erweiterte Suche
Samstag, 10.09.2016

Wenn von vielen Leben viel geblieben ist

Ulrich Müllers Vorfahren lebten lange Zeit in Cotta. Über 100 Jahre wurde ihr Gebäude kaum verändert. Nun soll daraus ein Museum werden.

Von Annechristin Bonß

Bild 1 von 5

Ulrich Müller will aus dem Haus seiner Vorfahren ein Museum samt Geschichtswerkstatt machen.
Ulrich Müller will aus dem Haus seiner Vorfahren ein Museum samt Geschichtswerkstatt machen.

© Christian Juppe

  • Ulrich Müller will aus dem Haus seiner Vorfahren ein Museum samt Geschichtswerkstatt machen.
    Ulrich Müller will aus dem Haus seiner Vorfahren ein Museum samt Geschichtswerkstatt machen.
  • Viele der Möbel im Haus Boden wurden um 1910 gefertigt. Bis jetzt sind sie erhalten und immer noch ohne Schäden.
    Viele der Möbel im Haus Boden wurden um 1910 gefertigt. Bis jetzt sind sie erhalten und immer noch ohne Schäden.
  • Im Haus an der Gottfried-Keller-Straße scheint die Zeit still zustehen. Die Räume zeigen, wie um 1900 gelebt wurde.
    Im Haus an der Gottfried-Keller-Straße scheint die Zeit still zustehen. Die Räume zeigen, wie um 1900 gelebt wurde.
  • Früher wurde hier das Essen mit Kohle befeuert. Später kam der Gasherd dazu. Der alte Ofen durfte trotzdem bleiben.
    Früher wurde hier das Essen mit Kohle befeuert. Später kam der Gasherd dazu. Der alte Ofen durfte trotzdem bleiben.
  • Alte Bilder, alte Bücher, das alte Radio – Relikte aus vielen Jahrzehnten haben sich angesammelt.
    Alte Bilder, alte Bücher, das alte Radio – Relikte aus vielen Jahrzehnten haben sich angesammelt.

Wie groß ist es wohl, das größte Geschichtsbuch der Welt? 1 000 Seiten dick? Geschrieben auf Papier im XXL-Format? Oder so groß wie ein ganzes Haus, mit Keller, Dachgeschoss, mit Wohnungen, einem Waschhaus und dem geheimen Boden, den nie jemand betreten durfte? Ulrich Müller weiß, dass es ein solch großes Geschichtsbuch gibt. Es ist sein Eigenes. Ein Haus in Cotta, gebaut 1890, von seinen fernen Vorfahren. Die Räume sind die Kapitel, die Möbel, Dekoration, Bilder, Lampen, selbst die vielen Dinge in den Schränken und Schubladen sind die Seiten. Jedes einzelne Relikt erzählt eine Episode. Es gibt viele davon. Sie füllen ein ganzes Jahrhundert. Denn seitdem das Haus gebaut wurde und die ersten Bewohner einzogen, ist vieles erhalten geblieben, manches sogar nie verändert worden. Und so gleicht der Gang durch Küche, Wohn- und Schlafzimmer einer Zeitreise.

Alte Keramik für die Klospülung

Die Reise in die Vergangenheit beginnt schon an der Haustür. Eine Metallstange hängt aus der Wand heraus. Wer daran zieht, hört das laute, helle Klingeln einer Glocke. Es klingelt im ganzen Haus. Drinnen ist es kühl. Die Wände halten die sommerliche Wärme draußen. Ulrich Müller steigt die Stufen hinauf. Auf dem hell-gelben Belag haben sich Risse gebildet. Vor einer kleinen Tür zwischen dem Erdgeschoss und dem ersten Stock stoppt er und dreht den geschwungenen Schlüssel im Schloss. „Hier gibt es die Toiletten noch auf dem Gang“, sagt er. „Aber jede Wohnung hat ihre eigene.“ Der hölzerne Spiegel, das kleine Fach für das Toilettenpapier, der keramische Knauf an der Strippe zum Spülen – die Dinge wurden kurz nach dem Bau des Hauses eingebaut. „Nur der Klositz aus Holz wurde irgendwann neu beschafft.“

2002 hat der Vater von Ulrich Müller das Haus übernommen. Damals war die letzte Bewohnerin gestorben. Ilse Flemming war die Großtante von Ulrich Müller. Der kennt das Haus auf der Gottfried-Keller-Straße 30 noch von Besuchen. Mit seinen Eltern und den beiden Brüdern wuchs er in West-Berlin auf. Einige Male reiste die Familie nach Dresden.

