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„Wir sind dort, wo wir gebraucht werden“

Die Kriminalität geht zurück, sagt Riesas Revierchef Hermann Braunger im Dreiseithof. Geglaubt wird ihm das nicht.

07.10.2017
Von Eric Weser

 dort, wo wir gebraucht werden“
Mit einer Mischung aus Vehemenz und Witz („Revierleiter ist der schönste Job bei der sächsischen Polizei, das sind die Könige der Dörfer“) – erklärte Riesas Polizeirevier-Chef Hermann Braunger in Gröditz seine Arbeit und die seiner Kollegen. Nicht jeder im Publikum war mit den Meinungen des Polizisten einverstanden.

© Eric Weser

Gröditz. Der Herbststurm draußen blies kräftig durch Gröditz, als Hermann Braunger anfing zu sprechen. Es dauerte am Donnerstagabend gar nicht lange, da bekam der Chef vom Publikum in der Röderstadt auch drinnen Gegenwind. Braunger war in den Dreiseithof gekommen, um über die Arbeit seines Reviers zu sprechen und über Kriminalität, vor allem in Gröditz. Die sei auf dem Rückzug, so der 59-Jährige mit Verweis auf die aktuelle Statistik. „Aber das glaubt mir ja keiner.“

Dass Braunger mit dieser Einschätzung durchaus richtig liegt, zeigte sich nur wenig später. „Die Sicherheit ist verloren gegangen“, hieß es aus dem Publikum. „Nein!“, widersprach der Polizist vehement. „Wann ist das letzte Mal was passiert in Gröditz, wo Sie gesagt haben, da hätte ich nicht dabei sein wollen?“ Die Röderstadt liege mit 429 Straftaten insgesamt im Jahr 2016 absolut im Schnitt, betrachte man den Altkreis Riesa. Die meisten Straftaten gebe es in Riesa, das mit Gröditz und neun weiteren Gemeinden zu Braungers Verantwortungsbereich gehört. Etwa 4000 Straftaten bearbeite sein 106 Mitarbeiter großes Revier pro Jahr insgesamt, 1993 seien es noch um die 8 000 gewesen.

Sorgen beim Thema Diebstahl

„Einmal alle 2 000 Jahre“, das sei die Wahrscheinlichkeit für den Gröditzer Normalbürger, Opfer eines Raubüberfalls zu werden, hat Braunger errechnet. Die Aufklärungsquote bei Körperverletzungen und Raub liege bei 90 Prozent. „Weil sich Täter und Opfer meist kennen.“ Auch Wohnungseinbrüche oder Autodiebstähle seien äußerst selten. Ganze dreimal sei tagsüber in Gröditz 2016 eingebrochen worden.

Was ihm viel mehr Sorgen mache, sei das Thema Diebstahl, so Braunger. Zum Beispiel der Klau von Fahrrädern und Diebstähle in Läden. „Und genau in dem Bereich kann die Polizei am wenigsten tun.“ Ladenbesitzern Tipps geben und Fahrradcodierungen machen, das sei zwar möglich. Doch für Sicherheit im Laden könnten letztlich nur die Inhaber sorgen. Und auch bei den Rädern seien zuerst die Eigentümer gefordert. Geklaut würden gerade die uncodierten Räder, zeige die Statistik. Meist sind sie auf Nimmerwiedersehen weg, die Aufklärungsquote habe zuletzt bei zwei Prozent gelegen, so der Polizist, der seit 39 Jahren im Dienst ist.

Eindringlich warnte der Revierchef in Gröditz vor Trickbetrügern. „Die sind clever.“ Gerade bei älteren Leuten hätten es die Kriminellen leicht, sich Vertrauen zu erschleichen. „Da können Sie Polizei auf der Straße haben, so viel sie wollen.“ Doch man könne was tun, riet Braunger. „Misstrauisch sein!“ Unangemeldete Besucher solle man zum Beispiel gar nicht erst ins Haus lassen, auch wenn das vielleicht unhöflich erscheinen möge.

Widerspruch erntete Braunger für seine Haltung, dass die Polizei nicht bei jedem kleinen Auffahrunfall gerufen werden müsse. „Warum holt man da die Polizei?“ Fünf Beamte seien jährlich nur damit beschäftigt, Kleinunfälle aufzunehmen. „Wer soll es denn sonst machen“, fragt ein Gröditzer. Braunger verwies auf andere Länder, in denen in solchen Fällen gar kein Polizist komme. Dafür seien die Deutschen aber zu streitlustig.

Nachhilfe in Staatsbürgerkunde

Kritik aus der Zuhörer-Runde, die Polizei lasse beispielsweise im Gröditzer Straßenverkehr zu viel ordnungswidriges Verhalten durchgehen, wies Braunger zurück. Es gebe zig Prioritäten: „Lampionumzug absichern, Schwertransport begleiten, Verkehrsunfall aufnehmen.“ Und das alles zwischen Gröditz und Lommatzsch. „Da fahren die Kollegen 45 Minuten! Die werden nicht mehr froh, wenn sie jeden Radfahrer anhalten.“ Wenn man einen kontrolliere, müsse man das konsequenterweise bei jedem tun. Gleiches Recht für alle.

Sein Job sei es, mit seinen reichlich 100 Mitarbeitern die Sicherheit und Ordnung für rund 70 000 Menschen im Altkreis zu gewährleisten. Das sei nicht immer einfach. Und ja, teilweise müssten Leute, die die Polizei rufen, auch mal zwei Stunden warten. Angesichts des – gewollt – geringen Personals bei der Polizei müssten Prioritäten gesetzt und effektiv gearbeitet werden. Fakt sei aber: „Dort, wo wir gebraucht werden, sind wir auch da.“

Gegen Ende hin fiel dem Wahl-Großenhainer, den es nach der Wende aus Baden-Württemberg ins Sächsische verschlagen hatte, noch die etwas ungewöhnliche Rolle des Staatsbürgerkunde-Lehrers zu. Im rund 20-köpfigen Gröditzer Publikum regten sich nämlich Stimmen, die mehr Durchschlagskraft für die Polizei forderten – auch im wortwörtlichen Sinne. So solle zum Beispiel Folter durch Beamte in bestimmten Fällen zulässig sein.

„Wir haben keine Selbstjustiz“, widersprach Braunger deutlich und erinnerte ans Grundgesetz. Die Polizei habe alle Rechte, die sie brauche. Natürlich ärgere es Polizisten, wenn sie Tatverdächtige ermittele, die dann aber nicht verurteilt werden. „Aber wenn man’s den Leuten nicht nachweisen kann, können sie nicht verurteilt werden.“