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Samstag, 15.07.2017

„Wir werden weiter abreißen“

Anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Zittauer Stadtentwicklungsgesellschaft zieht Chefin Birgit Kaiser Bilanz. Für die Mandaukaserne sieht sie schwarz.

Von Mario Heinke

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Das Noacksche Haus auf dem Markt ist fertig saniert, bald zieht die Kreismusikschule ein. Auch bei diesem Vorhaben unterstützte die Zittauer Sanierungsgesellschaft den Bauherrn und beschaffte die Fördergelder. Foto:
Das Noacksche Haus auf dem Markt ist fertig saniert, bald zieht die Kreismusikschule ein. Auch bei diesem Vorhaben unterstützte die Zittauer Sanierungsgesellschaft den Bauherrn und beschaffte die Fördergelder. Foto:

© Bernd Gärtner

  • Das Noacksche Haus auf dem Markt ist fertig saniert, bald zieht die Kreismusikschule ein. Auch bei diesem Vorhaben unterstützte die Zittauer Sanierungsgesellschaft den Bauherrn und beschaffte die Fördergelder. Foto:
    Das Noacksche Haus auf dem Markt ist fertig saniert, bald zieht die Kreismusikschule ein. Auch bei diesem Vorhaben unterstützte die Zittauer Sanierungsgesellschaft den Bauherrn und beschaffte die Fördergelder. Foto:
  • Birgit Kaiser, Geschäftsführerin der Zittauer Stadtentwicklungsgesellschaft.
    Birgit Kaiser, Geschäftsführerin der Zittauer Stadtentwicklungsgesellschaft.

Zittau. Birgit Kaiser ist seit 25 Jahren in Zittau für Stadtentwicklung und -sanierung verantwortlich. Zunächst im Amt für Stadtsanierung und Städtebauförderung, seit 1992 als Geschäftsführerin der Stadtsanierungsgesellschaft, aus der 2005 die Stadtentwicklungsgesellschaft hervorging. Der Geschäftsführervertrag der Bauingenieurin ist jetzt vom Aufsichtsrat bis Mai 2019 verlängert worden.

Frau Kaiser, Sie gehen im Mai 2019 in den Ruhestand. Wie sieht die Mandaukaserne zu diesem Zeitpunkt aus?

Die Mandaukaserne wird gesichert sein und ohne Nutzung stehen.

Sie haben das Projekt also schon beerdigt?

Nein nicht beerdigt, aber ich glaube nicht daran, dass ein tragfähiges Konzept mit einem einzelnen Eigentümer in dem vorgegebenen Zeitraum umgesetzt werden kann. Die jetzt im Raum stehende Projektidee ist traumtänzerisch. Ich kenne niemanden, der 20 Millionen Euro übrig hat, ohne dass eine realistische Aussicht auf Refinanzierung besteht. Bei den größten Projekten, die wir in der Vergangenheit ge-stemmt haben, wie das Stadtbad, das Gerhart-Hauptmann-Theater oder die Museen, lag die Investitionssumme nie höher als sieben bis acht Millionen Euro. Derzeit kreist die Diskussion zur Mandaukaserne um eine Sporthalle, die an der Rückseite integriert werden soll. Das war ursprünglich nicht das Thema, sondern eine multivalent einsetzbare Mehrzweckhalle, natürlich auch für Sport nutzbar. Reine Schulsporthallen unterliegen der Fachförderung und unterstreichen meiner Meinung nach nicht den Charakter eines Denkmals mit nationaler Bedeutung. Es ging ursprünglich um innovative Ideen, das Flächenpotenzial mit Bedarfen zu decken.

Das Stadtbild hat sich in den vergangenen 25 Jahren sichtbar verändert. Sind Sie mit der Arbeit der Stadtentwicklungsgesellschaft zufrieden?

Ja. Zu den Aufgaben der Gesellschaft gehört allerdings neben dem sichtbaren Stadtumbau auch die weniger sichtbare strategische und konzeptionelle Arbeit bei der Fortschreibung des Integrierten Stadtentwicklungskonzeptes. Wir haben in Zittau das Glück, dass wir Teile unserer eigenen Konzepte auch selbst umsetzen können. Das ist nicht überall so, aber oft von Vorteil. Zwischen 1995 und 2005 sind die Veränderungen im Stadtbild am sichtbarsten geworden, als eine Fassade nach der anderen in neuem Glanz erstrahlte. Damals ist sehr viel Geld in die Sanierung geflossen und wir waren imstande, privaten Bauherrn finanziell unter die Arme zu greifen. Ab 2005 haben wir auch mit dem Rückbau begonnen. In den letzten Jahren ist es schwieriger geworden, Fördermittel zu bekommen. Die Bedingungen sind für alle Kommunen gleich und berücksichtigen in keiner Weise die Besonderheiten der jeweiligen Standorte. Man kann die Probleme in Zwickau nicht mit denen in Zittau vergleichen.

In Zittau werden fleißig Gebäude abgerissen. Hat das irgendwann ein Ende?

Für die Zahl der Einwohner haben wir immer noch zu viel Infrastruktur, wir werden also weiterhin zurückbauen. Das ist aber ein langfristiger Prozess, bei dem alle Wohnungsunternehmen und Eigentümer mitziehen müssen. Nehmen Sie Zittau-Ost. Viele Mieter leben gern dort, die kann man nicht einfach „umsiedeln“. Vermutlich würden sie ganz wegziehen, da hätten wir gar nichts gewonnen.

Könnten Sie die Förderpolitik ändern, was würden Sie anders machen?

Ich würde den Kommunen mehr Handlungsfreiheit lassen und ihnen Mittel geben, damit sie selbst Investitionspakete schnüren und Missstände beseitigen können. Es reicht nicht, Schulen und Kitas zu sanieren, wenn im Umfeld die Infrastruktur bröckelt. Ein Beispiel: Die Verwaltungsvorschriften verlangen, dass wir Fördergebiete per Beschluss festlegen. Steht drei Meter neben dem Gebiet ein Haus, in dem die Fördermittel dringend gebraucht würden, sind uns die Hände gebunden.

Nennen Sie drei Objekte, die Ihnen besonders auf den Nägeln brennen und die Sie bis 2019 noch angehen wollen.

Das Graetzsche Haus, also Innere Weberstraße 20/Lindenstraße 11 und das Quartier Baderstraße/Breite Straße/Rosenstraße mit der Amalienstraße würde ich gern weiter auf den Weg bringen.

Der Bürger will neuerdings in allen Belangen mitreden. Wie stehen Sie zur Bürgerbeteiligung?

Wir müssen uns der Sache stellen, unsere Arbeit ist nur sinnvoll, wenn die Bedürfnisse der Bürger berücksichtigt werden. Ich mache das gern, auch wenn es viel Kraft und Zeit kostet. Es muss nicht immer so eine heftige Debatte sein wie beim geplanten Fachmarktzentrum. Ich würde mir wünschen, dass bei den Bürgerforen zur Stadtentwicklung, die wir organisieren, mehr Menschen teilnehmen und konstruktiv mitwirken. Die neuen Stadträte schauen aber genauer hin, was wir tun, sie wollen mehr Informationen, mehr Fakten und es wird intensiver diskutiert als früher.

Steht Ihnen der Stadtrat manchmal im Weg?

Nein, das kann ich nicht sagen. Ich kann allerdings darauf verzichten, wenn ein männlicher Stadtrat mir als Frau erklärt, dass die Beschlussvorlage nicht gendergerecht formuliert ist.