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„Wie könnt ihr denn hier leben?“

Seit Jahrzehnten wird der Bau einer Umgehungsstraße versprochen. Die Plotitzer sind vom Lkw-Verkehr genervt, manche haben resigniert.

01.10.2017
Von Jürgen Müller

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t ihr denn hier leben?“
Vorsicht, Lkw! Wilfried Quosdorf vor seinem Haus in Plotitz. Hunderte schwere Lkws quälen sich täglich über die enge Dorfstraße von oder nach Richtung Autobahn. Schon seit Jahrzehnten soll eine Umgehungsstraße gebaut werden. Die gibt es auch, doch sie endet in Seerhausen auf einem Feld. Die Anwohner in den Dörfern haben die Nase buchstäblich voll.

© Sebastian Schultz

Stauchitz. Wilfried Quosdorf und sein Sohn Lars sitzen im Wohnzimmer. Plötzlich wird es mitten am helllichten Tag dunkel. Für ein paar Augenblicke nur, doch das Szenario wiederholt sich viele Male in einer Minute. Jedes Mal, wenn sich das Zimmer verdunkelt, fährt ein Lastkraftwagen am Haus vorbei. Die Bundesstraße 169 führt direkt durch den kleinen Ort Plotitz in der Gemeinde Stauchitz.

Hier in der Kurve ist es besonders eng. „Wenn sich zwei große Trucks begegnen, geht es nicht weiter. Einer muss dann zurückfahren. Dabei sehen sie oft nicht, ob ein Pkw hinter ihnen steht. Es ist ein Wunder, dass noch nichts Schlimmes passiert ist“, sagt der 67-jährige Wilfried Quosdorf. Sein ganzes Leben hat er hier in diesem Haus verbracht, es ist sein Elternhaus. „So schlimm wie jetzt war es mit dem Verkehr noch nie. Das geht früh um fünf Uhr los, dauert den ganzen Tag. Am Vormittag und vor allem montags bis mittwochs ist es am schlimmsten“, so der Rentner.

Die Dorfstraße ist gar nicht geeignet für ein solch hohes Verkehrsaufkommen. Vor Jahren wurde sie gemacht, ist aber teilweise wieder beschädigt. Borde werden niedergefahren, aber auch an den Grundstücken gibt es Schäden. Kaputte Zäune und Risse in den Häuserwänden zeugen von den Hinterlassenschaften der schweren Lastkraftwagen. Auch bei Quosdorfs gab es schon Schäden. „Die merken das doch gar nicht in ihren großen Kisten, wenn die einen Zaun einfahren. Und ehe man sich das Nummernschild notieren kann, sind die doch weg“, sagt der Plotitzer. Auch sein Sohn wohnt mit im Haus. „

Besonders sonntags nach 22 Uhr, wenn die Lkws wieder fahren dürfen, ist es ganz schlimm. Da kann man kein Fenster aufmachen, sonst stinkt es im Schlafzimmer nach Dieselabgasen“, sagt der 31-jährige Lars Quosdorf. Nicht nur Lärm und Dreck belasten ihn. Wegen des ständigen Verkehrs sei es ihm oft kaum möglich, gefahrlos aus dem Grundstück, das sich in einer Kurve befindet, herauszufahren. Auch die Forderung der Anwohner, die Geschwindigkeit im Ort für Lkws auf 30 Kilometer pro Stunde herabzusetzen, werde ignoriert.

Dabei sollte es schon lange besser sein. Seit Jahrzehnten wird von der Politik der Bau einer Umgehungsstraße versprochen. Und die wurde auch tatsächlich gebaut. Allerdings nur von Riesa bis Seerhausen. Dort endet sie auf einem Feld. Die meisten Lkws biegen dann in Seerhausen nach links ab, fahren über Plotitz, Dösitz und Stauchitz zur Autobahnauffahrt Döbeln. Dabei kämen sie viel besser, wenn sie nach rechts Richtung Oschatz fahren, in Lonnewitz abbiegen und dann auf der neuen Umgehungsstraße bis Salbitz fahren würden. Das wäre kürzer und ginge schneller, als sich durch die vielen kleinen Orte mit engen Straßen zu quälen. Auch Wilfried Quosdorf kann sich nicht erklären, warum das viele Fahrer nicht machen. „Vielleicht ist diese Umgehungsstraße noch nicht im Navigationsgerät vorhanden“, vermutet er.

