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Wie wird eine Zeitung unabhängig?

Ich habe da eine Frage, die bestimmt viele Leser der Sächsischen Zeitung interessiert: Wie und wofür erhält man als Zeitung das Prädikat „unabhängig“? Bekommt man es verliehen, kann man es kaufen oder schreibt man es, weil noch Platz im Impressum ist? MfG, Helmut Schiller

15.07.2017

Sehr geehrter Herr Schiller,

ganz wunderbar finde ich Ihre Antwortmöglichkeit zwei: Wir kaufen uns mal die Unabhängigkeit. Fragt sich nur, von wem? Vom Staat?

Zum Glück ist das nicht nötig. Im Grundgesetz ist in Artikel 5 festgeschrieben, dass die Pressefreiheit in Deutschland gewährleistet ist und eine Zensur nicht stattfindet. Auf dieser Grundlage garantieren die Verlage ihren Redaktionen Unabhängigkeit. Journalisten wiederum sind durch den Pressekodex des Deutschen Presserates verpflichtet, ihre publizistische Aufgabe unbeeinflusst von persönlichen Interessen und sachfremden Beweggründen wahrzunehmen. Eine solche Verpflichtung wird in den Arbeitsverträgen festgeschrieben. Vor allem der Chefredakteur ist – so wird das vertraglich geregelt – frei in seinen Entscheidungen und hat alle Rechte, Einflussversuche von außen abzuwehren.

Solche Versuche gibt es natürlich. Von Politikern wird schon mal Druck aufgebaut, Interviewtermine an Bedingungen geknüpft oder auch öffentlich gegen unliebsame Berichterstattung gewettert. Die Redakteure selbst oder auch Ressortleiter und Chefredakteure werden diese Einflussversuche deutlich zurückweisen. Dabei haben sie die moralische und juristische Unterstützung des Verlages.

Ähnlich verhält es sich mit Einflussversuchen aus der Wirtschaft, weil die Sächsische Zeitung selbst ein Wirtschaftsunternehmen ist und Anzeigenumsätze zum Geschäftsmodell gehören. Hier greift die, für das Unternehmen grundsätzlich festgelegte, Trennung zwischen Redaktion und Verlag, die die Unabhängigkeit aller Reporter verbrieft sichert. Kritische Berichterstattung ist so auch dann möglich, wenn das kritisierte Unternehmen zu den Anzeigenkunden der SZ gehört und finanzielle Einbußen drohen.

Redaktionelle Unabhängigkeit ist ein hohes Gut. Türkische oder russische Journalisten beneiden uns darum. Amerikanische haben gerade schwer zu tun, um dem gewaltigen Druck ihres Präsidenten standzuhalten. Aber – das zeigt die Praxis – auch in Deutschland will sie jeden Tag verteidigt sein.

Ihr Olaf Kittel

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