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Freitag, 29.01.2016

Wien ist Dresden eine Bahnlänge voraus

Mehr Jahreskarten als Autos: Die österreichische Hauptstadt hat ihren Nahverkehr so attraktiv gemacht, dass Autofahrer reihenweise umsteigen.

Von Tobias Wolf

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Rund 21 Prozent der Dresdner legen ihre Wege mit den „Öffis“ zurück. In Wien sind es inzwischen 39 Prozent.
Rund 21 Prozent der Dresdner legen ihre Wege mit den „Öffis“ zurück. In Wien sind es inzwischen 39 Prozent.

© André Wirsig

Einen Euro pro Tag: So lautet das Credo der Verkehrsgesellschaft Wiener Linien bei der Preisgestaltung ihrer Jahreskarten für den Nahverkehr. Mit 365 Euro sind die „Öffis“, wie der Österreicher sagt, so günstig, dass mehr Autofahrer auf U-Bahn, Bus oder Straßenbahn umsteigen. Mit 700 000 verkauften Jahreskarten verzeichnen die Wiener Linien einen neuen Allzeitrekord und zugleich erstmals mehr Besitzer von Tickets als Autos in der Stadt zugelassen sind – rund 683 000 Fahrzeuge (Dresden: rund 247 000). Noch 2007 gab es in Wien mehr als doppelt so viele Autos als Jahreskarten.

Laut den Dresdner Verkehrsbetrieben (DVB) lasse sich das Modell nicht ohne Weiteres übertragen, sagt Sprecher Falk Lösch. Hier kostet die Jahreskarte gut 200 Euro mehr. Knapp 140 000 Fahrgäste nutzen sie oder ein anderes Langzeitticket. In Wien leben mit 1,8 Millionen Menschen mehr als dreimal so viele wie in Dresden. Dort herrschen andere politische Verhältnisse als im eher konservativen und autofreundlichen Dresden. Die rot-grüne Wiener Stadtregierung hatte 2012 den Ticketpreis gesenkt und bekennt sich zur Förderung des Nahverkehrs, baut weniger Parkplätze und verteuert die bestehenden. Das funktioniert nur mit Subventionen, sorgt aber dafür, dass viele Menschen umsteigen.

Das Ergebnis: Auch die Fahrgastzahlen erreichten mit 939 Millionen im Jahr 2015 einen neuen Rekord (Dresden 153 Millionen). Inzwischen legen 39 Prozent der Wiener ihre Wege mit den „Öffis“ zurück. In Dresden sind es nach der letzten Erhebung von 2013 rund 21 Prozent. Der Anteil des Wiener Autoverkehrs liegt bei 27 Prozent, in Dresden sind das 38 Prozent.

Allerdings investieren die Wiener auch deutlich mehr in ihr Nahverkehrsnetz. 2016 sind das 515 Millionen Euro. Die Hälfte davon wird nur über den Verkauf von Jahreskarten finanziert. Das Betriebsbudget der DVB liegt dagegen bei rund 160 Millionen Euro, 40 davon kommen als Zuschuss von den Technischen Werken Dresden, zu denen unter anderem die Drewag gehört. Dass Dresden beim Nahverkehr eine ähnliche Richtung wie Wien einschlagen könnte, darf angesichts der politischen Verhältnisse zumindest bis auf Weiteres als unwahrscheinlich gelten. (mit dpa)

Leser-Kommentare

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Insgesamt 47 Kommentare

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  1. ÖPNV

    Es ist schade, dass es hier nicht so voran geht. Ich fahre gern mit den Öffis. Aber es ist schon richtig, Dresden ist Autostadt. Unterstützt in der Vergangenheit von Leuten wie Zastrow. Konservativ ist das nicht, eher rückwärtsgewandt. Er gab so Sachen von sich, dass die Kostendeckung von 80% auf 100% gehen muss. Wo bitte auf der Welt gibt es ÖPNV-Betriebe mit so einer Deckung? Weltfremd. Genau dafür sind Steuern da, um etwas zu steuern, z.B. weniger Autos in der Innenstadt, sauberere Luft etc. Es ist echt teuer, hier ÖPNV zu fahren, muss man schon sagen.

  2. melanche

    Klare Ansage! Politik verhindert saubere Luft in der Stadt. Von mehr Ruhe und weniger Verkehrstoten mal abgesehen. Aber in Dresden kommt vieles einfach nur etws später an - also warten wir einfach mal noch ein wenig. Hauptsache wir verlieren den Anschluss nicht gänzlich.

  3. Hannelore

    "Attraktives Ticket verdrängt Autos" Aber nicht in Dresden, im Gegenteil, hier werden die Tarife jährlich erhöht. Da kann man gern auf die öffentlichen verzichten.

  4. Adrian

    @Hannelore: Text gelesen? Ich glaube nicht. ### Der Text ist nichts Neues. Dresden ist und bleibt eine Autofahrerstadt. Um das zu verändern, müssen erst einmal all die Autofahrer altersbedingt wegsterben, deren wichtigste Errungenschaft der Wende '89 das Auto war. Einen anderen Weg sehe ich leider nicht mehr. Die Vollprofis unter diesen Autofahrern identifizieren sich ja auch über ihr Autokennzeichen. Diese Vollprofis befinden isch in der FDP (ja, die haben das wirklich gesagt mit dem Identifizieren; kann mann ersuchen/googlen).

  5. jeremy osborne

    Auch wenn ich den ÖPNV gern gegenüber dem PKW-Verkehr gestärkt sähe, muss man auch sehen, dass "pro Auto" kein reines Dresdner, sondern eher ein gesamtdeutsches Großstadtphänomen ist. Man traut sich einfach nicht, konsequent den Individualverkehr per PKW aus den Innenstädten zu verbannen. Im grün regierten Stuttgart (im grün-rot regierten B-W) war letzte Woche die einzige Reaktion auf die akute und massive Feinstaubbelastung eine watteweiche Bitte, doch das Auto stehen zu lassen - so wird das nichts!

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