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Montag, 06.11.2017

Wenn das Studium tödlich wird

Der Stresspegel für Medizinstudenten ist hoch. Mit dem enormen Druck kommen viele nicht mehr klar. Psychologen bieten in Dresden deshalb eine psychosoziale Beratung für die Studenten an.

Von Jana Mundus

30 Stunden pro Woche Vorlesungen und Seminare, daheim wartet zusätzlich ein ordentlicher Berg an Lernstoff. Für Dresdner Medizinstudenten ist dieses Pensum Alltag. Doch mit dem enormen Druck kommen viele nicht mehr klar.
30 Stunden pro Woche Vorlesungen und Seminare, daheim wartet zusätzlich ein ordentlicher Berg an Lernstoff. Für Dresdner Medizinstudenten ist dieses Pensum Alltag. Doch mit dem enormen Druck kommen viele nicht mehr klar.

© Symbolbild/dpa

Visite mit den Kollegen. Dem Patienten die Diagnose erklären. Die Operationswunde eines anderen kontrollieren. Dann ab in den OP. Danach kurze Beratung mit dem Klinikteam ... Solche Bilder aus dem Leben eines Arztes kennen viele aus dem Fernsehen. Doch während die Helden der Krankenhausserien noch Zeit für private Problemchen und Liebeleien am Arbeitsplatz haben, ist die Realität viel fordernder. Wer Arzt werden will, muss studieren. Schon das Medizinstudium ist Stress pur. Während sie lernen, anderen zu helfen, werden manche Medizinstudenten selbst krank. Eine Studie, die jetzt im US-Ärzteblatt veröffentlicht wurde, spricht da eine deutliche Sprache: Jeder vierte Medizinstudent ist depressiv, jeder zehnte soll schon mal mit dem Gedanken gespielt haben, Selbstmord zu begehen. Mancher geht diesen Schritt. Die Suizidrate ist gegenüber Studenten anderer Studienfächer erhöht. Für die US-Studie wurden Daten aus 47 Ländern ausgewertet, auch aus Deutschland. Fast 130 000 Studenten wurden in die Analyse einbezogen.

Felix Schuster kennt den Leistungsdruck, den auch Dresdner Medizinstudenten erleben. Der Sprecher der Fachschaft an der Medizinischen Fakultät studiert derzeit im siebenten Semester. In seiner Familie war er der erste, der zum Studium ging. „Vielleicht war mir anfangs deshalb nicht bewusst, wie hart es werden kann“, sagt er rückblickend. Vor allem die ersten vier Semester haben es in sich. Das ist die Zeit bis zum Physikum, dem ersten Staatsexamen. Lange schlafen und eine Vorlesung schwänzen? Das ist nicht drin. Wer fehlt, verpasst viel. „Das Pensum, das vermittelt wird und das zu lernen ist, ist sehr umfangreich“, erzählt er.

Dozenten bauen Druck auf

Ein bis zwei Vorlesungen besuchen die Studenten täglich, dann folgen Seminare und Praktika. Abends müssen die Lehrveranstaltungen für den nächsten Tag vorbereitet werden. „Um mich herum gab es einige, die mit diesem Druck nur schwer umgehen konnten“, erinnert sich Felix Schuster. Manchen machte das krank, einige suchten Hilfe bei Therapeuten. „Es ist auch eine Frage der Persönlichkeit“, sagt er. Vor allem die Gewissenhaften kommen schnell an ihre Grenzen. „Du musst Lücken lassen, weil du einfach nicht alles schaffst.“ Wer das nicht kann, erlebt noch mehr Leistungsdruck.

Mancher Dozent macht es den Studenten zusätzlich schwer: „Wenn Sie das nicht wissen, werden Sie mal kein guter Arzt.“ Solche Sätze hat Felix Schuster immer wieder gehört, vor allem in den ersten beiden Jahren. Danach kommt die klinische Phase mit Dozenten aus der Praxis. „Die kennen die Realität und wissen selbst, dass auch ein Arzt nicht in jedem Fachgebiet alles wissen kann.“ Hendrik Berth ist so ein Dozent. Der Psychologe ist Professor an der Medizinischen Fakultät der TU Dresden, unterrichtet Studenten. Und bekommt ihre Überforderung mit. „Die meisten waren im Abitur sehr gut und erwarteten diese Leistung nun auch im Studium von sich.“ Doch die Masse an Lernstoff könnten sich viele im Vorfeld gar nicht vorstellen. Eine nicht geschaffte Prüfung oder die Angst vor dem Versagen sind dann auch Auslöser für psychische Probleme.

Mit einigen Kollegen bietet Hendrik Berth deshalb schon seit 20 Jahren eine psychosoziale Beratung für die Studenten an. Für die wirbt er in seinen Vorlesungen. Diese Hilfe anzunehmen, sei für viele aber ein großer Schritt. Oft ein zu großer. „In der öffentlichen Wahrnehmung hat ein Arzt keine Schwächen“, erklärt Berth diese Einstellung. Einige trauen sich trotzdem. Pro Jahr nutzen gut 40 Studenten das Angebot, insgesamt waren es bisher 443. Dass die Beratung notwendig ist, zeigen auch die Zahlen.

Regelmäßig werden die Studenten der Medizinischen Fakultät mit standardisierten Fragebögen zu ihrem Befinden befragt. Je nach Studienrichtung und Semester haben demnach 37 bis 74 Prozent der Medizin- und Zahnmedizinstudenten das Bedürfnis nach einer Beratung. Grund sind psychische und soziale Probleme. Das sind deutlich mehr als in vergleichbaren Stichproben aus anderen Studienfächern. Der Beratungsbedarf steigt im Laufe des Studiums an. Mehr Mitarbeiter und die Möglichkeit einer offenen Sprechstunde wären eigentlich nötig.

Von der Beratung in die Therapie

Mit Lernplänen, Entspannungstechniken und einem gesunden Blick auf den Stress des Studiums, versuchen Hendrik Berth und seine Kollegen den Studenten zu helfen. Meist reichen schon wenige Treffen. „Wenn wir merken, dass der Student eine umfangreiche therapeutische Begleitung braucht, vermitteln wir ihn weiter.“

Berth hofft, dass auch der eine oder andere Dozent künftig seine Herangehensweise überdenkt. „Viele haben die Vorstellung, sie müssten vor allem am Anfang noch die Besten aussieben.“ Doch wer ein Medizinstudium beginnt, gehöre ja schon zu den Besten. Die Studenten heranzuführen an den Stress wäre wichtig. „Fordern und trotzdem wertschätzend bleiben, das wäre ein guter Mittelweg.“

Psychosoziale Beratungsstelle der Medizinischen Fakultät: Termine unter 0351 4584099