erweiterte Suche
Sonntag, 18.10.2015

Wie es uns zerreißt

Nach einem Jahr ist noch immer keine Antwort auf Pegida gefunden. Wiederholt sich 1989? Droht ein neues 1933? Ist es wie 1968? Oder machen alle zu viel Wind darum?

Von Heinrich Maria Löbbers

Eine der vielen Pegida-Demonstrationen in Dresden.
Eine der vielen Pegida-Demonstrationen in Dresden.

© kairospress

Auch Professoren können irren. Als Werner J. Patzelt Anfang Mai eine neue Studie über die montägliche Empörung vorstellte, prophezeite er: „Pegida wird im Nirwana verschwinden.“ Und man war durchaus geneigt, ihm zu glauben, dem Dresdner Politikwissenschaftler, der bisweilen als Pegida-Versteher beschimpft wird. Als sei es verwerflich, verstehen zu wollen.

Jedenfalls sanken im Frühjahr die Teilnehmerzahlen der Montagsdemos weiter. Übrig waren die Hardcore-Pegidisten, die breite Masse blieb fern. Die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ schienen sich lahm gelaufen zu haben. Über den Sommer würden sie nicht kommen, wähnten viele.

Doch dann ging die Flüchtlingskrise erst richtig los. Nun fühlen sich viele Sympathisanten bestätigt, in ihren Befürchtungen und ihren Forderungen. Hat es Pegida nicht vorausgesehen? Nicht vor eben den Problemen gewarnt, die nun überall greifbar sind? Nicht Maßnahmen gefordert, die die Politik jetzt ernsthaft diskutiert? Nun, da es abends wieder dunkel ist, wenn sie durch die Stadt ziehen, werden es wieder mehr, von Woche zu Woche. Zwar noch nicht wieder so viele wie zu Jahresbeginn, aber von Nirwana kann keine Rede sein. Professor Patzelt gibt freimütig zu: „Ich habe die Zähigkeit der Demonstranten stets unterschätzt.“ Also Vorsicht mit Pegida-Prognosen.

Das wöchentliche Ritual ist längst Routine. Wutreden, Fremdenfeindlichkeiten, Islam-Ängste, Hetztiraden, Volksverräter-Chöre, Lügenpresse-Rufe, schließlich eine Runde durch die Altstadt, zum Schluss das Deutschlandlied. Stammtisch auf der Straße. Es regiert das Ressentiment. Man muss zugestehen, dass es im Großen und Ganzen friedlich zugeht, aber einzelne Attacken auf Gegendemonstranten oder Journalisten häufen sich. Dafür werden die Parolen immer drastischer, die Reden aufwiegelnder, die Plakate radikaler, die Menschen zorniger, die Stimmung aggressiver. Sie rufen nicht mehr nur „Wir sind das Volk“, sondern „Widerstand“. Und es klingt so, als meinten sie es ernst.

Von Mal zu Mal loten die Pegidaköpfe Hemmschwellen neu aus. Wollten sie anfangs noch „in Würde“ friedlich und still spazieren, werfen sie inzwischen mit Unflätigkeiten und Beleidigungen um sich. Jene, die das Abendland retten wollen, pfeifen auf den Anstand. Sie sind Hassprediger. „Jeder Einzelne bekommt die Quittung für seinen Vaterlandsverrat!“, droht Lutz Bachmann bei Facebook. Und bei der nächsten Demo gibt es einen Galgen für Merkel und Gabriel. Zufall?

Nein, genau so funktioniert Pegida. Die Organisatoren treiben Eskalation voran. Die Masse macht mit. Es mögen unbescholtene Bürger dabei sein, die nicht wissen, wohin mit ihrer Unsicherheit. Aber sie feiern den Tabubruch.

„Wir sind gekommen, um zu bleiben.“ Auch so ein Montags-Spruch. Er scheint sich zu bewahrheiten. Ein Jahr, nachdem erstmals 300 Leute gegen „Stellvertreterkriege auf deutschem Boden“ auf die Straße gingen, hat sich Pegida etabliert. Dieser kuriose Name, über den sich alle gewundert haben, ist zur Marke geworden, deren Bekanntheit an den von Nutella heranreichen dürfte. 170 000 Menschen folgen auf Facebook, davon können Parteien oder Medien nur träumen. Nach diesem ersten Pegida-Jahr bleibt ernüchtert festzustellen: Es ist der Gesellschaft nicht gelungen, eine angemessene Antwort darauf zu finden. Es hat sich auch keine stabile bürgerliche Gegenbewegung jenseits der hysterischen Antifa etablieren können. Man hat gegen sie plakatiert und demonstriert, hat sie blockiert und ignoriert, ausgegrenzt und beschimpft, hat sie kritisiert und ignoriert. Aber sie sind immer noch da.

Sehr wohl haben aber auch viele versucht, sie ernst zu nehmen, sie anzuhören, ins Gespräch zu kommen. Alles vergeblich. Es gibt ja durchaus viel zu diskutieren und zu kritisieren an der aktuellen Lage. Doch auch das ist klar geworden in diesem Jahr: Sie wollen gar keinen Dialog, keine zivilisierte Debatte. Sie wollen fluchen und fordern, nicht zuhören und diskutieren. Keine Kompromisse, sondern Konflikt. Und  sie drohen  Kritikern. „Merkt Euch die Namen“, ist die Losung. Damit man mit Gegnern dereinst abrechnen kann. Der Galgen lässt grüßen.

Die Stimmung ist rauer geworden, die Atmosphäre vergiftet. Die Ausweitung auf Deutschland ist zwar gescheitert. Im Grunde funktioniert Pegida nur in Dresden und Umgebung. Aber Dresden zerreißt es immer mehr. Die Stadt ist tief gespalten, ihr Image kaputt. Viele fühlen sich unwohl. Die unversöhnliche Auseinandersetzung reicht bis in Freundeskreise und Familien.

