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Samstag, 15.04.2017

Werden wir durch Zweifel klüger?

Ja, im Krieg stirbt zuerst die Wahrheit. Umso wichtiger ist es, den Kopf zu verwenden und immer wieder Fragen zu stellen. Daher mein besonders großes Dankeschön an Herrn Grubitzsch für seine überzeugenden Überlegungen zu den Schuldigen des grausamen Massakers in Syrien. Zweifel machen uns nicht fröhlicher, aber klüger. Dr.-Ing. F. Flemming

Sehr geehrter Herr Flemming,

Sie bringen da einen interessanten Gedanken in die Diskussion ein. Ja, der Zweifel beim Betrachten der Weltlage ist wichtig. Gerade der Syrien-Konflikt ist ein so komplexes Problem, dass sich rasche Gewissheiten später fast immer als fehlerhaft, wenn nicht als falsch herausstellen. Jeder politische Schritt sollte deshalb auch besonders gut überlegt sein. Frank Grubitzsch hat in seinen Kommentaren entgegen der vorherrschenden politischen Sichtweise darauf hingewiesen, dass doch bitte schön erst mal die Verantwortung für den Giftgasangriff belegt werden sollte, bevor Raketen fliegen. Und er hat seine Zweifel dargelegt, ob diese Raketen - unabhängig von der Schuldfrage - überhaupt etwas Gutes bewirken können. Vielleicht verstärken sie nur das Chaos in diesem Konflikt. Was dann? Wer übernimmt die Verantwortung?

Wir alle, Journalisten aber vorneweg, sind gut beraten, bei jedem Problem zunächst die Fakten zur Kenntnis zu nehmen. Sie dann zu analysieren und dabei dem Zweifel Raum zu geben. Erst dann ist Zeit für ein Urteil. Wer heute schon sicher ist, dass Assad die C-Waffen eingesetzt hat und Trumps Raketenschlag richtig war, urteilt mindestens um Wochen zu früh. Er geht das Risiko ein, dass sich sein Urteil später als restlos falsch erweist.

Ja, Zweifel machen klüger. Jedenfalls bis zu dem Punkt, da die Fakten eine klare Sprache sprechen. Sollte sich beweisen lassen, dass Assads Truppen die Chemiewaffen eingesetzt haben - und das ist noch immer die wahrscheinlichste Variante - , dann sollten diese Fakten auch zur Kenntnis genommen und das eigene Urteil korrigiert werden. Auch wenn womöglich von interessierter Seite weiterhin Verschwörungstheorien am Leben erhalten werden. Es gehört zum Wert des Zweifels, diese dann auch als solche anzuerkennen, ganz gleich aus welchem politischen Lager oder welcher Himmelsrichtung sie kommen.

Eine andere Faktenlage sorgt für ein anderes Urteil. So soll es sein. Aber leicht fällt uns das allen nicht. Wer zweifelt schon gern an seinem bisherigen Urteil?

Ihr Olaf Kittel

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