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Montag, 15.02.2016

Wer sind wir Deutschen?

Wir brauchen ein Leitbild für unser Einwanderungsland statt eine deutsche Leitkultur. Das sagt die Sozialforscherin Naika Foroutan und eröffnet auf ungewöhnliche Art die Reihe Dresdner Reden.

Von Rafael Barth

Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan
Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan

© Robert Michael

Die Deutschen sind unberechenbar. Gerade wenn es darum geht, sich zu verhalten gegenüber denen, die vielleicht nicht ganz so deutsch sind. Die Umfragenforscher wissen das. Sie fanden heraus, dass zwei von drei Einheimischen damit einverstanden sind, wenn Muslime sich hierzulande einbringen und Forderungen stellen. Fragt man genauer nach, sieht es mit der Toleranz nicht mehr so rosig aus. Muslimische Jungen aus religiösen Gründen zu beschneiden, lehnt eine deutliche Mehrheit ab. Und knapp die Hälfte möchte muslimischen Lehrerinnen verbieten, im Unterricht ein Kopftuch zu tragen. Was lernen wir daraus?

Mit solchen Fragen schlägt sich Naika Foroutan herum. Es braucht Sozialwissenschaftlerinnen wie sie, um Schlüsse zu ziehen aus dem Datengewusel der Demoskopie. Und wie es wuselt! Die Berliner Migrationsexpertin ist bestens gewappnet, als sie am Sonntag im voll besetzten Dresdner Schauspielhaus auftritt. Tabellen, Zahlenkolonnen, Balkendiagramme, Zitate erscheinen auf der Bühnenrückwand und verwandeln den Theatersaal in eine akademische Arena. So beginnt just der 25. Jahrgang der Dresdner Reden nicht mit einer Rede, sondern einem Wissensvermittlungsvortrag. Das ist untypisch für die Reihe, die das Dresdner Staatsschauspiel und die Sächsische Zeitung veranstalten.

Aber das funktioniert. Die Zuhörer folgen interessiert, spenden herzlich Beifall, stellen Fragen. Ein Mann aus dem Publikum bedankt sich: Man habe ja schon viel geredet, aber jetzt diese Fakten… Sein Wort in den Ohren aller, die lieber faktenfrei streiten.

Mit ihrem Vortrag liefert Naika Foroutan Diskussionsstoff zur Frage, „was es für Deutschland bedeutet, ein Einwanderungsland zu sein“. Die Frage stellt sich nicht erst seit der Flüchtlingskrise. Die alte Bundesrepublik mit ihren Millionen von Gastarbeitern hatte schon interkulturelle Erfahrungen gesammelt. Doch dauerte es bis zur Jahrtausendwende, bis die Republik sich offiziell Einwanderungsland nannte. Seit dem Ende des Ost-West-Konflikts hat sich die Bruchlinie ins Innere europäischer Gesellschaften verlagert, sagt Naika Foroutan. Sie spricht nicht über eine vermeintliche Gegnerschaft zwischen „dem Westen“ und „der islamischen Welt“. Stattdessen untersucht sie den „akuten Konflikt zwischen Europa und sich selbst“. Auf der einen Seite die offene, tolerante, aufgeklärte Demokratie. Auf der anderen Finanzkapitalismus, Ungleichheit, Grenzziehung und wachsender Rechtspopulismus. Daraus schlussfolgert Foroutan: „Die Frage der Migration hat sich zu einer Systemfrage entwickelt.“

Eine Gesellschaft, die Einwanderung seit vielen Jahren erlebt hat, bezeichnet die Professorin als postmigrantisch. Diese Gesellschaft sei stark polarisiert. Das Besondere daran: „Die neue Fremdheit ist keine Frage der Herkunft mehr.“ Sondern eine Frage der Haltung. Wo ließe sich das besser zeigen als in Dresden. Menschen aus der sogenannten Mitte finden sich unter Pegidafreunden und -feinden. „Alle diese Vorstellungen, die wir von Rastern in der Gesellschaft haben, haben sich aufgelöst.“ Damit müssen wir Deutschen jetzt fertig werden. Aber wer sind überhaupt „wir“?

Auch das wollten Umfragenforscher wissen. Wir, so die Antwort der Befragten, das sind „die Deutschen“, „die Gesellschaft“, Freunde, Familie. In vielen Köpfen scheinen sich deutsch und muslimisch auszuschließen. Dabei hat die Hälfte der hier lebenden Muslime die deutsche Staatsbürgerschaft. Das aber reicht vielen Befragten nicht. Fast alle fordern, dass ein Deutscher Deutsch sprechen muss, und vierzig Prozent fordern sogar: akzentfrei. „Jetzt können Sie überlegen, was das für Dresden bedeutet“, sagt Naika Foroutan mit Anspielung auf den sächsischen Dialekt. Ein Lachen geht durch die Reihen, Applaus brandet auf.

