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Freitag, 18.05.2018

Wie viel Grimm’sche Sagenwelt steckt in Kromlau?

Forschung und Vermessung am Rakotz-Ensemble fördern Erstaunliches zutage: neben Legenden leider auch Baumängel.

Von Christian Köhler

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Ingenieur Thomas Bauer sucht mit einem Metalldetektor die Rakotzbrücke ab.
Ingenieur Thomas Bauer sucht mit einem Metalldetektor die Rakotzbrücke ab.

© Christian Köhler

  • Ingenieur Thomas Bauer sucht mit einem Metalldetektor die Rakotzbrücke ab.
    Ingenieur Thomas Bauer sucht mit einem Metalldetektor die Rakotzbrücke ab.
  • Unterhalb der Brücke sind Brüche im Gestein mit bloßem Auge gut erkennbar.
    Unterhalb der Brücke sind Brüche im Gestein mit bloßem Auge gut erkennbar.
  • Die kleine Brücke neben der eingefallenen Grotte könnte ein Drachenmaul symbolisieren. „Die «Zähne», erklärt Thomas Bauer, „sind bewusst eingearbeitet worden“.
    Die kleine Brücke neben der eingefallenen Grotte könnte ein Drachenmaul symbolisieren. „Die «Zähne», erklärt Thomas Bauer, „sind bewusst eingearbeitet worden“.

Nicht nur ihre Kinder- und Hausmärchen haben die Gebrüder Grimm vor mehr als 200 Jahren aufgeschrieben, sondern auch deutsche Sagen. Während Richard Wagner die Stilepoche der Romantik vertont und Caspar David Friedrich diese in seinen Bildern festgehalten hat, soll der Baumeister des Rakotz-Ensembles die romantische Sagenwelt der Gebrüder Grimm in der Architektur verewigt haben. Zu dieser Erkenntnis ist Thomas Bauer vom Büro Lauterbach und Bauer aus Dresden bei seinen Forschungen zum Basalt-Ensemble gelangt. Der Fachmann für steintechnische Planung hat nämlich in den vergangenen Wochen nicht nur von 16 Punkten aus die berühmte Rakotzbrücke und die Basaltstele vermessen – um daraus ein 3-D-Modell zu erstellen – sondern er hat sich auch mit der Quellenkunde beschäftigt.

Das Hahnenloch muss bleiben

„Das gesamte Rakotz-Ensemble ist eine architektonische Illustration der Sagenwelt der Gebrüder Grimm“, erklärt Thomas Bauer und holt ein Buch von 1865 aus der Tasche. Beim Blättern in der zweiten Auflage von „Deutsche Sagen der Brüder Grimm“ erläutert er, „dass man jedem Einzelteil des Ensembles eine von den Grimm’schen Sage zuordnen kann“.

Die Rakotzbrücke etwa symbolisiere die Sage von der „Sachsenhäuser Brücke zu Frankfurt“. Darin schildern Jakob und Wilhelm Grimm, wie ein Baumeister den Teufel um Hilfe bittet, ihm an einem Tage eine Brücke zu bauen. Der Satan verlangt im Gegenzug dafür eine Seele, die nach der Fertigstellung über die Brücke wandeln soll. Der Baumeister wiederum soll einen Hahn gegriffen und ihn über die Brücke geschickt haben. Vor Wut, weil der Teufel keine Menschenseele erhalten hat, soll der Dämon den Hahn durch die Brücke geworfen haben. Das entstandene Loch, so die Sage weiter, könne nie wieder verschlossen werden. „Und tatsächlich hat die 3-D-Analyse gezeigt, dass das Loch, das sich in der Brücke befindet, bewusst hineingearbeitet wurde“, erklärt Thomas Bauer und zeigt auf die Brücke. Direkt daneben findet sich eine metallische Stele, die nur beim genauen Hinsehen zu erkennen ist. „Dort könnte einmal ein Wetterhahn angebracht gewesen sein“, sagt der Ingenieur.

