erweiterte Suche
Mittwoch, 15.02.2017

Wenn Männer aus Scham schweigen

Häusliche Gewalt gegenüber Männern ist ein Tabuthema. Nun wurde Dresdens erste Schutzwohnung eröffnet.

Sascha Möckel (l.) und Torsten Siegemund vom Verein Männernetzwerk haben die erste Wohnung für männliche Opfer von häuslicher Gewalt eröffnet.
Sascha Möckel (l.) und Torsten Siegemund vom Verein Männernetzwerk haben die erste Wohnung für männliche Opfer von häuslicher Gewalt eröffnet.

© Sven Ellger

Seit Anfang Februar sind die Türen zu Dresden erster Männerschutzwohnung geöffnet. Dort finden Opfer von häuslicher Gewalt eine Zuflucht. Aus Sicherheitsgründen bleibt der Standort geheim. Im SZ-Interview sprechen die Initiatoren Sascha Möckel und Torsten Siegemund vom Männernetzwerk über ihre Erfahrungen mit häuslicher Gewalt und den Mann in der Opferrolle.

In der neuen Männerschutzwohnung gibt es drei Plätze für Opfer häuslicher Gewalt. Für Frauen gibt es bereits 32 Plätze. Sind Männer weniger schützenswert?

Möckel: Gewalt gegenüber Männern ist immer noch ein größeres Tabuthema als gegenüber Frauen. Es ist täglich eine Herausforderung, Leuten zu erklären, dass es auch Männer gibt, die Opfer von häuslicher Gewalt werden. „Ach, so etwas gibt es auch?“, sind meistens die Reaktionen. Es ist ein Riesenerfolg der Frauenbewegung, dass diese so für das Thema sensibilisiert hat. Da müssen die Männer noch nachziehen.

Siegemund: Zu erklären, wie groß der Bedarf ist, ist schwer. Denn richtige Statistiken gibt es zu dem Thema nicht. In der polizeilichen Kriminalstatistik 2015 heißt es allerdings, dass etwa ein Drittel der Opfer von häuslicher Gewalt Männer sind.

Das ist eine Menge. Warum hört man trotzdem so wenig darüber?

Siegemund: Es gibt bei uns immer noch das traditionelle Bild vom starken Mann, der alles alleine schaffen muss. Deswegen reden meist auch die Opfer erst darüber, wenn es schon zu spät ist – aus Scham. Viele Väter ertragen die Gewalt außerdem, weil sie Angst haben, ihre Kinder zu verlieren. Denn meist wird das Sorgerecht den Müttern zugesprochen.

Möckel: Hinzu kommt oft auch Druck von außen. Das Umfeld verurteilt Männer dafür, dass sie ihre Frau samt Kindern verlassen. Ich hatte neulich einen Fall, wo sogar der Geschäftspartner die weitere Zusammenarbeit abgelehnt hat.

Wo wir gerade bei Beispielen sind – gibt es bestimmte Opfer- und Tätergruppen?

Möckel: Auch dazu gibt es keine Statistiken. Aus unserer Erfahrung, die wir bei unserer Arbeit im Verein gemacht haben, ist das aber komplett durchmischt. Häusliche Gewalt gibt es weder gegenüber Männern noch gegenüber Frauen nur in den sozial schwachen Schichten. Das reicht vom Musiklehrer von nebenan über den Arzt bis hin zum Polizisten, der seine Frau verprügelt. Auch den Fall, dass ein hünenhafter Mann von seiner zierlichen Freundin geschlagen wurde, hatten wir schon.

Das hört sich skurril an. Eine zierliche Frau, die ihren Freund schlägt?

