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Montag, 09.02.2015

Wird das die letzte Menschenkette?

Grünen-Politiker Thomas Löser stößt eine Debatte um die Veränderung des jährlichen Gedenkens an Dresdens Zerstörung im Zweiten Weltkrieg an. Ein möglicher Schritt sei es, das Gedenken individueller zu gestalten.

Wie in den Vorjahren wird es auch 2015 eine Menschenkette geben. Doch bleibt das Gedenk-Ritual danach weiter erhalten?
Wie in den Vorjahren wird es auch 2015 eine Menschenkette geben. Doch bleibt das Gedenk-Ritual danach weiter erhalten?

© dpa

Dresden soll das Gedenken an die Zerstörung vor 70 Jahren verändern, fordert Grünen-Fraktionschef Thomas Löser. Er will den Jahrestag als Zäsur begreifen und fordert eine Diskussion darüber, wie künftig in der Stadt gedacht wird. „Die Menschenkette war eine Reaktion auf den Missbrauch des Datums von Neonazis“, sagt Löser. Generell brauche es kein vorgegebenes Gedenken durch die Stadt mehr.

„Das Gedenken am 13. Februar schaut jedes Jahr zurück und zementiert den Opfermythos und die Selbstbezogenheit der Stadt“, so Löser. „Dresden könnte den 70. Jahrestag der Zerstörung als Anlass nehmen, um auch nach vorn zu schauen.“ Viele andere Städte in Deutschland seien schwer und teilweise schwerer zerstört worden. „Keine hat ein derart aufgeladenes Gedenken.“ Die Menschenkette, aber nur im Zusammenhang mit den Blockaden von Dresden Nazifrei, habe den Durchbruch gegen Neonazis gebracht. Die Zeit für diese Art der Reaktion sei vorbei. Auch, weil die Rechtsextremen in den vergangenen Jahren keinen großen Marsch durch die Stadt hinbekommen haben.

Ein erster Schritt für ein anderes Gedenken sei, dass es in diesem Jahr keine offizielle Veranstaltung auf dem Heidefriedhof gibt. Zwar werden die Rechtsextremen auch künftig versuchen, das Datum für ihre Zwecke zu missbrauchen. „Dafür muss die Zivilgesellschaft geeignete Formen verhandeln“, so Löser. Aber auch nur, wenn eine reale Gefahr von Neonazi-Aktionen bestehe, nicht generell. Doch davon hält der Moderator der Arbeitsgemeinschaft 13. Februar gar nichts. „Zivilgesellschaftliches Engagement funktioniert nicht wie eine Feuerwehr. Die Menschenkette ist richtig und wichtig“, so Joachim Klose. Solche Strukturen bauen sich nur mühsam auf, deshalb sollte Dresden die Kette nicht leichtfertig abschaffen. „Mir liegt sehr daran, dass die Bürger dorthin kommen.“ Die Stadt sei ein Akteur unter vielen, aber ein wichtiger, der etwas machen müsse. „Die Menschenkette muss ja nicht gegen etwas, sondern kann für den Konsens stehen.“ Sie stehe für Gemeinwesen und die Selbstbestätigung der Bürger.

Allerdings teilt Klose die Auffassung, langsam aus dem Rückwärtsschauen beim Gedenken nach vorne zu blicken. Die Menschenkette sei allseits akzeptiert. Das sei bei anderen Formen anders. „Die Kirchen wollen ein rein stilles Gedenken, das lehnen die Linken ab“, so Klose.

Löser ist für individuelles Gedenken. „Das muss möglich bleiben. Aber das Denkmal am Altmarkt ist sicher kein einladender Ort dafür.“ Von denen, die die Bombardierung erlebt haben, werden künftig nicht mehr viele da sein. Deshalb solle man darüber diskutieren, dass jeder für sich gedenkt, wie er es für richtig hält. Löser sieht das Rückwärtsgewandte eher als Problem: „Vielleicht war das auch ein Auslöser für die Pegida-Demonstrationen.“

Löser denkt eher daran, eine neue Konstante zu schaffen. Weltoffenheit und Toleranz könnte auch mit dem Gedenken an die Zerstörung der Stadt verknüpft werden. „Schön wäre es, wenn ein Fest wie „Dresden ist bunt“ ein jährlich wiederkehrendes Ereignis würde, für ein weltoffenes und demokratisches Dresden.“

Klose ist sicher, dass die Dresdner auch für andere Formen des Gedenkens offen wären. „Wenn es ein überzeugendes anderes Konzept gibt. Aber noch ist die Zeit nicht gegeben, das lehrt uns auch Pegida“, so Klose. Die Stadt solle an den bisherigen Formen festhalten und diese weiterentwickeln. Für ihn sei gerade die Menschenkette die Form, die sich als geeignet erwiesen hat. Seit ihrer Einführung sei sie ein starkes Symbol, zu der jedes Jahr viele Dresdner und Besucher kommen. Löser wünscht sich eine offene Diskussion zu dem Thema. Diese werde er nach dem 70. Jahrestag vorantreiben.