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Donnerstag, 08.06.2017

„Wie eine Schildkröte denken“

Eichhörnchen-Brücken oder Kröten-Tunnel gibt es auch in Deutschland. In Nordamerika kämpfen Tierschützer dafür, dass auch Schildkröten und Alligatoren die Straße überqueren können.

Von Andrea Barthélémy

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Ein toter Alligator, der auf dem US Highway 27 am Lake Jackson bei Tallahasse in Florida überfahren wurde, liegt auf dem Asphalt.
Ein toter Alligator, der auf dem US Highway 27 am Lake Jackson bei Tallahasse in Florida überfahren wurde, liegt auf dem Asphalt.

© Matthew J. Aresco

  • Ein toter Alligator, der auf dem US Highway 27 am Lake Jackson bei Tallahasse in Florida überfahren wurde, liegt auf dem Asphalt.
    Ein toter Alligator, der auf dem US Highway 27 am Lake Jackson bei Tallahasse in Florida überfahren wurde, liegt auf dem Asphalt.
  • Eine Schildkröte kriecht zu einem Tunnel, der unter einer Straße bei Long Point am Eriesee in Kanada verläuft.
    Eine Schildkröte kriecht zu einem Tunnel, der unter einer Straße bei Long Point am Eriesee in Kanada verläuft.

Long Point/Lake Jackson. Long Point am Eriesee gehörte lange Zeit zu einer traurigen Spitzengruppe: Das Unesco-Biosphärenreservat im Südwesten Ontarios (Kanada) belegte Platz 4 auf der Liste der „tödlichsten Schildkrötenstraßen“ der Welt. Auf dem 3,6 Kilometer langen Abschnitt einer Dammstraße, die die Halbinsel mit dem Festland Ontarios verbindet, kamen Jahr für Jahr rund 10 000 Tiere ums Leben, darunter zahlreiche gefährdete Schildkröten.

Tierschützer starteten deshalb 2006 eine große Schutzaktion - und melden nun, mehr als zehn Jahre später, Erfolg: Ein System aus Zäunen und Tunneln entlang der Straße ermöglicht Fröschen, Reptilien, aber auch Säugetieren endlich eine sichere Passage. Gefährdete Amerikanische Sumpfschildkröten, Landkarten-Höckerschildkröten und vor allem die in Ontario verbreitete, bis zu 30 Kilogramm schwere Schnappschildkröte haben nun wieder die Möglichkeit, sicher ihre Eiablagestätten im Big Creek-Sumpf auf der westlichen Straßenseite zu erreichen.

„Da der größte Teil des Dammes nun eingezäunt ist, hat sich die Zahl der Schildkröten auf der Straße um 89 Prozent verringert, die der Schlangen um 29 Prozent“, berichtet die Biologin Chantel Markle (McMaster University). In einer Studie, die vor kurzem im „Wildlife Society Bulletin“ veröffentlicht wurde, verglich sie frühere und aktuelle Todesraten der Tiere auf der Straße. Um die bevorzugte Wege der Tiere zu ermitteln, hatten die Forscher unter anderem Schildkröten mit Sendern versehen.

Zuvor experimentierten die Tierschützer über Jahre hinweg mit verschiedenen Materialien für die Zäune und auch mit diversen Tunnelgrößen, mit und ohne Wasser. Längst nicht alles funktionierte. Über manche Begrenzungen kletterten die Tiere einfach hinweg, manche Tunnel wurden verschmäht. „Man muss wie eine Schildkröte denken“, beschreibt Naturschützer Rick Levick das Prozedere. Geduld und Beharrlichkeit waren gefragt.

Im Detail, so zeigt die Long Point-Studie, kommt es dabei vor allem auf die Zäune an. An Straßenabschnitten, die komplett mit robuster Kunststofffolie abgeriegelt waren, ging die Zahl der überfahrenen Tiere drastisch zurück - an Stellen, wo etwa private Einfahrten die Zäune unterbrechen, war das nicht der Fall.

Dies bestätigt auch eine andere Studie, die relativ fragile Schutzzäune in einem anderen Teil Ontarios unter die Lupe nahm. Auch dort nutzten Schildkröten jedes Loch im Zaun, um auf die tödliche Straße zu kommen, während die Tunnel so gut wie ungenutzt blieben.

Die Frage nach der Wirksamkeit ist in Kanada und vor allem den USA jedoch wichtig - denn der Aufschrei bei der Verschwendung öffentlicher Gelder ist dort besonders groß. Die Schutzmaßnahmen in Long Point kosteten 2,7 Mio Kanadische Dollar (etwa 1,79 Millionen Euro). Dort stoppte anfangs eine Gruppe namens „Freunde der Dammstraße“ das Tierschutzprojekt, weil sie keine Steuergelder dafür einsetzen wollte.

Ähnlich kämpften Tierschützer am Lake Jackson bei Tallahassee im US-Bundesstaat Florida über Jahre gegen den Steuersparwillen einiger Anwohner an. Der dortige, vielbefahrene Highway US 27, aufgeschüttet quer durch einen Seitenarm des Jackson Sees, war Platz eins auf der Liste der gefährlichsten Straßen für Schildkröten. Jährlich starben dort mehr als 2000 Schildkröten pro Meile (1,6 km). Sogar Alligatoren wurden beim Überqueren der Fahrbahn von Autos überfahren und tot oder verletzt liegengelassen.

Etwa alle zwölf Jahre trocknet der flachere Teil des Sees aus, und die Tiere versuchen in Scharen in den tieferen Seeteil zu wandern. Dann setzte regelmäßig ein wahres Massensterben ein. An manchen Tagen zählte der Biologe Matthew Aresco auf seinen Kontrollgängen Dutzende tote Schildkröten auf dem Highway. Schließlich gab die US-Regierung 3,4 Millionen US-Dollar (rund 3 Millionen Euro) für feste Schutzwände aus Kunststoff und vier Tier-Tunnel frei. „Seit die Öko-Passage 2010 fertig war, haben wir keine einzige tote Schildkröte oder toten Alligator auf diesem Teil des Highways mehr gefunden“, sagt Aresco. „Die Wände und die Tunnel funktionieren genau so, wie wir sie geplant haben.“ (dpa)