Umarmen statt bekriegen

Damit nicht genug. Auch an der Grotte finden sich viele Hinweise auf Sagen der Brüder Grimm. So war man bisher davon ausgegangen, dass die beiden Steinfiguren Kain und Abel symbolisieren. Allerdings hat Thomas Bauer nun herausgefunden, dass sie zwei Bergleute symbolisieren, die sich umarmen. „Wir haben Hände und Arme gefunden, und sie zeigen deutlich, dass sich die Figuren nicht bekriegen“, so Bauer. Die Sage „Der Bergmönch im Harz“ sei hier verewigt. Auch die große Basaltstele symbolisiere die Sage von der „Riesensäule“, die kleine Brücke neben der Grotte zeige einen Drachenkopf. „Unsere Messdaten zeigen eindeutig, dass die Steine bewusst so angeordnet und keinesfalls zufällig sind“, berichtet Thomas Bauer.

Vorbild Wilhelmshöhe Kassel

Das Rakotz-Ensemble könnte so ein berühmtes Vorbild haben: „Die Wilhelmshöhe in Kassel“, meint Thomas Bauer. Auch in dem Kasseler Unesco-Welterbe finde man eine Teufelsbrücke, auch hier gehe es nicht ausschließlich um Funktionsbauten, sondern um romantische Gebäude, die zum Träumen und für die Fantasie da sind. „Wir sind gerade erst am Anfang der Forschung“, sagt der Ingenieur, der eigentliche „nur“ das Gutachten zur Erfassung aller Schäden und Mängel erstellen soll. „Unser Büro will aber das Gesamte erfassen und verstehen, warum bestimmte Dinge so gebaut wurden“, erklärt er.

Dringender Handlungsbedarf

Als vor wenigen Tagen Bürgermeister Dietmar Noack und Gemeinderat Johannes Rakel (CDU) sowie Udo Frenschkowski vom Landesamt für Denkmalpflege die Brücke aufsuchen, hat Thomas Bauer nicht nur die Ergebnisse seiner Forschung im Gepäck. Anhand des 3-D-Modells der Brücke wird deutlich, dass die tragenden Elemente an den Enden der Brücke in den Höhlen liegen. „Die Basaltelemente ringsherum haben keine statischen Funktionen“, sagt Bauer. Allerdings, und das zeigt sich beim Hochfahren mit der Hebebühne an der Brücke, haben Frost und Regen Spuren hinterlassen. „Wir haben es mit drei verschiedenen Mörteln zu tun“, erklärt der Fachmann. Auch wurden Ziegel auf der Unterseite der Brücke angebracht, deren Funktion noch völlig unklar ist. „Man kann außerdem von Glück sprechen, dass in den 80er-Jahren eine Deckschicht auf die Brücke aufgetragen wurde, sonst wäre sie wohl schon eingestürzt“, denkt Thomas Bauer. Wie in einer Tropfsteinhöhle nämlich ragen bereits kleine Stalaktiten herunter. Einige Felsen sind bereits gerissen. „Umso wichtiger, dass nun genau geplant und die Sache angegangen wird“, sagt Udo Frenschkowski.

Ansturm ist ungebrochen

Unterdessen haben Bürgermeister und Gemeinderat ganz andere Probleme: „An einem Sonntag jüngst sind mehr als 25 Brautpaare um die Brücke geschlichen“, sagt Dietmar Noack. Eines habe sogar versucht, auf die Brücke zu gelangen.

Und noch während Johannes Rakel Luft holen will, ist ein polnisches Hochzeitspaar über die Absperrung geklettert und auf dem Weg zur Grotte neben der Brücke. „Es ist Wahnsinn“, deutet Johannes Rakel an. Zumal es, das betont Thomas Bauer immer wieder, nicht nur kreuzgefährlich ist, auf die Brücke zu wollen, sondern auch unter ihr durchzugehen.