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Dienstag, 14.03.2017

Wenn ein Schleier zum Problem wird

Ein Busfahrer will in Dresden eine verschleierte Frau nicht mitnehmen. Dabei hatte sie ein gültiges Ticket.

Von Annechristin Bonß

Eine solche Verschleierung hat die Frau getragen.
Eine solche Verschleierung hat die Frau getragen.

© dpa

Dresden. Eigentlich sollte es ganz schnell gehen. Annabel Ruckdeschel wollte am Sonnabend vom Hauptbahnhof zum Hörsaalzentrum der TU Dresden fahren. Dort fand der Deutsche Kunsthistorikertag statt. Dafür war die 28-Jährige aus Frankfurt am Main angereist. Der Bus der Linie 360, die zwischen Dresden und Zinnwald fährt, stand bereits an der Haltestelle. Schnell losfahren konnte die junge Frau dennoch nicht. Der Grund für die Verzögerung macht sie noch immer wütend. „Das war einfach gruselig“, sagt sie.

Schon von Weitem sah Ruckdeschel die drei Frauen. Zwei trugen ein Kopftuch, die andere war voll verschleiert. Nur die Augen waren zu sehen. Wahrscheinlich trug sie einen Nikab, wie er im arabischen Raum üblich ist. „Der Busfahrer hat die drei einfach nicht einsteigen lassen“, sagt Ruckdeschel. Die hintere Tür blieb verschlossen. Dort wollte eine der Frauen mit einem Kinderwagen hinein. Die anderen beiden standen vorn beim Fahrer. „Immer wieder haben sie gesagt, dass sie ein Ticket haben“, sagt die Zeugin. „Besser konnten sich die Frauen nicht erklären.“

Dafür half Annabel Ruckdeschel. Vehement sprach sie auf den Busfahrer ein. Der habe gesagt, dass er nur Fahrgäste mitnehmen könne, die erkennbar seien. Sollte es zu einer Straftat kommen, müsse er schließlich wissen, wie der Täter aussähe. Eine Erklärung, die Annabel Ruckdeschel nicht gelten ließ. Sie forderte die anderen Fahrgäste auf, sich ebenfalls für die Frauen einzusetzen. Zu diesem Zeitpunkt saßen 15 bis 20 Passagiere im Bus, erinnert sie sich. Es war kurz vor Mittag. „Ich habe gefragt, ob die anderen wollen, dass die Frauen mitfahren“, sagt sie. Einige hätten mit Nein geantwortet, helfen wollte kaum jemand.

„Es war ein fremdenfeindliches Klima“, sagt Annabel Ruckdeschel. Die offensichtliche Gleichgültigkeit habe sie fassungslos gemacht.

Ein derartiges Verhalten sei ihr von ihrer Heimat Frankfurt unbekannt. In der Buslinie ist es hingegen nicht der erste Vorfall. Nachdem 2015 zwei Marokkaner Schüler belästigten und schlugen, hatte sich die Bürgerwehr FTL/360 gegründet, die in Bussen patrouillierte. Sie ist mittlerweile nicht mehr aktiv.

Die drei verschleierten Frauen konnten am Sonnabend letztlich mitfahren. Zwei junge Frauen kamen zur Hilfe, redeten ebenfalls auf den Busfahrer ein. Volker Weidemann bestätigt den Vorfall. Der Sprecher des Busunternehmens Regionalverkehr Dresden (RVD), das für die Linie verantwortlich ist, hat die Einsatzprotokolle gelesen. Kritikwürdig findet er das Handeln des Busfahrers nicht. Demnach habe der Fahrer sich lediglich bei der Einsatzstelle zurückversichert, ob er die voll verschleierte Frau mitnehmen darf. „Es gibt keine Regularien, die verbieten, dass jemand mit Burka mitgenommen wird“, sagt Weidemann. Das habe die Einsatzleitung dem Fahrer mitgeteilt. Daraufhin hätten die Frauen einsteigen dürfen. „Bis das geklärt war, verging Zeit“, sagt der Sprecher. Das sei sicher unangenehm für die Frauen gewesen. Dennoch: „Der Busfahrer hat nichts Verwerfliches getan.“

Das sieht In Am Sayad Mahmood anders. Die Vorsitzende im Ausländerrat Dresden trägt selbst Kopftuch in der Öffentlichkeit und berichtet von ähnlichen Fällen, auch solchen, die sie selbst erlebt hat. „Ich bin gegen das Tragen von einem Nikab“, sagt sie. „Trotzdem ist diese Art der Behandlung im Bus diskriminierend.“ Schon der allgemeine Verdacht, eine verschleierte Frau sei gefährlich, sei Diskriminierung. Falk Lösch, Sprecher der Dresdner Verkehrsbetriebe, sieht das ähnlich: „Warum sollte man die Frau nicht mitnehmen? Für uns ist das kein Thema.“

Annabel Ruckdeschel hat den Vorfall der Dresdner Polizei gemeldet. Anzeige habe sie nicht erstattet, weil sie die Namen der Frauen nicht kennt. Besser ist, ein Geschädigter mache das selbst, sagt Polizeisprecherin Ilka Rosenkranz. Dennoch sei es sinnvoll, wenn sich Zeugen solcher Fälle bei der Polizei melden und ihre Beobachtungen schildern. Dann können die Beamten aktiv werden und ermitteln. Annabel Ruckdeschel denkt nun mit gemischten Gefühlen an Dresden. Sie habe schon vor ihrer Reise zum Kongress Negatives über die Stadt gehört: „Dass sich dies dann so bestätigt, ist schlimm.“