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Freitag, 12.01.2018

„Wir brauchen die Wölfe nicht“

Der Schutz vor Übergriffen auf Nutztiere ist für Halter mittlerweile unzumutbar, argumentiert Bautzens Landrat Michael Harig.

Gehört der Wolf wieder in die Landschaft oder nicht? Die Meinungen gehen weit auseinander.
Gehört der Wolf wieder in die Landschaft oder nicht? Die Meinungen gehen weit auseinander.

© dpa

Bautzen. Die Aussage „Wir brauchen die Wölfe“ des Lausitzer Biologen und Naturfilmers Sebastian Koerner sorgt für Diskussionen. Im SZ-Interview hatte er den Wert der Wölfe für das Ökosystem hervorgehoben und sich gegen eine generelle Bejagung ausgesprochen. Bautzens Landrat Michael Harig (CDU) äußert sich in einem längeren Beitrag dazu:

„Ich möchte mit einer Gegenthese beginnen: Wir brauchen die Wölfe nicht. Das ist freilich ebenso polarisierend wie die Überschrift des in Rede stehenden Beitrages. Lassen Sie mich deshalb einige Gedanken dazu verlieren: Ja, der Wolf gehörte über Jahrhunderte in die Naturlandschaften Mitteleuropas. Sein Wiederauftauchen ist ein Ausdruck einer gewissen Rekonvaleszenz unserer Landschaften, welche aber überwiegend keine Natur-, sondern nunmehr Kulturlandschaften sind. Dieser Umstand – also die Existenz des Wolfes – ist durchaus positiv, stößt aber hinsichtlich der geänderten Umstände an Grenzen.

Die Spezies Wolf wurde in unseren Breiten im 18. Jahrhundert ausgerottet. Die Gründe dafür waren die ökonomischen und sozialen Gegebenheiten. So führten Wolfsübergriffe auf Nutzvieh regelmäßig zu Existenznot mit all den Begleiterscheinungen, welche wir glücklicherweise nur noch aus Büchern und Erzählungen kennen. Die auch in unserem Landkreis errichteten Wolfsdenkmale sollten nicht den Wolf verehren, sondern daran erinnern, dass man sich erfolgreich einer Plage entledigt hat. Selbst in der ehemaligen DDR wurden vereinzelt auftretende Exemplare zum Schutze der Nutztierhaltung bejagt.

Kein Bezug mehr zur Landwirtschaft
Heute leben wir in einer Überflussgesellschaft. Waren vor 200 Jahren noch mehr als 60 Prozent der Erwerbsbevölkerung unmittel- und mittelbar in der Landwirtschaft beschäftigt, so ist es heute nur noch etwa ein Prozent. Die Menschen haben keinen Bezug mehr dazu, was Landwirtschaft auf welche Weise leistet und worauf unsere Lebensgrundlagen gründen. Wir leben aus den Regalen von Aldi, Netto, Lidl und Co. Ideologische und philosophische Diskussionen um Massentierhaltung werden zwar geführt, aber interessieren die breite Masse nicht wirklich. Das nächste Angebot wird wieder in Anspruch genommen, denn bei Lebensmitteln ist Geiz leider immer noch geil. Im Übrigen ist auch hier viel Unwissenheit im Spiel. So geht es doch nicht darum, wie viele Tiere gehalten werden, sondern wie die Tiere gehalten werden. Für die Betriebe im Landkreis Bautzen kann durchaus die besagte „Hand ins Feuer gelegt“ werden. Ohne eine gute Tierhaltung wären die Unternehmen nicht erfolgreich.

Aber wieder zurück zum Thema: Vor dem Hintergrund der Entkopplung der Bevölkerung von der Land,- Fischerei- und auch Forstwirtschaft ist die reine naturwissenschaftliche und romantische Betrachtung der Wiederansiedlung des Wolfes durchaus verständlich. Wird sie aber den ländlichen Gegebenheiten gerecht? Es ist durchaus nicht zu bezweifeln, dass der „große Beutegreifer“ eine Art „Gesundheitspolizei“ für unsere Wildbestände ist. So werden zuerst natürlich kranke und alte Tiere Beute für die Wölfe sein. Beachtlich ist dennoch ein geändertes Verhalten des Wildes. So berichten Jagdfachleute, dass sich die Rotten der Wildschweine vergrößert haben, um sich im Verbund besser der Wölfe zu erwehren.

Wolfsexperten argumentieren in diesem Falle, dass dies wissenschaftlich nicht belegt sei. Für die Landwirte vor Ort ist es aber ein Unterschied, ob eine Rotte von 10 oder 35 Stück durch ein Getreidefeld „pflügt“. Nun werden die Wolfsbefürworter sagen: Das geschieht denen recht, das kommt von der ach so verurteilungswürdigen „intensiven“ Landwirtschaft. Mag sein, aber die Landwirte, deren Belegschaften und wir alle leben davon.

Im genannten Beitrag wird auch von Herdenschutzmaßnahmen gesprochen. Insbesondere seien die Pyrenäenberghunde sehr geeignet, einen wirksamen Wolfsschutz zu betreiben. Auch diese Aussage ist nicht falsch. Es stellt sich aber die Frage, ob diejenigen, die über Herdenschutzhunde reden, überhaupt wissen, was das für Tiere sind. Das sind keine Schoßhunde, deren Umgang, abgesehen vom Haltungsaufwand, von jedermann beherrscht werden kann. Im Übrigen sind Hunde – und es müssen immer mehrere sein – nur für große Betriebe leist- und beherrschbar. Es ist in diesem Zusammenhang aber auch darauf zu verweisen, dass die Hundehaltung auch für Vollerwerbsbetriebe ein nicht zu unterschätzender Kostenfaktor ist. So ist das Erreichen des Mindestlohnes bei diesen schafhaltenden Betrieben bei weitem keine Selbstverständlichkeit. Für Menschen in unseren Dörfern, die aus Tradition und Passion drei, fünf oder zehn Schafe halten, sind Hunde aus den oben genannten Gründen überhaupt keine Alternative.

Bald keine Tierhalter mehr
Selbst ein wolfssicheres Einzäunen und Einstallen ist mittlerweile eine wirtschaftliche und arbeitsaufwendige Zumutung geworden, der sich immer weniger Tierhalter stellen werden. In der Konsequenz werden wir in wenigen Jahren keine Tierhalter kleiner und mittlerer Bestände in unseren Dörfern mehr haben. Es bleibt zu hoffen, dass Tierfilmer noch Archivmaterial haben, in welchem im Freiland gehaltenes Nutzvieh noch vorkommt.

Dem in Cunewalde mehrfach durch Wolfsangriffe geschadeten Damhirschbetrieb wurde für den jüngsten Schaden die staatliche Entschädigung verweigert. Mit der Begründung, dass der mehrere Kilometer lange Gatterzaun auf ein bis zwei Meter keinen Bodenabschluss – wie vom Wolfsmanagement gefordert – aufweist. Diese Stelle ist jedoch doppelt gesichert, da wegen eines durchführenden Grabens eben ein Bodenabschluss nicht möglich ist. Insofern erledigen das, wozu die Wölfe nicht kommen, unsere nach Recht und Gesetz agierenden Behörden.

All das ist bedauerlich, auch vor dem Hintergrund, dass ich selbst eine solche Behörde zu verantworten habe. Deshalb werde ich nicht nachlassen, darauf hinzuwirken, die rechtlichen Bedingungen dafür zu schaffen, dass Artenschutz und Nutztierhaltung einander nicht ausschließen.“