Zumindest in dieser Beziehung muss man zugestehen: „Pegida wirkt“.

Und es wird nicht nur der Ton aggressiver: Immer häufiger kommt es zu Handgreiflichkeiten, Anschlägen, Angriffen auf Flüchtlinge, Helfer, sogar Polizisten. Es sind nicht die Flüchtlinge, die das Lebensgefühl in der Stadt beeinträchtigen, es sind jene, die gegen sie hetzen.

Die Randale vor den Heimen direkt Pegida anzulasten, wäre zu einfach. Noch einfacher wäre es aber, zu behaupten, das eine habe mit dem anderen nichts zu tun. „Wir sind das Volk“ rufen jedenfalls nicht nur die besorgten Bürger vor der Frauenkirche, sondern auch die besoffenen Bürger, die vor Unterkünften randalieren.

Man sollte Pegida jedoch nicht als Ursache betrachten, sondern als Symptom. Als Ergebnis einer gesellschaftlichen Entwicklung, die lange Zeit nicht wahrgenommen oder zumindest nicht ernst genommen wurde, weder von der Politik noch von Medien. Plötzlich standen die Vergessenen auf der Straße und verschafften sich Gehör. Leute, die offenbar das Gefühl haben, von niemandem repräsentiert zu werden. Unzufriedene, Verunsicherte, Enttäuschte, Misstrauische, die sich selbst als die schweigende Mehrheit begreifen. Aber nun laut werden. Die Politikverdrossenen sind politisch geworden.

Es ist ja wünschenswert, wenn sich viele einmischen, mitreden, mitmischen. Das ist eben die anstrengende Seite der Demokratie, deren Normalzustand der Meinungsstreit sein sollte. Jedoch auf zivilisierte Weise. Jene aber, die nun mitmischen wollen, akzeptieren nicht die Regeln. Sie wollen keine repräsentative Demokratie oder haben sie nicht verstanden. Sie verstehen nicht, dass Meinungsfreiheit Grenzen hat. Sie behaupten, sie seien das Volk und alle anderen Volksverräter. Sie lehnen das System ab, von dem sie sich ausgegrenzt fühlen.

In dieser Ausgrenzung schlummert das explosive Potenzial von Pegida. Man hätte sie, auch wenn es schnell viele waren, abtun können als verirrtes Häuflein. Lass sie doch laufen. Die allermeisten Dresdner gehen da schließlich nicht mit. Aber von Anfang an war da dieses Unbehagen, dahinter könnte mehr stecken, eine brodelnde, unkalkulierbare Masse. Schließlich sind ganz normale Leute dabei, Nachbarn, Kollegen, Bekannte, die die Wut gepackt hat. Und dann sind da noch all jene, denen zwar die Aufzüge zuwider sind, die aber sagen: Na, so ganz unrecht hat Pegida auch nicht.

Kann einem das egal sein?

Am Anfang vor allem fiel es vielen Beobachtern schwer, damit umzugehen. Die üblichen Reflexe verpufften. „Schande“ und „Mischpoke“ hieß es, „Neonazis in Nadelstreifen“. Das empörte die Empörten nur noch mehr, schweißte sie in Trotz zusammen. Wobei festzuhalten ist, dass keineswegs alle Medien, auch die Sächsische Zeitung nicht, je alle Pegida-Gänger zu Nazis erklärt hätten. Sehr wohl wurde aber immer darauf hingewiesen, dass solche Typen dabei sind. Eben dieser Tabubruch, mit Rechtsextremen gemeinsam zu spazieren, ist es ja, der viele so empört.

Nun lebt aber Pegida, und vor allem der vorbestrafte Bachmann, genau von diesem Image, dass man ausgegrenzt und diffamiert werde. Insofern kommt jede Beschimpfung gelegen. Jedes Kanzlerinnenwort ist eine Auszeichnung. Und wenn sie dann rufen „Wir sind das Pack“, signalisieren sie: Ihr könnt uns nicht mal mehr beleidigen.

Mag sein, dass Pegida ein Sammelsurium von Verunsicherten ist, von denen viele ernste Sorgen haben. Mag auch sein, dass man unterscheiden kann zwischen einer noch vergleichsweise gemäßigten Straßen-Pegida und der total enthemmten Facebook-Pegida. Aber es ist nun mal die gleiche Bewegung.

Es sei wie 1989, meinen viele Pegidisten in der absurden Annahme, die Verhältnisse seien wie in der DDR. Sie hoffen, es könne wieder gelingen, das System zu stürzen. Es sei wie 1933, befürchten manche Gegner, die in übertriebener Zuspitzung ein Viertes Reich aufkommen sehen. Oder ist es eher wie 1968, eine Straßenrevolte mit anderen Vorzeichen?

Nun ist nicht alles, was hinkt, schon ein Vergleich. Offensichtlich aber zerreißt es unsere Konsensgesellschaft, in der lange alles in die Mitte rückte. Plötzlich melden sich Leute, die wollen nicht, dass alles liberaler, toleranter, weltoffener wird. Die haben Angst vor Veränderung, vor Fremden, vor Konkurrenz. Die fürchten, etwas zu verlieren, ihre Position, ihren Besitz, Identität, Heimat.

Das Koordinatensystem verschiebt sich – nach rechts. Auf der Straße und in Parlamenten etabliert sich das rechte Lager. Wie in anderen Ländern üblich. Das werden wir wohl aushalten müssen. Aber nur, solange es dabei zivilisiert und demokratisch zugeht. Wir können das. Als ob unsere Demokratie so schwach wäre.

›› Zurück zum Themenspezial