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Montag, 20.11.2017

Wenn ein Job nicht reicht

Immer mehr Menschen im Landkreis haben atypische Arbeitsverhältnisse. Warum gerade hier? Auf Spurensuche.

Von Susanne Sodan

Alsa Birkenstock am Standort Görlitz: Das Unternehmen gehört zu den großen „Playern“ im Landkreis. Auf der anderen Seite stünden viele kleine Firmen, vor allem jene abseits der Industrie.Kommentar: Der Dauerzustand ist das Problem
Alsa Birkenstock am Standort Görlitz: Das Unternehmen gehört zu den großen „Playern“ im Landkreis. Auf der anderen Seite stünden viele kleine Firmen, vor allem jene abseits der Industrie.Kommentar: Der Dauerzustand ist das Problem

© pawel sosnowski/80studio.net

Landkreis. Mehrere Jobs, kurzfristige Arbeitsverträge, Leiharbeit, Teilzeit – das betrifft immer mehr Menschen im Landkreis Görlitz. Vorneweg: Die Zunahme solcher sogenannter atypischen Beschäftigungen ist nicht nur ein Landkreis-Phänomen. Deutschlandweit ist der Trend deutlich. Erst vor Kurzem hatte zum Beispiel eine Anfrage im Bundestag ergeben, dass in Deutschland immer mehr Beschäftigte mehreren Jobs nachgehen. Im Laufe der vergangenen zehn Jahre ist die Zahl der Mehrfachbeschäftigten auf 3,2 Millionen gestiegen. Hauptjob plus Minijob, Leiharbeit, Teilzeit, all das gilt als atypische Beschäftigung. Schaut man auf Sachsen, sticht der Kreis heraus. Warum? Für eine Analyse steht Raj Kollmorgen Rede und Antwort. Er ist Professor der Sozialwissenschaften an der Hochschule Zittau/Görlitz. Sein Forschungsgebiet ist sozialer Wandel.

Weniger Minijobs, mehr Leiharbeit: Wie sehen die Zahlen aus?

Zuerst die gute Nachricht: Allgemein hat sich der Arbeitsmarkt bis 2016 positiv entwickelt. Laut den Zahlen, die die Hans-Böckler-Stiftung nach den Angaben der Bundesanstalt für Arbeit sowie des Statistischen Bundesamtes herausgibt, ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten auch im Kreis gestiegen: von rund 79 350 Menschen im Jahr 2003 auf rund 83 900 im Jahr 2016. Ebenfalls positiv: Die Zahl derer, die ausschließlich mit Minijobs zurande kommen müssen, ist gesunken. 2003 arbeiteten kreisweit rund 11 000 Menschen ausschließlich auf geringfügiger Basis. Vergangenes Jahr waren es etwa 9 600. „Das ist aber eben nur die halbe Wahrheit“, sagt Raj Kollmorgen. Zwar haben mehr Arbeitnehmer einen sozialversicherungspflichtigen Job – aber nicht unbedingt sichere Verhältnisse. Laut der Böckler-Stiftung ist besonders die Zahl derer, die in Teilzeit arbeiten, gestiegen. Rund 15 700 waren es kreisweit 2003. Rund 28 000 sind es heute. Ein anderes Beispiel ist die Leiharbeit. 2004 – für 2003 gibt es keine Angaben – lag die Zahl bei 319. Vergangenes Jahr waren es etwa 1 100. Einen Minijob neben dem Hauptjob hatten 2003 rund 1 300 Menschen, 2016 rund 2 900. In doppelter Hinsicht müssen diese Zahlen relativiert werden: Einerseits ist die Gesamtbevölkerung in den vergangenen Jahren geschrumpft, was die prozentuale Wertung steigen lässt. Auf der anderen Seite arbeitet nicht jeder in dem Kreis, in dem er gemeldet ist, sondern kann beispielsweise als Leiharbeiter auch woanders tätig sein. Allgemein aber stellt die Böckler-Stiftung fest: Im Kreis Görlitz arbeiten 41 bis 44 Prozent der Beschäftigten heute in atypischen Verhältnissen. Zum Vergleich: Im Kreis Bautzen sind es 38 bis 41 Prozent, in Dresden und Umland unter 35 Prozent.

Massenarbeitslosigkeit und Ich-AG: Welchen Einfluss haben die 90er Jahre?

„Sucht man nach den Gründen, ist die Interpretationsvarianz sehr hoch“, sagt Raj Kollmorgen. „Unstrittig ist, dass die Agenda 2010 einen Einfluss hatte“, erklärt er. „Leiharbeit, Kurzarbeit, Scheinselbstständigkeit, das alles ist damals entstanden oder hat einen Schub erhalten.“ Besonders bei den großen Industriefirmen. „Durch die Massenarbeitslosigkeit in den 90ern bis Anfang der 2000er hatten starke Unternehmen im Landkreis ein leichtes Spiel“, sagt Kollmorgen. „Kollegen von mir haben damals den Begriff des Arbeitsspartaners eingeführt.“ Neue Arbeitsplätze entstanden, „aber mit systematisch schlechten Arbeitsbedingungen“, erklärt Kollmorgen. „Die Umstellung auf Leiharbeit hat sich damals durch die gesetzlichen Gegebenheiten regelrecht beschleunigt.“ Und heute? „Es gibt Entwicklungen in die andere Richtung“, sagt Kollmorgen. „Aber der Landkreis Görlitz hinkt in Sachsen hinterher.“

Zu weit weg von Dresden: Welchen Einfluss hat die Geografie?

