassprediger“ auch nicht wiederholt.

Die Aufgabe der Medien ist eine andere. Sie sollen informieren, analysieren und bewerten. Das gilt gerade bei einem Ereignis wie der Trump-Wahl, die wahrscheinlich vieles in der Welt verändern wird und die viele Menschen außerordentlich interessiert. In der SZ gehören Artikel zu diesem Thema gerade zu den meistgelesenen.

Allerdings macht es Donald Trump Journalisten schwer. Er hat viele radikale Pläne aus der Wahlkampfzeit noch immer nicht konkretisiert. Er scheint eine Kulturrevolution einzuleiten zu wollen, die Millionen Amerikaner als Marsch in dunkle Zeiten empfinden. Und er führt eine Verleumdungskampagne gegen Journalisten, die es in einer Demokratie so wohl noch nie gegeben hat. Einen ganzen Berufsstand in den USA als „unehrlich“ zu diffamieren, darunter Vertreter der angesehensten Zeitungen, das ist ein starkes Stück. Offenbar steckt die kühl kalkulierte Absicht dahinter, Kritiker pauschal einzuschüchtern. Die Kollegen dort müssen gerade sehr stark sein.

Sie haben recht, Herr Tietz, es ist nicht sinnvoll, „vorauszukommentieren“. Man könnte auch „spekulieren“ sagen. SZ-Leser dürfen erwarten, dass Journalisten hier ihren Job sachlich machen, offen für neue Ideen sind, nur das bewerten, was auf dem Tisch liegt und dann ohne Schaum vor dem Mund urteilen. Sie sollten aber auch nicht naiv sein und einen schlechten Plan auch deutlich einen schlechten Plan nennen dürfen.

Ihr Olaf Kittel

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