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Donnerstag, 05.10.2017

Wenn das Internet vom Kirchturm kommt

Eine Strahwalder Firma schließt Lücken im Netz. Dazu braucht es einen langen Atem.

Von Anja Beutler

WDSL-Oberlausitz-Chef Marten Beckel (re.) und sein Kollege Robert Bergmann sind in letzter Zeit häufiger auf dem Kirchturm in Großhennersdorf zu finden. Hier sind die Technik-Kästen und eine Richtfunk-Schüssel angebaut. Für die Strahwalder Firma ist es wichtig, sich auch selbst um die Installationen zu kümmern, um zu wissen, wie alles funktioniert.
WDSL-Oberlausitz-Chef Marten Beckel (re.) und sein Kollege Robert Bergmann sind in letzter Zeit häufiger auf dem Kirchturm in Großhennersdorf zu finden. Hier sind die Technik-Kästen und eine Richtfunk-Schüssel angebaut. Für die Strahwalder Firma ist es wichtig, sich auch selbst um die Installationen zu kümmern, um zu wissen, wie alles funktioniert.

© Rafael Sampedro

Ein bisschen höher hinaus als bislang darf es schon sein – die Bodenhaftung wollen Marten Beckel und seine Kollegen aber nicht verlieren. Beckels Firma WDSL-Oberlausitz werkelt seit einigen Monaten daran, Großhennersdorf mit schnellem Internet zu versorgen: Im Ortsteil Neundorf surfen schon etwa zehn Kunden. Für Schönbrunn und Heuscheune gibt es Möglichkeiten. Und auch in Euldorf soll sich absehbar etwas ändern. Ganz neu ist das Unternehmen in dem Geschäft nicht, immerhin sind über sein Funknetzwerk bereits Hunderte Nutzer rings um Löbau, im Cunewalder Tal, Dürrhennersdorf, Ober- und Niedercunnersdorf und bis nach Ebersbach versorgt. Dennoch ist Großhennersdorf eine neue Herausforderung, betont Beckel. Bis seine kleine Anlage auf dem Großhennersdorfer Kirchturm arbeiten konnte, hat es gedauert, sagt der 39-Jährige.

Doch der Reihe nach: Seit drei Jahren ist das Unternehmen mit Sitz in Strahwalde an dem Thema dran, schildert der Chef. „Uns haben immer wieder Kunden gefragt, ob wir nicht etwas für sie tun können“, sagt Beckel. Aber rein technisch gesehen war es nicht möglich, die Großhennersdorfer über das bestehende Funknetzwerk passgerecht mitzuversorgen. Hinzu kam, dass es für Herrnhut samt Ortsteilen immer wieder Aussicht auf andere Anbieter – darunter große Firmen wie Vodafone und Telekom – gab. „Doch das hat sich hingezogen, neue Anträge und Messungen waren nötig, aber nichts geschah“, fasst Beckel die Entwicklungen zusammen, die viele in Großhennersdorf wütend gemacht haben.

Im Herrnhuter Stadtrat war die Entwicklung beim schnellen Internet mehrfach Thema. Acht Millionen Euro sind inzwischen für den Fördermittelantrag mehrerer Nachbargemeinden, die dabei mit Herrnhut zusammenarbeiten, zugesagt worden. Aber inzwischen muss alles überarbeitet werden, weil beispielsweise Oderwitz und Ebersbach-Neugersdorf die einst beantragten Gelder gar nicht mehr benötigen. Hier hat sich inzwischen der Energieversorger Enso als Versorger etabliert.

Solche Chancen haben sich für Großhennersdorf nicht aufgetan – auch deshalb hat sich Beckel entschieden, selbst etwas zu tun – ohne Fördergelder. „Das tun wir aber nur, weil die Stadt uns unterstützt“, betont er. Außerdem hatte er als Unternehmer keine Lust darauf, immer nur der Lückenfüller zu sein, bis die großen Unternehmen dann mal irgendwann kommen. Er wollte selbst etwas anbieten und die Kunden halten, denn das schnelle Internet sei ein wichtiges Firmenstandbein geworden. Für die kleine Firma mit „dreieinhalb Kollegen“, wie Beckel augenzwinkernd beschreibt, ist der Aufwand allerdings nicht unerheblich: Zwischen Kottmarsdorf – von wo aus das von Löbau kommende Signal weitergegeben wird – und Großhennersdorf sind 16 Kilometer zu überbrücken – ein schwieriges Unterfangen. Deshalb entschieden sich die Strahwalder zum einen dazu, ihr Basisnetz, den sogenannten Backbone, zu verstärken. Zum anderen mussten Zwischenstationen her, die das Funksignal weitertragen. Eine kaum sichtbare Station ist auf dem Dach des Herrnhuter Heimatmuseums entstanden. Und vom Großhennersdorfer Kirchturm aus wird der Richtfunk an die fünf unscheinbar grauen Kästchen im Ort verteilt, von denen die Hausanschlüsse bedient werden.

„Wir mussten neben jedem dieser Telekomkästen einen eigenen errichten“, erklärt der Geschäftsführer. Dazwischen wird dann ein Kabel verlegt, damit die Haushalte versorgt werden können. Kosten pro Kasten: ein vierstelliger Betrag, erklärt Beckel die Dimensionen. Und auch die Übertragungsleistung fürs Internet muss sich die Firma dauerhaft erkaufen.

Was noch weitaus mehr Aufwand machte, war die Bürokratie, die es zu bewältigen galt. So rasch, wie es sich die Strahwalder vorgestellt hatten, war das Projekt nicht zu bewerkstelligen. Zu viele Beteiligte – von der Telekom über die Bundesnetzagentur und den Denkmalschutz – mussten mitreden. So habe man beispielsweise monatelang um Kompromisse beim Denkmalschutz gerungen. Die Lösungen waren am Ende erfreulich unkompliziert.

Laut Beckel liegen seine Leistungen und Preise auf dem Niveau der anderen großen Anbieter. Das bestätigte vor einigen Monaten auch Bürgermeister Willem Riecke (Herrnhuter Liste), der die Daten der Wettbewerber verglichen hatte, weil es auch im Stadtrat dazu Diskussionen gab. Marten Beckel, der von 16 über 32 bis zu 50 Mbit-Anschlüssen die üblichen Größen im Angebot hat, bringt noch einen anderen Vorteil ins Spiel: „Wir kümmern uns komplett um die Einrichtung der Technik auf dem Rechner und wir leiten auch den Anbieterwechsel in die Wege“, sagt er. Denn man sollte seinen Anschluss auf keinen Fall komplett kündigen, rät der Geschäftsführer.

Ansprechpartner möchte WDSL-Oberlausitz bald auch für weitere Orte sein: „Wir wollen in Strahwalde etwas machen, da gibt es zwar DSL, aber zum Teil nur schwach“, sagt Beckel. Und auch Kottmarhäuser und Walddorf stehen auf der Liste für kommende Projekte. Noch ist nicht überall die endgültige Entscheidung gefallen. Fest steht aber, dass sich die Strahwalder als Provider etablieren möchten. Dabei werde man durchaus auf Funklösungen setzen, könne dem Kunden aber die gleiche Qualität wie die großen Firmen bieten.