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Montag, 12.12.2016

Wieso wird Bericht mit Meinung vermischt?

Erklären Sie doch mal konkret, warum gerade deutsche Journalisten es nicht schaffen, zwischen den Genres Bericht/Reportage und Kommentar zu unterscheiden und dem Konsumenten nicht mehr eigene Meinungsbildung überlassen können. Hängt es mit der Ausbildung zusammen oder ist die Selbstauswahl der Journalisten daran schuld? MfG, Maik Thiem

Sehr geehrter Herr Thiem,

ich glaube nicht, dass das ein speziell deutsches Problem ist. Journalisten hierzulande sind in der Regel solide ausgebildet, und die Zeitungen suchen sich die Besten, die sie kriegen können.

Nein, ich sehe zwei andere Ursachen für den Eindruck, den Sie beschreiben. Zum einen ist es nicht so sehr eine Frage mangelnden Handwerks, sondern eher der Selbstbeherrschung, wenn Journalisten eine Nachricht oder einen Bericht verfassen und dort ihre Meinung heraushalten sollen. Dies ist gar nicht so einfach, weil ja jeder eine Meinung zu seinem Thema hat. Natürlich auch Journalisten – und die sollen sie in extra ausgewiesenen Kommentaren äußern, richtig.

Manchmal ist es nur eine kleine Formulierung, die von Lesern als Meinung in einer Nachricht verstanden wird und die der Journalist womöglich unbewusst unterbringt. SZ-Redakteure sollen das nicht, sie wollen das nicht, oft werden solche Formulierungen noch beim Redigieren der Texte herausgefischt. Aber eben nicht immer. Wir haben uns manchmal schon geärgert, wenn am nächsten Tag Leserreaktionen offenbaren, dass da wieder mal was durchgerutscht ist. Wir werden darauf noch mehr achten, gerade auch, weil in diesen Tagen die Öffentlichkeit sensibler reagiert denn je.

Es gibt einen zweiten Grund, warum Sie zu Ihrem Eindruck gelangt sein können. Der Anteil der Genres in der Zeitung, die Meinungen enthalten dürfen, ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Dazu gehört zum Beispiel das Porträt, das Essay, aber durchaus auch das Interview und die Reportage. Stellen Sie sich eine der großen Kisch-Reportagen ohne Meinung vor. Unmöglich. Der Anteil dieser Genres ist gerade in Qualitätszeitungen gewachsen, weil Leser – das wissen wir aus den Lesewertmessungen – sie besonders mögen. Ist auch ganz logisch: Die schnelle Information beziehen sie heute vorwiegend aus dem Internet oder aus dem Fernsehen. In der Zeitung erwarten Leser mehr Hintergründe, gut erzählte Geschichten, anregenden Diskussionsstoff, aber durchaus auch Kommentare. Und nicht zuletzt Lesermeinungen.

Ihr Olaf Kittel

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