erweiterte Suche
Donnerstag, 04.02.2016

„Wir dürfen nie aufhören, miteinander zu reden“

Vor dem zweiten Bürgerdialog zum Thema Flüchtlinge spricht Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert über seine Ziele.

43

Für Oberbürgermeister Dirk Hilbert geht es beim Bürgerdialog in der Kreuzkirche um die Möglichkeit von Meinungsäußerungen und zu akzeptieren, dass es unterschiedliche Ansichten gibt.
Für Oberbürgermeister Dirk Hilbert geht es beim Bürgerdialog in der Kreuzkirche um die Möglichkeit von Meinungsäußerungen und zu akzeptieren, dass es unterschiedliche Ansichten gibt.

© André Wirsig

Flüchtlinge in Dresden – über das Thema wird seit Monaten gestritten. An diesem Donnerstag findet von 19 bis 21 Uhr die zweite Bürgerkonferenz der Stadt dazu in der Kreuzkirche statt. Die SZ sprach vorab mit Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP).

Herr Hilbert, im Netz wird über die Veranstaltung in der Kreuzkirche debattiert. Wer veranstaltet die zweite Bürgerversammlung eigentlich?

Superintendent Christian Behr und ich als Oberbürgermeister laden zu dieser Veranstaltung ein. Der im Dezember begonnene Diskurs wird jetzt, wie damals zugesagt, fortgesetzt.

Zum Vorbereitungskreis sollen unter anderem Gründer und Ex-Mitglied von Pegida René Jahn, aber auch einige Ex-PDSler gehören. Welche Rolle spielen diese mit Blick auf den Dialog?

Ich bin seit Beginn meiner Amtszeit, genau genommen schon vorher, mit vielen Menschen im Gespräch, diskutiere mit meiner Verwaltung, mit Kollegen in anderen Städten, wie man mit der momentanen Situation, die nicht nur Dresden betrifft, umgeht. Viele Menschen haben sich sowohl an Herrn Behr als auch an mich gewandt und gesagt: „So geht es in Dresden nicht weiter. Wir müssen wieder ins Gespräch kommen.“ Und genau das möchte ich. Die Bürgerversammlung liegt in der Verantwortung von Herrn Behr und mir. Professionelle Hilfe zum Ablauf und zur Moderation haben wir uns durch Frank Richter geholt. Es gibt keine Rollenspiele, diese Versammlung ist kein Theaterstück, sondern ernst gemeint.

Wie bewerten Sie, dass „Dresden für Alle“ sich daran nicht beteiligen mag, eben auch mit dem Argument, dort seien die falschen Leute involviert.

Ich bewerte das überhaupt nicht. Ich habe eingeladen. Diese Einladung anzunehmen oder auszuschlagen muss jeder für sich selbst entscheiden. Wer aber ernsthaft einen gesellschaftlichen Diskurs will, mit einer breiten Bürgerschaft, der muss auch mit einer breiten Bürgerschaft reden wollen. Ich will das, und ich halte dies für den richtigen Weg.

Hat denn der erste Dialog etwas gebracht? Haben Sie Erkenntnisse daraus gezogen?

Ja, natürlich hat die erste Versammlung etwas gebracht. Reden hilft in den meisten Fällen, Misstrauen zu überwinden und endlich wieder Vertrauen aufzubauen. Wir werden weiter reden, künftig aber auch mehr darüber, was jenseits der Debatten über Bürgerversammlungen und Demonstrationen passiert. Darüber, was wir seit September schon geleistet haben. Ganz viel ist passiert mithilfe des unermüdlichen Einsatzes von Netzwerken und Initiativen, die sich der Arbeit mit Flüchtlingen widmen. Ganz viel ist passiert bei der Unterbringung. Etwa zwei Drittel aller Asylsuchenden sind in Dresden in Wohnungen untergebracht, da sind wir Vorbild. Sachsenweit sind wir mit Abstand die Besten bei den Einstiegssprachkursen mit über 4 000 Teilnehmern im letzten Jahr.

In einem so großen Raum wie der Kreuzkirche ist doch echter Dialog kaum möglich. Soll das Format so beibehalten bleiben?

Ich glaube, dass gerade die Kreuzkirche einen Raum dafür bietet. Nicht nur aus der 89er-Geschichte heraus. Wenn die Frauenkirche das Herz dieser Stadt ist, dann ist die Kreuzkirche ihr Rückgrat. Natürlich muss und wird es auch kleinteilige Formate auf Stadtteilebene geben. Gibt es ja bereits.

