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Montag, 17.07.2017

Wie im Thriller

Tausende Stare kommen jeden Abend nach Döbeln. Sich vor der großen Reise kennenzulernen, ist ihr einziger Plan.

Von Franziska Klemenz

Gegen 19.45 Uhr geht es los. Aus allen Himmelsrichtungen kommen die Stare laut piepsend angeflogen. In einem kleinen Wäldchen verbringen sie die Nacht
Gegen 19.45 Uhr geht es los. Aus allen Himmelsrichtungen kommen die Stare laut piepsend angeflogen. In einem kleinen Wäldchen verbringen sie die Nacht

© Franziska Klemenz

Döbeln. Er naht heran. Ein Tornado aus Tausenden. So schnell er kommt, verschwindet er im dunklen Wald. Ein schwarzer Schwarm, dicht wie das Unterholz. Die hektischen Bewegungen erscheinen unberechenbar. Fast wie im Film. Wer Hitchcocks Vögel kennt, sollte Großsteinbach lieber meiden. Abend für Abend treffen sich unzählige Stare in dem Ortsteil von Döbeln. Aus allen Himmelsrichtungen fliegen sie ein. Gegen 19.45 Uhr geht es los, um 21 Uhr sind alle da. Im Wald beginnt das Treffen.

Dem Beobachter wird klar: Die Stare kommen nicht zum Spuken. Sie sitzen in den Bäumen, halten piepsend Konferenz. „Es muss konsultiert werden, wer mit wem kann“, sagt Vogelkenner Siegfried Reimer. Seit rund vier Wochen ist die Brutzeit vorbei, jetzt tun die Stare sich zusammen. Bevor sie ab September gen Nordwesten fliegen, müssen sie wissen, wie sie ihren Zug formieren. Und mit wem.

Was soll ein Star schon allein? Nur 20 Zentimeter wird er groß, kann sich selbst hinter einer Amsel verstecken. Kleine weiße Punkte zieren sein dunkel schimmerndes Federkleid – viel zu niedlich um Feinde abzuschrecken. Ein Star braucht seine Entourage. „Die Stärke des Schwarms gegenüber Raubvögeln ist seine Größe“, sagt Reimer. „Stare sind gesellschaftsliebende Tiere. Sie bleiben ganz eng beieinander, schwenken innerhalb eines Bruchteils von Sekunden um. Das verwirrt ihre natürlichen Feinde wie Habichte oder Falken.“

Pop-Star unter den Vögeln

Das Schwarmsystem ist ausgeklügelt, sozial und gerecht. Damit kein Einzelner dem Risiko dauerhaft ausgesetzt ist, wechselt die Position des Spitzenfliegers ständig durch. Vielleicht sind die kleinen Tierchen gerade durch ihr kluges Abwehrverhalten die Pop-Stars unter den Vögeln. Kaum eine andere Art kommt häufiger vor. Michael Jacksons Thriller scheint für Stare fast passender zu sein, als Alfred Hitchcocks Film. Zumal auch Jackson ein Meister der geschickten Bewegungen war.

Gruselig sind Stare also nicht, rätselhaft aber umso mehr. „Das Verhalten von Starenschwärmen gehört zu den größten Geheimnissen der Wissenschaft“, sagt Siegfried Reimer. „Der Star hat ein ganz eigenwilliges, witziges Verhalten, der weckt in vielen das Interesse für eine weitere Beschäftigung mit Vögeln.“ Woher das Verhalten im Schwarm kommt, kann noch immer nur gemutmaßt werden. „Sie kommunizieren über Geheimsignale“, sagt Siegfried Reimer. Eine mögliche Erklärung dafür, dass Stare trotz schnellen Umschwenkens nie aufeinanderprallen. „Auch nach welchen Kriterien sie sich zur Vorbereitung ihres Zugs einen Ort aussuchen, wissen die Vögel bislang nur selbst.“

Der hiesige Schwarm ist vergleichsweise klein. Im Norden, so Reimer, gebe es Schwärme mit mehr als einer Million Vögeln. Auch Leipzig war in den letzten Jahren ein beliebter Treffpunkt der Stare. Bei den Bewohnern waren sie weniger beliebt, vor allem wegen des ätzenden Kots.

Gefiederte Jugend liebt die Nacht

„Diese ganzen Treffen von Jungtieren bringen den Kindern das Verhalten der Eltern bei, damit sie sich nach und nach eine eigene Existenz aufbauen können“, sagt Reimer. Dafür haben sie erstaunlich viel Zeit. Viele Stare werden mehr als 20 Jahre alt. In Döbeln haben die Jungtiere gerade jede Nacht Zeit, sich kennenzulernen. Um 6 Uhr morgens geht das große Piepsen weiter, die einzelnen Schwärme fliegen aus. Tagsüber suchen sie nach Futter. Insekten, Würmer und Schnecken sind ebenso beliebt wie Obst und Beeren aller Art. In Griechenland picken Stare gern Oliven und Weintrauben aus. Wenn gar nichts anderes geht, ist selbst der Abfall recht.

Kleinere Züge üben Stare im Sommer. Ihre große Reise, bis zu 2 000 Kilometer, treten sie ab September an. Die meisten Stare überwintern in Großbritannien. Durch den Golfstrom ist das Klima milder, die Nahrungssuche leichter. Bis Ende November sind alle Stare übergesiedelt. „Das Überwinterungsverhalten könnte sich durch den Klimawandel ändern“, sagt Reimer. Um auszusterben, gibt es von den kleinen Vögeln aber viel zu viele. Wann sich ihre Art überhaupt herausgebildet hat, ist nicht bekannt.

Doch schon vor 200 Jahren wurden sie in Liedern als besonders talentierte Sänger beschrieben. Stimmlich haben sie es also auch noch drauf – eine weitere Parallele zu Michael Jackson. Nur eins ist anders. Michael Jackson ist dauerhaft gegangen. Die gefiederten Multitalente verbringen nur den Winter am Meer. Im Februar weht der schwarze Tornado zu uns zurück. Dann können die Wissenschaftler weiter rätseln.