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Montag, 21.09.2015

Wer scheitert, ist nur zu faul wieder aufzustehen

Heike Feist und Andreas Nickl sorgen mit einem grandiosen Ringelnatz-Abend für Gänsehaut im Conrad-Brüne-Haus.

Von Jens Fritzsche

Heike Feist und Andreas Nickl sorgten mit „Schöner scheitern mit Ringelnatz“ für einen warmherzig-tiefen Einblick in die Seelenwelt Ringelnatz‘ – und machten Mut, auch das Scheitern mit Humor zu nehmen.
Heike Feist und Andreas Nickl sorgten mit „Schöner scheitern mit Ringelnatz“ für einen warmherzig-tiefen Einblick in die Seelenwelt Ringelnatz‘ – und machten Mut, auch das Scheitern mit Humor zu nehmen.

© Thorsten Eckert

Radeberg. Das hätte sich Peter Blochwitz wohl nicht träumen lassen, als er Freitagabend wie immer die Technik im Conrad-Brüne-Haus der Radeberger Brauerei aufbaute. Wie immer, wenn Brauerei und SZ zur gemeinsamen Veranstaltungsreihe „Bier & Kultur“ einladen, ist Brauerei-Mitarbeiter Peter Blochwitz für die Technik zuständig. Aber diesmal wurde er kurzerhand gleich noch zum Schauspieler. Und hatte eine sehr wichtige Rolle: Er spielte nämlich einen Techniker, der noch mal kurz vorm Auftritt der Künstler die Bühnentechnik überprüft, dabei eine Banane isst und die glitschige Schale anschließend scheinbar achtlos auf die Bühne wirft,

Aber diese Schale wird gleich noch mal wichtig. Richtig wichtig sogar. Denn – natürlich – wird einer der beiden Künstler, die jetzt auf die Bühne kommen, darauf ausrutschen. Und hinfallen. Denn ums Hinfallen geht es an diesem Abend. „Aber auch ums wieder Aufstehen“, stellt Heike Feist gleich mal klar. Die Berliner Schauspielerin hat einen Theaterabend über die Lebensgeschichte von Hans Bötticher verfasst. Den kennt man heute eigentlich nur noch unter seinem Künstlernamen Joachim Ringelnatz – und er ist quasi der Beweis, dass in jedem Hinfallen, in jedem Scheitern auch stets etwas Positives liegt, wenn man mit dem notwendigen Humor scheitert.

Zauberhafte Schauspielkunst

Eine grandiose Idee und ein grandioser Abend, den Heike Feist gemeinsam mit ihrem Schauspieler-Kollegen Andreas Nickl da auf die Bühne bringt. In schier atemberaubender Geschwindigkeit wechseln die beiden in verschiedene Rollen, sind Ringelnatz als Kind, sind Mutter, Geliebte, Militärarzt, Kellnerin … Dafür brauchen sie keine Kostüme, ihnen genügt ihre zauberhafte Schauspielkunst, der sie mit ungezügelter Spielfreude die Sporen geben, ohne an irgendeiner Stelle zu übertreiben. Ihnen gelingt es (schau)spielend, ohne jedes Bühnenbild auskommend, die für die jeweilige Szene notwendige Atmosphäre zu schaffen. Und da sitzt das Publikum plötzlich eben nicht mehr im Radeberger Conrad-Brüne-Haus, sondern im Münchener Künstlerlokal Simplicissimus, in dem Ringelnatz nach seiner gescheiterten Karriere als Seemann erstmals öffentlich seine liebevoll skurril-schrulligen Gedichte präsentiert.

Das Publikum spielt mit

Und während Andreas Nickl auf dem vermeintlichen Kneipentisch stehend, die Verse in die Runde schmettert, geht Heike Feist derweil servierend durchs Publikum, das an diesem Abend so auch immer wieder zum Akteur wird. Und sich auch bereitwillig darauf einlässt. So kommt man dem einst im sächsischen Wurzen geborenen Dichter noch ein Stück näher – wie dieser Abend überhaupt einen wunderbaren Blick auf und vor allem ins Leben dieses Mannes gewährt, der patriotisch beseelt in den Ersten Weltkrieg zog und als geheilter Pazifist zurückkehrt, der von der zeitgenössischen Kritik zerrissen und vom Publikum geliebt wurde und der nicht nur Dichter blieb, sondern sich einmischender politischer Kabarettist wurde und auf dem Höhepunkt seiner Karriere von den sich an die Macht geheuchelten Nationalsozialisten faktisch mit Berufsverbot belegt worden war, bevor er 1934 an Tuberkulose starb.

Mutige Entscheidung

Es ist mutig, sich ausgerechnet an den Stationen des Scheiterns eines Menschen durch dessen Biografie zu spielen. Aber ist eben auch mutmachend zu sehen, dass nach jedem Scheitern eine neue Chance kommt. Zumindest wenn man sie ergreifen will. Und so ist der Titel des Programms tatsächlich Programm: „Schöner scheitern“. Ein Programm übrigens, das Heike Feist für diesen Abend in Radeberg extra für die Kleinkunstbühne umgeschrieben hat. Ein echter Radeberger Ringelnatz-Abend sozusagen. Und das nicht nur, weil der Radeberger Peter Blochwitz hier die erste Theaterrolle seines Lebens spielen durfte.

Am 4. Dezember ist die Dresdner Schauspielerin Annette Richter mit der Premiere ihres Stücks „ÜBERmänner“ bei Bier&Kultur zu erleben. Sie schlüpft in zehn verschiedene Frauenrollen und singt über zehn verschiedene Männertypen. Ticketbestellungen sind unter Telefon 03528 454260 oder per E-Mail möglich: info@radeberger.de