Die 44-jährige Forscherin belässt es nicht bei reinen Zahlen. Sie nimmt damit gängige Erzählungen auseinander, die mit Zuwanderern, mit Muslimen in Verbindung gebracht werden. Typisch sind Frauenverachtung, Gewalt, Überforderung oder eben auch Überfremdung. Davon aber könne nicht die Rede sein bei einem Bevölkerungszuwachs von einem Prozent, sagt Foroutan. Jetzt, da es um einen Aufnahmestopp bei Flüchtlingen geht, lässt sie die Zahlen einmal beiseite. Die Obergrenze sei die Akzeptanzgrenze. „Sie ist keine empirische Frage.“

Wie aber kann das Zusammenleben von Alt- und Neubürgern gelingen? Naika Foroutan plädiert dafür, Integration nicht als Sonderprojekt für Zugewanderte zu verstehen. Vielmehr sollten damit alle Teile der Bevölkerung angesprochen werden, zum Beispiel auch arme Menschen. Dass die Würde des Einzelnen unantastbar ist, gehöre zu jenen Kernforderungen, die für alle verbindlich gelten müssten. Dafür lohne es sich zu streiten.

Im Streiten ist Naika Foroutan geübt. Sie lernte, sich als Mensch mit Migrationshintergrund durchzusetzen. Zur Welt kam sie 1971 im rheinischen Boppard, als Kind eines Iraners und einer Deutschen. Damals mag ein fremdklingender Name in den Ohren von Entscheidern größere Zweifel ausgelöst haben: Kann die das? Sie kann. Geht zur Schule. Studiert Politik- und Islamwissenschaften. Schließt ab mit einer preisgekrönten Promotion über den west-östlichen Kulturdialog. Wird Dozentin und schließlich Professorin am Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung der Humboldt-Universität. Das Signet der Hochschule zeigt die beiden namensgebenden Brüder, die mit Neugier und Verve die Sprache und die halbe Welt erforschten.

Nobel wie bei Humboldts geht es längst nicht immer zu, nicht mal in der Wissenschaft oder bei deren Auslegern. Erinnern wir uns an Thilo Sarrazin. Der frühere Berliner Finanzsenator konnte mit vielen Daten aufwarten, um seine These vom Niedergang der Bundesrepublik zu stützen. Sein Buch „Deutschland schafft sich ab“ erreichte ein Millionenpublikum. Die Fürsprecher diskutierten sich die Köpfe heiß mit Gegenrednern wie Naika Foroutan. Die Wissenschaftlerin deutete die Zahlen anders, nicht ohne ihrerseits kritisiert zu werden. Am Ende bekam sie für ihre Parteinahme zugunsten von Migranten den Berliner Integrationspreis. Seitdem ist Foroutan bekannt als öffentliche Intellektuelle.

Mit zukunftsträchtigen Gedanken schließt sie ihre Überlegungen zum Einwanderungsland ab. Obwohl ein Großteil der Bevölkerung Vielfalt bejahe, gebe es deutliche Vorurteile gegenüber Muslimen sowie Flüchtlingen. Sie könnten durch Bewusstmachen und Bildung überwunden werden. Schulen, Theater, Medien sollten dort Brücken bauen, wo gedankliche Akzeptanz von Einwanderern auf emotionale Distanz treffe.

Naika Foroutan fordert ein stärkeres Demokratiebekenntnis ein, das sich gründet auf Pluralität und Verfassung. Das Grundgesetz gesteht jedem zu, die eigene Religion auszuleben – mancher Streit um geplante Moscheen ließe sich so entschärfen. Schließlich empfiehlt die Rednerin, ein Leitbild für die neue, buntere Gesellschaft zu entwerfen, statt eine Leitkultur abzustecken. Ein gemeinsamer Integrationsvertrag könne verhindern, dass die deutsche Gesellschaft auseinanderfällt, so unberechenbar sie nun einmal ist.

Dresdner Reden: Peter Richter (21.2.) und Giovanni di Lorenzo (28.2., beide ausverkauft), Joachim Klement (6.3.). Karten in den SZ-Treffpunkten, Tel. 0351 84042002, oder beim Dresdner Staatsschauspiel, Tel. 0351 4913555.