Mehrfach schon und vor Jahren wurde ihm und anderen genervten Anwohnern versichert, dass der Straßenbau bald beginne. Das Geld dafür sei da, geplant wurde ja schon mehrmals. Doch es gab immer wieder Hindernisse. Auch eine Bürgerinitiative im benachbarten Raitzen mit dem mächtigen Chef einer Agrargenossenschaft an der Spitze versucht, den Bau der Umgehungsstraße zu verhindern.

Im Ort hängen Wahlplakate von Thomas de Maizière, dem Bundesinnenminister und Bundestagsabgeordneten, der hier seinen Wahlkreis hat. Erst kürzlich hatte de Maizière in Riesa gesagt, er hoffe, dass er in der nächsten Legislaturperiode – also in den kommenden vier Jahren – den ersten Spatenstich für die Umgehungsstraße machen könne. Viele Plotitzer glauben nicht daran: „Das ist doch alles nur Wahlkampf, nur Gerede vor der Wahl. Am nächsten Tag ist alles wieder im Sande verlaufen. Ich habe das Vertrauen in die Politik verloren“, sagt Wilfried Quosdorf.

Sein Vater habe 1932 das Grundstück übernommen. Schon damals sei der Bau einer Umgehungsstraße versprochen worden. Das war vor mehr als 85 Jahren. Passiert ist bis heute nichts.

Selbst wenn die Straße irgendwann einmal gebaut würde, fürchten die Quosdorfs, dass es kaum Entlastung gibt. Grund ist die Gier des Staates. „Wenn dann Maut erhoben wird, fahren viele doch wieder die alte Strecke durch unser Dorf“, sagt Lars Quosdorf. So weit hergeholt ist das nicht. Denn die B 169 von Glaubitz bis Seerhausen, also auch die neu gebaute Strecke, ist seit einiger Zeit mautpflichtig. Seitdem nehmen viele Lkws wieder die alte Strecke durch Riesa und über Oelsitz und Kalbitz, hat nicht nur Lars Quosdorf beobachtet.

„Wenn wir im Dorf zusammenstehen, gibt es nur ein Thema – den ständigen Lärm und den Dreck“, sagt Wilfried Quosdorf. Er hat schon neue Fenster eingebaut, die den Lärm etwas reduzieren. „Wir haben uns ja schon dran gewöhnt. Aber wenn Besuch kommt, dann fragen die Leute, wie könnt ihr denn hier leben?“, erzählt er.

Dabei wissen die Plotitzer, wie schön es sein könnte. Vor einiger Zeit verunglückte in der Nähe eine Lkw, lag quer über der Fahrbahn. Die B 169 war in beiden Richtungen gesperrt. Kein Lkw donnerte am Haus vorbei. „Das war paradiesisch“, sagt Lars Quosdorf. Daran gedacht, aus Plotitz wegzuziehen, haben die Quosdorfs wie viele andere Plotitzer nie. „Durch den ständigen Verkehr ist das Haus praktisch unverkäuflich, wir könnten es nur verschenken. Und wer weiß, ob es selbst da jemand nehmen würde“, sagt Wilfried Quosdorf.

Er hat resigniert, auch wenn er sagt, die Hoffnung sterbe zuletzt. Doch viel Hoffnung, dass bald eine Umgehungsstraße gebaut wird, hat er nicht. „Ich glaube nicht, dass ich das noch erleben werde“, so der 67-Jährige. Und als er das sagt, wird es im Wohnzimmer gerade wieder dunkel.