Siegemund: So etwas können viele nicht glauben. Aber das gibt es und das haben auch wir schon erlebt. Oftmals wehren sich die Männer in diesen Fällen auch einfach nicht. Denn eine Frau zu schlagen, ist in der Gesellschaft zu Recht verpönt. Andersrum ist das nicht so gravierend. Ich habe mal ein Video gesehen, in dem zunächst eine Frau einen Mann auf offener Straße attackierte. Die Situation wurde von den Passanten belächelt. Dann wurde der Spieß umgedreht und die Umstehenden haben sofort eingegriffen.

Möckel: Außerdem muss häusliche Gewalt nicht immer physische Gewalt sein.

Sondern?

Möckel: Es gibt vier Formen von häuslicher Gewalt: Die physische, die psychische, die soziale und die ökonomische. Unter soziale Gewalt fallen zum Beispiel Fälle, in denen Expartner oder Partner den anderen aus dem kompletten Freundeskreis isolieren; ihn quasi übernehmen und den Partner daraus verdrängen. Auch die Form der ökonomischen Gewalt, bei denen Frauen das Vermögen des Mannes einbehalten oder das Konto leer räumen, sind weitverbreitet. Die psychische Gewalt ist aber eigentlich die schwerwiegendste. Wenn man täglich abgewertet wird, hinterlässt das Spuren. Außerdem legt sich auch jede andere Form der Gewalt auf die Psyche. In die Schutzwohnung können Opfer von allen vier Formen der Gewalt einziehen.

In der Wohnung bekommen die Männer Zuflucht. Wie sieht die Betreuung darüber hinaus aus?

Möckel: Wir führen dort ein sogenanntes Clearing-Verfahren durch. Das heißt, dass in Gesprächen erst einmal die Situation aufgenommen wird. Dann wird geschaut, wo wir ansetzen müssen. Die Beratung erfolgt dann entweder beim Männernetzwerk oder wir vermitteln an Traumatologen, Psychologen und so weiter. Wir versuchen so, das Leben der Männer wieder in die richtige Bahn zu lenken. Allerdings haben wir nur eine halbe Stelle. Alles alleine zu machen, ist da einfach nicht drin.

Siegemund: Dazu muss man sagen, dass diese Wohnung – zusammen mit der gleichzeitig eröffneten in Leipzig – ein Pilotprojekt ist. Das sind die ersten staatlich geförderten Männerschutzwohnungen in Deutschland. Auch die privat initiierten lassen sich derzeit noch an zwei Händen abzählen. Dementsprechend gibt es auch kaum Erfahrungen oder Qualitätsstandards in dem Bereich. Wir haben uns zwar mit den bestehenden Einrichtungen sowie einigen Frauenhäusern in Verbindung gesetzt, müssen uns aber selber erst in die konkrete Arbeit einfinden. Vor dieser Aufgabe haben wir durchaus Respekt. Die Förderung durch den Kommunalen Sozialverband läuft erst einmal bis Ende 2018 und dann müssen wir sehen, wie es danach weitergeht.

Heißt das, dass Sie das Angebot durchaus noch ausbauen würden?

Siegemund: Wir wären durchaus dazu bereit. Allerdings müssen wir jetzt erst einmal die eine Wohnung bekannter machen; wir drucken unter anderem gerade Flyer und Broschüren. Dann müssen wir noch sehen, wie hoch der Bedarf ist und wie die Arbeit läuft.

Wohnt denn jetzt schon jemand in dem Apartment?

Siegemund: Nein. Wir haben ja auch erst vor ein paar Tagen eröffnet. Aber die ersten Anfragen hatten wir durchaus schon.

Wer könnte denn einziehen?

Möckel: Jeder erwachsene Mann, der Opfer von häuslicher Gewalt geworden ist – unabhängig von Herkunft oder sexueller Orientierung. Nur volljährig müssen sie sein. Gegebenenfalls können auch deren Kinder mit aufgenommen werden. Das wäre übrigens ein nächstes Projekt. Eine Zuflucht für misshandelte Jungen gibt es in Dresden ebenfalls noch nicht.

Das Gespräch führte Sarah Grundmann.