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Montag, 14.08.2017

Wer verschwendet Lebensmittel?

Dass ein Drittel der Lebensmittel nicht auf den Tellern landet, ist ein gewaltiges Problem. Nicht nur ethisch, sondern auch wirtschaftlich und für die Umwelt. Die Politik setzt vor allem auf Appelle an die Bürger. Reicht das?

Ein Überblick über die eigenen Lebensmittel hilft dabei, nicht zu viele oder die falschen Lebensmittel einzukaufen.
Ein Überblick über die eigenen Lebensmittel hilft dabei, nicht zu viele oder die falschen Lebensmittel einzukaufen.

© dpa-tmn

Berlin. Die Zahlen klingen dramatisch. „Elf Millionen Tonnen Lebensmittel entsorgen Industrie, Handel, Großverbraucher und Privathaushalte in Deutschland jedes Jahr als Abfall“, schreibt das Agrarministerium. „Jedes achte Lebensmittel, das wir in Deutschland einkaufen, landet in der Tonne. Pro Person und Jahr sind das nach Zahlen aus dem Jahr 2012 durchschnittlich 82 Kilogramm Lebensmittel.“

Saure Milch, verschimmelte Zucchini, gammlige Äpfel, die Reste vom Abendessen, die im Biomüll landen. Dazu tonnenweise Verderbliches, das Supermärkte und Restaurants entsorgen. Einer Studie der Bundesregierung zufolge ist das Problembewusstsein ausgeprägt: 96 Prozent der Befragten glauben, dass auch Essen im Müll landet, das noch genießbar gewesen wäre.

Dabei entsorgen Jüngere öfter Essbares als die älteren Generationen, wie eine Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln zeigt. 92 Prozent der Deutschen im Alter von 21 bis 51 Jahren werfen Essen weg, knapp vier von zehn tun das sogar einmal die Woche. Dagegen wirft ein Drittel der Menschen, die vor 1945 geboren wurden, nach eigenen Angaben Lebensmittel nie in den Müll. In der Nachkriegs-Generation bis Jahrgang 1954 sind es rund 27 Prozent. Wer mit Entbehrungen aufgewachsen ist, hat offensichtlich ein anderes Verhältnis zum Essen als Generationen, für die Überfluss normal ist.

Weltweit landet ein Drittel der produzierten Nahrung nicht auf den Tellern - dabei haben den Vereinten Nationen zufolge 795 Millionen Menschen nicht genug zu essen. Dass Lebensmittel nicht effizient verbraucht werden, ist nicht nur ein ethisches Problem. Arbeitskraft, Boden, Wasser und andere knappe Ressourcen werden verschwendet. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) beziffert die Kosten für Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft weltweit auf 2,6 Billionen US-Dollar pro Jahr.

Drei Tipps gegen Lebensmittelverschwendung

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RICHTIG PLANEN: Wer seine Vorräte überblickt, kauft weniger Überflüssiges ein. Gut ist auch, sich einen groben Wochenplan zu machen: Kommt jemand zu Besuch? Geht man auswärts essen? Sind vom Kochen Reste übrig? Grundsätzlich empfiehlt es sich, Lebensmittel wie H-Milch, Nudeln, Reis, Mehl, Kartoffeln und Zwiebeln, passierte Tomaten, Öl, Tomatenmark, Gewürze und Senf als Vorrat im Haus zu haben. In den Kühlschrank gehören Eier, Käse, Milch, Joghurt, Butter oder Margarine. Und wer Spinat, Brokkoli, Fisch und Brot in der Tiefkühltruhe hat, kann auch ohne frische Einkäufe ein Essen kochen.

RICHTIG LAGERN: Ärgerlich ist es, wenn gerade erst geöffnete Lebensmittel schlecht werden und deshalb in den Müll müssen. Dagegen lässt sich aber etwas unternehmen: Joghurt oder Quark zieht geöffnet Bakterien an, deshalb sollte man ihn schnell mit Frischhaltefolie abdecken. Nicht verbrauchte, offene Konserven füllen Verbraucher am besten in Behälter aus Glas, Metall oder Kunststoff um. Eingemachtes und Eingefrorenes beschriftet man besser mit Datum, damit man einen Überblick behält, was als Nächstes verbraucht werden sollte.

RICHTIG ZWEITVERWERTEN: Dass beim Kochen etwas übrig bleibt, lässt sich nicht immer vermeiden. Die Reste sind aber zu schade, um sie wegzuwerfen. Übrig gebliebenes Gemüse oder Eier können zusammen in einer Reispfanne landen. Brot oder Brötchen vom Vortag schmecken zum Beispiel lecker in einem süßen Auflauf oder als Arme Ritter. Der Rest der Spaghettisoße wandert ins Paprikagemüse, geschnittenes Obst wird zum Kompott verarbeitet oder zusammen mit Joghurt zum Shake püriert. (dpa)

Quelle: Initiative Zu gut für die Tonne

Bis 2030 will Deutschland die Lebensmittelverschwendung pro Kopf um die Hälfte reduzieren. Das Ernährungsministerium gibt über das Portal „Zu gut für die Tonne“ Tipps, wie sich in der heimischen Küche Müll vermeiden lässt.

Diesen Fokus auf Verbraucher kritisiert die Organisation Foodwatch - wie auch die oft zitierten 82 Kilo Lebensmittel-Müll pro Person. Denn da würden auch Knochen oder Bananenschalen hineingerechnet, von denen niemand erwarte, dass sie auf dem Teller landen. Insofern ist aus Sicht des Vereins auch die Angabe falsch, 61 Prozent der Lebensmittelabfälle fielen in Haushalten an.

„Die Daten von Unternehmen basieren hingegen nur auf freiwilligen Angaben, und Zahlen zu Abfällen aus der Landwirtschaft wurden gar nicht berücksichtigt“, kritisiert Oliver Huizinga von Foodwatch. Er fordert gesetzliche Vorgaben für den Handel, die Industrie und die Landwirtschaft.

„Dem Konsumenten oder gar der jüngeren Generation dafür allein die Schuld zu geben, greift viel zu kurz“, findet auch Tanja Dräger de Teran vom WWF. Verbraucher müssten ihr Konsumverhalten hinterfragen, der Handel seine Marketingstrategien. Zudem brauche es nach der Bundestagswahl eine Strategie „mit klaren Zielvorgaben, Zuständigkeiten und vor allem einer entsprechenden Finanzierung“.

Das vom Ernährungsministerium mitfinanzierte Projekt Refowas untersucht, wo wie viele Lebensmittel aus welchem Grund in der Tonne landen. Einem Zwischenergebnis zufolge verzeichnen private Haushalte mit rund 3,5 Millionen Tonnen jährlich den größten Anteil an vermeidbaren Lebensmittelabfällen. Darauf folgen die Landwirtschaft mit rund 1,7 Millionen Tonnen, die Verarbeitung mit rund 1,5 Millionen Tonnen, die Außer-Haus-Verpflegung mit etwa einer Million Tonnen pro Jahr und der Handel mit 351 000 Tonnen jährlich.

So sind es demnach vor allem die Bürger, die beim Einkaufen, Kochen, Lagern und beim Essen etwas gegen die Verschwendung tun können. Refowas-Projektleiter Thomas Schmidt vom Braunschweiger Institut für Ländliche Räume zufolge sind die Konsumenten die „wichtigsten Akteure“ - 44 Prozent des Potenzials beim Müll-Sparen liege in den Haushalten. (dpa)