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Donnerstag, 15.02.2018

Wie man Hundert wird

Die gebürtige Dresdnerin Herta Hirche feierte jüngst einen immer noch seltenen Geburtstag. Szenen eines bewegten Lebens.

Von Jonny Linke

Herta Hirche gründete einst in Königsbrück Sachsens ersten Lotto-Laden. Den gibt es heute in dritter Generation.
Herta Hirche gründete einst in Königsbrück Sachsens ersten Lotto-Laden. Den gibt es heute in dritter Generation.

© Jonny Linke

Herta Hirche ist am 10. Februrar 1918 geboren. Da war Weltkrieg, der Erste. Sie kam in Dresden zur Welt. Kurze Zeit später zog sie mit ihrer Mutter nach Königsbrück.

Hier hat Herta Hirche ihr ganzes Leben verbracht. An viele Einzelheiten und lustige Geschichten kann sie sich noch erinnern und erzählt gern davon. „Ich hab die Schule nicht mehr gemocht als andere Kinder, aber ich habe alles natürlich ordentlich gemacht und war im Sport sehr gut“, sagt die Jubilarin. Denn der Sport war es, der es ihr angetan hat. Schon als Kind war sie überall und ständig unterwegs gewesen. Meistens zu Fuß. „Ich habe die Leichtathletik geliebt. Ob das Rennen, die Ballspiele oder die Sprungdisziplinen. Ich hab es gern und sehr gut gemacht.“ So gut, dass sie mit Anfang 20 sogar das Sportabzeichen in mehreren Disziplinen der Leichtathletik errungen hat.

Doch ihre Schulzeit bestand nicht nur aus Sport. „Wir haben, wie fast jeder zu der Zeit, sehr einfach gelebt. Wir waren sehr glücklich, hatten aber keinen Luxus, wie er heute üblich ist“, sagt Herta Hirche. Wenn sie von der Schule kam, ließen ihr die Eltern große Freiheiten zum Spielen. „Sie haben mir eine ehrliche, vertrauensvolle Jugend ermöglicht. Ich durfte fast alles machen, sofern ich immer der Familie half, wenn es vonnöten war“, erinnert sie sich. Abends nach den Schularbeiten musste sie den großen Familiengarten gießen. „In der Freizeit haben wir unheimlich gerne Verstecken oder andere Spiele gespielt. Und im Sommer sind wir in der Pulsnitz baden gegangen“, schwärmt die Seniorin. Bei so vielen Freiheiten und einer erfüllten Jugend ist es kaum verwunderlich, dass sie sich das Schwimmen selbst beigebracht hat. „Das war so mit acht Jahren. Das war ein Spaß!“

Aber natürlich hat man in einem so langen Leben auch politisch viel erlebt. Fast vom Kaiser bis zur Kanzlerin Merkel. „Aus Politik habe ich mir aber nie etwas gemacht. Wir mussten es eh so nehmen, wie es kommt“, sagt sie. Zweimal war Herta Hirche verheiratet. Einen Mann verlor sie im Zweiten Weltkrieg. Doch über diese Zeiten redet sie nicht gern.

Nur auf wenige schöne Momente kann sie zurückblicken in dieser Zeit. „Wir wurden damals fast alle zur Arbeit befehligt. Ich musste am Bahnhof, wo ein Lazarett eingerichtet war, in den Baracken der verwundeten Soldaten die Reinigung machen“, erzählt sie. Eines Tages kam ihr Mann auf Urlaub zurück. Man wollte ihr nicht freigeben, sie sollte weiter im Lazarett arbeiten. „Ich wollte es nicht wahrhaben, mein Mann so nah, und ich sollte ihn nicht sehen?“ Schließlich habe sie den Mut gefasst, beim Befehlshaber im Lazarett vorzusprechen. Wenigstens konnte sie noch einmal mit ihrem Mann zusammen sein. „Einige Zeit später kam die Meldung, er sei im Krieg gefallen“, erinnert sich Herta Hirche. Seine Tochter Ulrike, die heute ja auch schon 77 ist, hat der Vater nie kennengelernt. „Wenigstens ein Foto habe ich ihm geschickt.“

Später hat sie dann mit ihrem zweiten Mann das Elektrofachgeschäft in Königsbrück eröffnet. Auch den ersten Lottoladen Sachsens gab es bei ihnen. Mittlerweile ist das Geschäft in der dritten Generation. Herta Hirche hatte zwei Kinder. Ihr Sohn ist vor neun Jahren gestorben. Ihre Tochter Ulrike kümmert sich immer noch rührend um sie. Auch die große Familie ist häufig da. Die vier Enkel, fünf Urenkel und drei Ururenkel wohnen fast alle in der Nähe. Etwas Unterstützung hat die Seniorin nach einem Oberschenkelhalsbruch vor mehreren Jahren inzwischen nötig. Auch die Augen machen mittlerweile Probleme. Doch die Familie ist stets zur Stelle. „Das schätze ich sehr. Es macht mich glücklich“, sagt sie. „Vor allem mit den ganz Kleinen.“

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