Ulrich Müller schließt die Augen, zieht die Luft tief durch die Nase ein. „Es ist der Geruch“, sagt er. Nach Staub, ein wenig abgestanden, wie in einer Abstellkammer, süßlich-schwer. „Der Geruch macht viele Erinnerungen wach.“ Wie die Familie sich um den großen Tisch im Wohnzimmer versammelt hat, wie sie im Garten unter den Obstbäumen gefeiert haben, wie er später auf der Couch im kleinen Salon geschlafen hat, wie Tante Ilse in der Küche am Waschtisch stand. Dort verschließen zwei Holzplatten die Becken, in die das heiße Wasser aus Schüsseln geschüttet wurde. Einen Wasserhahn zum Befüllen gibt es nicht. Daneben steht der Herd, der mit Kohle befeuert wurde. Auch das Schlafsofa gibt es noch und die Originalrechnung von einem Meißner Tischler, der Sitzmöbel zusammen mit Stühlen, Tisch und Anrichte um 1910 gefertigt hat.

2004 starb auch der Vater. Seitdem kümmern sich Ulrich Müller und sein Bruder Moritz um das Haus. Zwei Mieter wohnen noch im Erd- und dem Dachgeschoss. „Die haben wir mitgeerbt. Sie sollen bleiben“, sagt er. Denn wo manch anderer Eigentümer kündigen, entrümpeln, aufwendig sanieren und zu hohen Preisen vermieten würde, haben die Brüder ganz andere Ideen. Das Dach haben sie erneuert. Nun sollen all die Schätze katalogisiert werden. Haus Boden haben sie den Verein benannt. Boden – weil die meisten der Bewohner diesen Nachnamen trugen, auch die Großmutter von Ulrich Müller. Später sollen hier nicht nur Besucher wie in einem Museum über die Vergangenheit staunen, sondern auch Schulklassen in einer Art Geschichtswerkstatt lernen.

Der Zylinder vom gefallenen Sohn

Doch noch scheinen die Pläne leise Zukunftsmusik zu sein. Auf die Brüder wartet eine Sisyphus-Arbeit. Wo anfangen, wo aufhören, wenn von vielen Leben viel geblieben ist? Wo es scheint, als ob der Bewohner nur kurz zur Tür hinaus gegangen ist. Vieles in den Schubladen hat Ulrich Müller noch nicht gesichtet. Anderes nur flüchtig in den Händen gehabt. Briefe, die den Ehemann in der Kriegsgefangenschaft erreichten. Er kam erst 1949 heim. Ein Fotoalbum von der Rundreise über den Balkan um 1900. Ein Geschirr-Service, auf das die Mutter lange sparte. Es steht im Küchenschrank. Zwei Zylinder, die der Vater für seine drei Söhne fertigen und deren Initialen in goldener Schrift einprägen ließen. Einer von ihnen kam nicht aus dem Krieg zurück. Ein Schwarz-Weiß-Foto, das zwei Freundinnen um 1900 zeigt. Als die eine – Müllers Urgroßmutter – früh starb, heiratete deren Witwer die andere.

Für Ulrich Müller ist das Haus eine große Schatzkiste. Der promovierte Historiker hat sich mit sächsischer und polnischer Geschichte beschäftigt. In Oldenburg studierte er im Fach Museum und Ausstellung. „Aus der Geschichte können wir lernen. Da ist so viel zu entdecken“, sagt der 48-Jährige. Er will sortieren, erfassen, bestimmen, katalogisieren. Und dann entscheiden, welche Dinge wie präsentiert werden können. Unvorstellbar, einzelne Dinge wegzuschmeißen. So die für die DDR typischen Einkaufsnetze, die noch in der Küche hängen. Die hat Ulrich Müller natürlich ausprobiert. Eine Alternative zur Plastiktüte? „Wohl nicht. Die Löcher sind zu groß, da hab ich mal eine Zahnpasta verloren.“

Ohne finanzielle Hilfe kann der Berliner seine Vision wohl kaum umsetzen. Er hofft, dass er andere Menschen vom Haus voller Geschichte begeistern kann. Der Verein vergibt Patenschaften. Neue Mitglieder können sich melden. Und mit ihm in seinem XXL-Geschichtsbuch blättern.

Das Haus ist zum Tag des Denkmals an diesem Sonntag geöffnet. Führungen finden 11.30, 13 und 15.30 Uhr statt. Informationen zum Verein: 030 44676713 oder

www.vereinhausboden.de

››› Tag des offenen Denkmals in Sachsen