erweiterte Suche
Mittwoch, 04.10.2017

Wenn Mohrner loslegen

Die Ohorner wohnen in den sächsischen Bergen. Dort sprechen sie noch eine ganz eigene Mundart.

Von Reiner Hanke

Die Ohorner Mundartgruppe probt für die kommenden Heimatabende im Oktober in der Mittelschänke.
Die Ohorner Mundartgruppe probt für die kommenden Heimatabende im Oktober in der Mittelschänke.

© René Plaul

Ohorn. Wenn die Mohrschen richtig loslegen, dann versteht der Laie Bahnhof. Aber sie wollen auch verstanden werden. Dafür gibt‘s die Mundart dann mundgerecht, zum Beispiel bei den Heimatabenden. Die Mohrschen leben in Ohorn. Wie in einem gallischen Dorf – flachsen sie, eingekreist von lauter Sachsen. Das stimmt natürlich nicht ganz. Erstens, weil sich das Mohrsche und das Sächsische schon auch ein bisschen aneinander anlehnen. Und weil fast in jedem Tal der Region anders gerollt oder gesächselt wird und mundartliche Feinheiten gepflegt werden. Selbst in den Ohorner Ortsteilen gibt es Nuancen zu beachten, sagt André Löpelt, von den Ohorner Freunden der Mundart.

Die waren in Ohorn schon fast vom Aussterben bedroht. Weil eigentlich nur noch eine Handvoll ganz alter Ohorner, das Mohrsche mit der Muttermilch eingesogen hat, sagt Eva Hommel. Da rückten vor 19 Jahren vier alte Ohorner auf den Plan und rezitierten Geschichten und Gedichte der Ohorner Mundartautoren. Ein prominenter war Max Oswin Horn. Er starb 1975 im Alter von über 80 Jahren. Sein Verdienst war es, das Mohrsche nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Nebel des Vergessens zu retten. Die vier alten Ohorner knüpften nach der politischen Wende in der DDR gewissermaßen dort an. Daraus wurde immer mehr. Die vier Alten sind inzwischen im Ruhestand. Und die Jungen haben übernommen. Die Vier sind aber auch nicht aus der Welt, sondern als Berater noch mit im Boot.

Ja, sogar den Enkeln geht das Mohrsche jetzt schon flott über die Lippen. Bei der Sprechprobe zum Beispiel für die neuen Heimatabende im Oktober. Die werden immer beliebter. Die Karten sind ruckzuck vergriffen. „Man muss die Mundart gut verpacken. Wir machen das mit viel Humor, Slapstick, Kabarett, Tanz – wie im Varieté“, sagt Erik Träber, schon einer aus der Enkelgeneration. Etwa 25 Prozent im Programm sind Mohrsch, der Rest eher off Säggs’sch, damit auch die Auswärtigen und Zugezogenen das meiste verstehen. Regisseurin Carmen Löpelt fragt in die Runde: „Habt’er alle euern Text?“ Und schon schnattert die Oma mit der Nachbarin – natürlich auf Mohrsch. Die Geschichte rankt sich um eine Familie, die Außergewöhnliches erlebt. Der rote Faden durch die Show.

Eine lebendige Mundart

Zum Heimatabend mischen auch Vereine mit und der Kirchenchor. Sogar Striptease-Tänzer garnieren das Programm – die Ohorner Chippendales. Das kann turbulent werden. Und dafür heißt es üben, üben, üben. Eva Hommel hat deshalb eine schwarze Mappe unterm Arm. Dort sind die Texte für den Heimatabend verstaut. Und bald sitzen gut zehn Leute um den Tisch unter den schweren Holzleuchtern im Vereinsraum der Gemeindeverwaltung. Ohorner von 11 bis 78 Jahren, um zu deklamieren und über dem Mohrschen zu brüten. Da ist es durchaus manchmal strittig, wie ein Begriff gesprochen wird – heißt es nun kimmt, kemmt oder kömmt? Eva Hommel: „Manchmal sind es ja auch Worte, die heute gar keiner mehr spricht.“ Außer vielleicht eine Handvoll Nachbarn oder Noborn wie der Ohorner sagt, die schon weit über die 80 sind. Die da und dort noch einen Rat geben können. Oder die Mundartfreunde schlagen beim alten Horn nach.

Der schrieb zum Beispiel 1952 über sein Heimatdorf: „Mei Heemdedorf: An Schleeßbarg möd’n Boldsndsqualle, bis weid dsorr Räder naus, leids langgeschdrekd in griön’n Doale, ond drinne schtiöht mei Voaderhaus.“ Was soviel heißt wie: Am Schleißberg mit der Pulsnitzquelle bis weit zur Röder raus, liegt’s langgestreckt im grünen Tale und drinnen steht mein Vaterhaus. Ja, so geht Mohrsch. Da heißen die Krähen Gagen und die Kühe sind Mutschen. Die Mitstreiter in der Mundarttruppe sehen schon auch eine gewisse Nähe zum Säggs‘schen. Zum Beispiel uffbäbeln für gesund pflegen. Auf der anderen Seite rollen die Mohrner – Ohorner klingt viel zu fein – das R nicht so stark wie im Oberlausitzerischen oder lassen gern Buchstaben weg. Das A wird eher zum O oder E.

Und das Mohrsche verändere sich ja auch als lebendige Mundart. Das es so bleibt, dafür wollen die jungen Ohorner sorgen. Zu den ganz jungen gehört Natalie Oswald. Das Mohrsche liege schon in den Genen: „Spaß macht aber vor allem das ganze Miteinander und die Schauspielerei“, sagt sie. Zur Show schlüpft sie in die Rolle der Reporterin, denn diesmal kommt‘s „ Farnsahn“ nach Ohorn.

Die Bühne im Stammlokal

Doch so mancher in der Runde sorgt sich bei allem Enthusiasmus dennoch, dass das Mohrsche langsam verschwindet. Aber die Jungen sprechen auch sehr viel Hochdeutsch, gibt Jeanette Putzke zu bedenken. Am Ende könnte aber auch „ein liederliches Sächsisch übrigbleiben“, wie Eva Hommel befürchtet. So weit ist es längst nicht. Dafür setzt sich auch Dieter Schölzel ein – einer der alten Ohorner – und geht in die Grundschule, damit der Ohorner Nachwuchs zumindest mal etwas von der Mundart gehört hat.

Zum Heimatabend wird sie in der Mittelschänke zu hören sein. Seit 19 Jahren das Stammlokal, „immer zuverlässig und gut“, so Löpelt. Hier bauen die Akteure dann auch selbst ihre Bühne auf. „Wenn wir dann oben stehen, geht irgendwie ein Schalter rum. Es ist fast ein bisschen, wie in Trance.“ Alle sind dann nur noch Teil der Mohrner Heimatabend-Familie.