Samstag, 12.01.2013

Wer A sagt, muss auch B sehen

Mit dem Modellwechsel haben sich die kleinen Kompakten von Mercedes voneinander entfernt. Ihre Plattform ist jedoch identisch. Der Test zeigt, wobei welches Auto punktet.

Von Jens Dralle

Äußerlich haben die zwei Mercedes-Modelle wenig gemein. Die Gemeinsamkeiten stecken unterm Blechkleid.
Äußerlich haben die zwei Mercedes-Modelle wenig gemein. Die Gemeinsamkeiten stecken unterm Blechkleid.

Schnitt. Neuanfang. Nach dem Modellwechsel muss sich weder die A- noch die B-Klasse von Mercedes erklären. Zuvor lagen die Konzepte eng beieinander, beide lockten mit hoher Sitzposition und pfiffiger Variabilität. Jetzt sind die Positionen klar verteilt, ein Blick auf das Design beantwortet die meisten Fragen noch vor der ersten Fahrt. Offenbar ein erfolgversprechendes Konzept, denn beide verkaufen sich top. Und 40 Prozent aller neuen B-Klasse-Fahrer kommen von der Konkurrenz, bei der A-Klasse lässt sich das noch nicht genau sagen. Was sie kann, dagegen schon: schnelle Kurven fahren. Selbst mit dem Standardfahrwerk fährt sie die mit Sportfahrwerk ausgerüstete B-Klasse schwindelig. Mit seiner langen Nase spürt der A 200 CDI zielsicher Kehren auf, klinkt sich auf Befehl des Fahrers unmittelbar in ihren Radius ein und folgt ihm mit hohem Tempo. Ödes Untersteuern? Ging zusammen mit dem Sandwichboden-Konzept in Rente. Stattdessen darf sogar das Heck ein wenig mit dem Kurvenaußenrand flirten, jedoch nie ESP-relevant.

Derart bunt trieb es der Vorgänger nicht einmal in der Farbkarte. Typisch Mercedes dagegen ist die Lenkung. Sie arbeitet frei von künstlicher Hektik und vermittelt präzise Rückmeldung. In Verbindung mit den aufpreispflichtigen 17-Zoll-Rädern und 225er-Reifen

erzielt die A-Klasse daher nahezu spielend deutlich bessere Werte in den Fahrdynamik-Disziplinen als der identisch bereifte B 200 CDI. Das reicht noch nicht? Also dann: Sportfahrwerk bestellen. Dabei entfällt allerdings der serienmäßig ordentliche Federungskomfort. Einzig beim Absorbieren kurzer Stöße patzt die A-Klasse häufiger. Auf der Geraden setzt sich der A 200 CDI ebenfalls vom Plattform-Bruder ab.

Der knurrige, aber grundsätzlich kultivierte Vierzylinder-Diesel kann den Vorteil der leichteren und windschlüpfrigeren

Karosserie in bessere Beschleunigungswerte umwandeln. In beiden Fahrzeugen ist er an ein identisch übersetztes, leichtgängig zu schaltendes Sechsganggetriebe gekoppelt. Und der Verbrauch? Hier wirkt sich das schlankere Blechkleid ebenfalls positiv aus. Im Testdurchschnitt genehmigte sich das 136PS starke Aggregat 6,5 Liter auf hundert Kilometern, der B 200 CDI kommt auf 6,8 Liter. Zurückhaltend gefahren knauserte die A-Klasse etwas konsequenter (4,1 zu 4,8 Liter). In Verbindung mit dem niedrigeren Grundpreis und der nahezu identischen Ausstattung sticht sie so den großen Bruder in der Kostenwertung aus – zusätzlich zum Vorsprung bei den Fahreigenschaften. Doch jetzt öffnet der B alle vier Türen und die Heckklappe. Aufgrund der sechs Zentimeter längeren, 13 Zentimeter höheren und sechs Millimeter breiteren Karosserie wirkt er innen ähnlich luftig wie eine Schulsporthalle, die A-Klasse dagegen so beengt wie das Hausmeister-Kabuff. Fahrer und Beifahrer stört das weniger, sie bekommen in beiden Modellen ähnlich viel Bewegungsfreiheit zugestanden. In der B-Klasse montiert Mercedes allerdings die bequemeren Sitze, in der A-Klasse zwingen sie mit ihrer durch die integrierten Kopfstützen bedingten Lehnenkrümmung zu einer unbequemen Sitzposition. Und dahinter ist es einfach nur eng. Die hier ebenfalls starr montierten Kopfstützen verhageln zusätzlich die Rundumsicht – ein Fall, der beim B 200 CDI erst dann eintritt, wenn hinten zwei nicht eben klein geratene Passagiere sitzen, was problemlos möglich ist.

Dabei ließ sich noch nicht einmal die Rückbank des Testwagens verschieben. Umklappen hingegen sehr wohl, was zu einer leicht ansteigenden Ladefläche ohne ärgerliche Stufe führt. Der Kofferraumausschnitt ist deutlich breiter und höher als bei der dynamischen Verwandtschaft – die Zuladung merkwürdigerweise nicht, fällt aber mit 555 Kilogramm immer noch üppig aus. Übrigens: Bei der soliden Verarbeitung und der Materialqualität gleichen sich beide Modelle wie eineiige Zwillinge. Und völlig undynamisch ist der B 200 CDI ebenfalls nicht, er fährt einfach weniger aufgekratzt, ist brav untersteuernd abgestimmt und leistet sich stärkere Karosseriebewegungen. Dafür spricht er auf Bodenunebenheiten etwas besser an, könnte das mit dem Standard-Fahrwerk sicher noch ausbauen. Damit – und mit der variablen Rückbank (672 Euro im Paket) – wird die B-Klasse sogar zur C-Klasse-Alternative. Und die A-Klasse? Versucht, mit ihrer Agilität Fahrer von Einser-BMWs und Audi-A3-Fans zu bekehren. Aber das war mit dem Neuanfang ja so gewünscht.