Aber was ist das Ziel der Veranstaltung, und wie lange soll diese fortgeführt werden?

Demonstrationen sind dazu da, etwas zu zeigen. Eine Form der Meinungsäußerung, die wichtig ist in einer Demokratie. Demokratie erfordert aber auch die Bereitschaft, mit anderen Meinungen umzugehen, sie sich anzuhören, zu akzeptieren, dass Menschen unterschiedliche Ansichten haben. Und dann zu einer gemeinsamen Lösung zu kommen. Das ist der Unterschied zu einer Diktatur. Das ist manchmal anstrengend, aber es lohnt sich. Wie lange die Veranstaltung fortgeführt werden soll? Formulieren wir es anders: Wir dürfen nie aufhören, miteinander zu reden.

Das Interview führte Andreas Weller.

Leser-Kommentare

Seite 1 von 9

Insgesamt 43 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Martin Schmidt

    Heute will er reden, und nächstens erklärt der Herr Hilbert wieder, wie sehr ihn Pegida anwidert, nee danke, Herr Hilbert!

  2. Berg

    Ja, es war verheerend, dass Bürgermeister und Stadtverwaltung, aber auch Kirchen und Organisationen die Dresdner zu GEGENaktionen aufriefen, die Bürger quasi gegeneinander antrieb. Und wenn nach und nach die Einsicht Raum gewinnt, dass es besser ist, MITeinander und FÜReinander da zu sein, dann ist das richtig und wichtig. Der OB ist im Amt für ALLE Fredner/innen!!

  3. Gut gemeint, aber...

    ...schlecht, wenn daraus kein Gespräch wird, welches Gehör findet. Habe selbst bei der ersten Versammlung am 16.12. gesprochen, in 3 Kameras geschaut, aber nichts wurde veröffentlicht - das Anmahnen der Mediatoren für eine zukünftig offenerer Berichterstattung wurde praktisch sofort wieder ad absurdum geführt und das Film-Material für die Eliten im kleinen Kreis gespeichert. Einheitsberichterstattung: "Wir stecken fest!"... Das hat nichts mit Konversation oder sogar Runder Tisch zu tun, bei dem ein jeder etwas geben muss! Ich hätte noch viel zu sagen, z.B. über die Baustellen der sozialen Benachteiligung und dem Filz im eigenen Land, was aus meiner Sicht die Hauptursache des Protestes der Bürger ist - noch nicht einmal die Flüchtlinge. Aber wenn selbst Parlamente bei solchen Entscheidungen, die unser Volk so massiv betreffen nicht zur offiziellen Abstimmung gefragt werden, wo soll da etwas direkte Mitbestimmung in diesem Land eine Chance bekommen sich zu etablieren? Animalfarm lesen...

  4. G. Ohr-Well

    ....ich mache mir Sorgen, wenn auf besagter Farm nach den Schweinen die Wildschweine das Sagen haben werden - und diese letztendlich auch nur aus der gleichen zoologischen Gruppe stammen. Sollte man nicht lieber nach Meerschweinchen Ausschau halten?

  5. KritischerFrank

    Dialog ist wichtig. Miteinander reden ist wichtig. Die Politik will aber überreden, kritische Äußerungen und gegenteilige Meinungen werden nicht gehört und akzeptiert. Reden und Nachdenken ist gut, aber es müssen auch Entscheidungen getroffen werden und es muss gehandelt werden! Und ganz wichtig: Die Entscheider müssen zu ihren Entscheidungen stehen! Dieser Zickzack-Kurs des Stadtrates fördert nur die Unzufriedenheit. Keiner will Verantwortung übernehmen, immer noch ein Hintertürchen offen halten, wenn’s schiefgeht bin-ich-es-nicht-gewesen-und-habe-es-schon-immer-gewusst-dass-das-nicht-klappt. Diese Grundhaltung der Politiker kotzt mich am meisten am! Es gibt zu wenig oder keine „Macher“ mehr! Ein klein bisschen Diktatur ist nicht schlecht!

Alle Kommentare anzeigen

Seite 1 von 9

Ihr Kommentar zum Artikel

Bitte füllen Sie alle Felder aus.

Verbleibende Zeichen: 1000
Text Bitte geben Sie die abgebildete Zeichenfolge ein