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Montag, 05.01.2015

Wirbel um Überfall auf Migranten

In der Centrumgalerie soll es nach einer Pegida-Demo zu einer wahren Hetzjagd gekommen sein. Doch es gibt Zweifel.

Von Tobias Hoeflich

Aus Angst, auf der Straße wiedererkannt zu werden, wollen die mutmaßlichen Opfer des Hooligan-Überfalls ihre Identität nicht preisgeben.
Aus Angst, auf der Straße wiedererkannt zu werden, wollen die mutmaßlichen Opfer des Hooligan-Überfalls ihre Identität nicht preisgeben.

© Christian Juppe

Es sind schwere Vorwürfe, die eine Gruppe junger Dresdner Migranten erhebt. Erst Tage nach dem Vorfall gehen sie damit jetzt an die Öffentlichkeit, weil sie das Geschehene nicht loslasse. Nach der Pegida-Demonstration am 22. Dezember sollen sie gegen 20.30 Uhr in der Trompeterstraße von etwa 50 Menschen beleidigt und attackiert worden sein. Die vermummten Angreifer hätten „Wir sind das Volk“ gerufen und seien mit Messern, Baseballschlägern und Elektroschockern bewaffnet gewesen. „Wir mussten in die Centrumgalerie fliehen“, sagt eines der mutmaßlichen Opfer, das wie die übrigen Jugendlichen nicht seinen Namen nennen will.

In dem Einkaufszentrum wären weitere Angreifer hinzugekommen. „Die Centrumgalerie war voll mit vermummten Leuten. Es waren um die 500 Mann“, schildert ein anderer Jugendlicher die Geschehnisse. Die „Hooligans von der Pegida-Demo“, wie die mutmaßlichen Opfer die Gruppe beschreiben, hätten dort sämtliche Etagen eingenommen, Parolen gegrölt und randaliert. Während Passanten geklatscht hätten, sei die Polizei untätig geblieben. „Die haben nur zugeschaut und die Pegida-Anhänger in Schutz genommen.“ Zudem beklagen die Jugendlichen, dass sich das Klima in der Stadt in den vergangenen Monaten stark verschlechtert hätte: „Ich habe nun ein ganz anderes Bild von Dresden und den Menschen hier. Man fühlt sich nicht mehr willkommen“, sagt einer von ihnen.

Die externe Sicherheitsfirma, die von der Centrumgalerie beschäftigt wird, weist die Vorfälle jedoch als „an den Haaren herbeigezogen“ zurück. „Es hat hier keine Hunderte Hooligans gegeben, und es ist auch nichts zu Schaden gekommen“, sagt Sicherheitschef Steve Renkewitz. „Das hätte man ja am Tag darauf auch gesehen.“ Er selbst war zwar am besagten Abend nicht im Dienst, jedoch am Tag darauf. „Hätte es so einen Vorfall gegeben, wäre das auch bei der Dienstübergabe besprochen worden.“ Lediglich vor der Centrumgalerie sei es zu einer Auseinandersetzung gekommen. „Aber im Center ist nichts passiert.“

Diese Aussage deckt sich mit einer Mitteilung der Polizei vom Tag nach dem mutmaßlichen Vorfall. Dabei ist von einer „Auseinandersetzung zwischen zwei größeren Personengruppen“ auf der Prager Straße die Rede. Ein 24-Jähriger, der laut eigener Auskunft auf der Pegida-Demo war, soll dabei mit einem Messer verletzt worden sein. Nachdem die Polizei per Notruf davon erfuhr, hätte sie vor Ort keine Beteiligten oder Verletzten ausfindig machen können. Die Jugendlichen berichten dagegen, dass mehrere Personen von den Hooligans k. o. geschlagen und mit einem Elektroschocker verletzt wurden.

Zu den angeblichen Geschehnissen in der Centrumgalerie konnte sich ein Polizeisprecher gestern gegenüber der SZ nicht äußern. Er verwies stattdessen auf die offizielle Mitteilung vom Tag nach der Demo. Im Raum stehen auch Vorwürfe, nach denen ein Polizist es abgelehnt hätte, die Anzeige einer 15-Jährigen aufzunehmen. Das Mädchen sei bei der Auseinandersetzung von mehreren Männern angegriffen und verletzt worden. „Ich habe noch gehofft, dass die mir nichts antun“, sagt die 15-Jährige, die sich unweit der Prager Straße ein Versteck suchte. Die Tageszeitung Taz, die bereits am Freitag über den Vorfall berichtete, verbreitete dagegen eine Version, wonach das Mädchen, bedingt durch eine Asthmaerkrankung, nicht weglaufen konnte und gestürzt sei. Auf dem Revier hätte ihr der Beamte später gesagt, dass sie sich die Verletzungen selbst zugefügt haben könnte. „Diese Vorwürfe werden derzeit intern geprüft“, so der Polizeisprecher.

Die Grünen-Fraktion im Landtag sowie die Jugendorganisation der sächsischen SPD fordern unterdessen Innenminister Markus Ulbig (CDU) auf, die Vorkommnisse schnellstmöglich aufzuklären. „Sollte sich bewahrheiten, dass die Polizei die Anzeige einer Geschädigten nicht nur nicht aufgenommen hat, sondern ihr gar unterstellt hat, sich die Verletzungen selbst zugefügt zu haben, wäre dies ein nicht hinnehmbares Fehlverhalten“, erklärt Grünen-Abgeordneter Valentin Lippmann. Zur Aufklärung beitragen könnte unter anderem das Videomaterial der Überwachungskameras in der Centrumgalerie. „Wenn die Polizei anfragen sollte, würde sie die Aufnahmen natürlich bekommen. Das ist kein Thema“, so Sicherheitschef Renkewitz.