Die Gründe dafür liegen auch in der geografischen Lage des Landkreises. Görlitz ist weit weg von größeren Zentren, anders als beispielsweise Bautzen, wo die Arbeitnehmer leichter Richtung Dresden ausweichen können. „Auch die Grenznähe hat die Arbeitsmarktbedingungen verschoben“, sagt Kollmorgen. „Obwohl man sagen muss, dass heute auch die Beschäftigten aus Polen oder Tschechien nicht mehr für 2,50 Euro die Stunde hier arbeiten.“

Industrie, Altenpflege und Hochschule: Wie ist die Situation heute?

Heute sieht Kollmorgen für den Landkreis eine fast schon polare Struktur. „Auf der einen Seite hat der Landkreis große Player.“ Dazu gehört noch immer der Braunkohleabbau im Norden, Unternehmen wie Siemens, Bombardier und Birkenstock, ebenso Neuansiedlungen wie Borbet bei Kodersdorf. Auf der anderen Seite stehen viele kleine Firmen, vor allem jene abseits der Industrie. Kollmorgen hat den Eindruck, dass der Kreis Görlitz heute weniger als Gebiet der billigen Arbeitskräfte gilt.

Aber die Strukturen seien bis heute besondere. „Man merkt es schon im Vergleich zum Kreis Bautzen. Görlitz verfügt über weniger Betriebe, die sehr profitabel sind.“ Sehr stark ist hier dafür das Sozialwesen vertreten – schon wegen des demografischen Wandels. „Und es ist bekannt, dass die Arbeitsverhältnisse in diesem Bereich oft katastrophal sind.“ Ebenfalls bekannt: Die Anstellungen an Universitäten und Hochschule zählen häufig zu den atypischen Verhältnissen: halbe Stellen, Viertelstellen, kurze Verträge. Und der Landkreis Görlitz hat eine Hochschule. „Die Schwierigkeit ist häufig, dass sich die Aussichten nicht verstetigen. Es gibt keine Zusicherung, dass heutige Mittel auch in fünf Jahren zur Verfügung stehen.“ Das gelte nicht nur für die Hochschule, sondern mit Blick auf globale Entwicklungen auch für die Industrie. An der Hochschule Zittau/Görlitz wurde dieses Jahr ein Kodex zum Umgang mit befristeten Beschäftigungsverhältnissen des wissenschaftlichen Nachwuchses festgelegt. „Gute Absicht und Finanzierungslage treffen aber nicht immer aufeinander. Die Umsetzung wird Zeit brauchen.“

Mehr Engagement, mehr Mut: Wie wird sich die Situation ändern?

„Etwa seit 2010 bemerke ich eine Trendwende“, sagt Kollmorgen. Mehrere Jahre hat er an der Uni Jena gearbeitet. „In den Zentren in Thüringen kann man feststellen, dass der Grad der gewerkschaftlichen Organisation sich stabilisiert hat oder steigt.“ Aber auch abseits von Thüringen und Gewerkschaften: „Junge Menschen in Ostdeutschland sind heute wieder mehr bereit, sich zu engagieren.“ Eine neue Generation, die den Rucksack der Nachwende-Geschichte abgelegt habe. Und die insgesamt andere Bedingungen an Arbeitsverhältnisse stellt. „Es gibt heute andere Vorstellungen von einem gelungenem Leben, als immer mehr Wohlstand zu generieren.“ Deshalb ist es auch so schwierig, zum Beispiel Teilzeit als negativ hinzustellen.

Wie nun die Zukunft für den Kreis aussieht? „Das ist natürlich ein bisschen Kaffeesatzleserei“, sagt Kollmorgen. „Aber ich sehe nicht, dass sich die Situation in den nächsten Jahren grundsätzlich ändern wird.“ Zumindest werde die Entwicklung hier langsamer verlaufen. Weil die Gegebenheiten im Landkreis sind, wie sie sind: weniger umsatzstarke Betriebe, durch den demografischen Wandel auch weniger junge Menschen, die sich im Arbeitsmarkt einbringen können. „Eine Rückkehr zu den Verhältnissen der 70er und 80er Jahre der Bundesrepublik wird es ohnehin sicher nicht geben.“ Man brauche gerade für den ländlichen Raum neue Ideen. „Dafür muss man fragen, was es denn ist, das die Menschen hierherbringt.“