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Samstag, 02.09.2017

Weil Lehrer fehlen, unterrichten jetzt schon Eltern

In einer Grundschule in Dresden greifen die Mütter der Schulkinder in der Not selbst zu Kreide und Schulbuch. Erlaubt ist das aber nicht.

Von Nora Domschke

Ines Rait unterrichtet die Klasse ihrer Tochter Yara. Es geht vor allem um die Betreuung der Kinder.
Ines Rait unterrichtet die Klasse ihrer Tochter Yara. Es geht vor allem um die Betreuung der Kinder.

© René Meinig

In einer kleinen Grundschule am Dresdner Stadtrand wird jetzt deutlich, welche Folgen der Lehrermangel im schlimmsten Fall haben kann. Was passiert, wenn Lehrer krank werden, obwohl ohnehin schon zu wenige Pädagogen mit den Schülern lernen? Unterrichtsausfall, mal wieder. Nicht mit den Eltern der 90. Grundschule in Luga. Bevor ihre Kinder gar nichts tun, nehmen sie das Zepter jetzt selbst in die Hand.

Als Ines Rait ihre Tochter Yara am Donnerstagmorgen zur Schule bringt, ist die Klassenlehrerin nicht da. Sie ist krank und wird in dieser Woche nicht mehr unterrichten. Glücklicherweise entscheidet eine andere Mutter kurzerhand, sich mit den Zweitklässlern zu beschäftigen. Ansonsten hätten die Kinder wieder nach Hause gehen müssen. Am Freitagmorgen steht dann Ines Rait pünktlich 8 Uhr selbst vor jener Klasse, deren Unterricht ausfallen würde.

Gemeinsam mit den Kindern übt sie das Schreiben von Buchstaben und lässt sie aus dem Buch „Schule der magischen Tiere“ vorlesen. „Wir können die Lehrer damit nicht ersetzen“, sagt Ines Rait, die wenige Stunden später noch ihren Dienst als Erzieherin in einer Kita antreten muss. Dann fahren ihre Tochter und die Klassenkameraden zum Schwimmunterricht. Damit die Kinder bis dahin betreut werden, springen die Eltern nun ein. Erlaubt ist das eigentlich nicht, teilt Petra Nikolov von der Sächsischen Bildungsagentur (SBA) mit. „Eltern sind nicht ausreichend durch eine Versicherung geschützt“, so die Pressesprecherin. Auch aus Datenschutzgründen sei es nicht möglich, dass Eltern an der Schule ihres Kindes beschäftigt sind.

Jörg Zanger hat da ganz andere Sorgen. Er ist Leiter der 90. Grundschule und muss aus dem akuten Personalmangel das Beste machen. Fünf Lehrkräfte fehlen ihm derzeit. Seine Schule ist durchaus ein vertrackter Fall: Für zwei Lehrer, die sich an diesem Freitag in den Ruhestand verabschiedet haben, hatte Zanger 2016 eigentlich zwei Seiteneinsteigerinnen bekommen. Eine von ihnen wurde schwanger und befindet sich im Mutterschutz, die andere Kollegin musste sich einer Operation unterziehen. Wann sie ihren Dienst wieder antreten kann, ist offen. Obwohl das schon lange bekannt ist, gibt es bislang keinen Ersatz.

Kritik kommt auch aus der Politik: „Die Bildungsagentur hätte den Standort Luga bei ihren Planungen priorisieren müssen“, sagt Grünen-Stadträtin Ulrike Caspary. Diese Zustände seien den Lehrern und Familien nicht zuzumuten. FDP-Stadtrat Jens Genschmar fordert gar, dass Beamte aus Kultusministerium und Bildungsagentur notfalls an die Schulen müssten.

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Die Familien der Grundschule müssen nun dennoch mit dem Problem umgehen. „Ich bin froh, dass die Eltern sich engagieren“, sagt Jörg Zanger. Der Schulleiter übernimmt – wenn er die Zeit dafür findet – den Unterricht in den Fächern Mathe, Deutsch, Sachunterricht und Sport. In der Turnhalle arbeitet er mitunter sogar mit zwei Klassen gleichzeitig.

Nicht ersetzen kann Zanger den fehlenden Werklehrer, auch Kunstunterricht findet nicht statt. Für Dorina Steinacker ein unhaltbarer Zustand. Die Mutter ist Elternsprecherin einer vierten Klasse. „Die Kinder hatten bis jetzt eine Stunde Deutsch.“ Fertige Stundenpläne gibt es keine. Dabei hat das Schuljahr schon vor vier Wochen begonnen. Die Unsicherheit bei den Eltern ist groß. „Wann sollen die Kinder denn den Stoff nachholen?“, fragt Ines Rait. „Sie sollen Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Stattdessen kommen sie morgens in die Schule und wissen nicht, was sie erwartet.“ Noch härter trifft es die vierten Klassen – nach dem ersten Schulhalbjahr bekommen sie ihre Bildungsempfehlungen.

In der nächsten Woche wird sich die Situation wohl etwas entspannen. Zwei kranke Kollegen sollen wieder ihren Unterricht übernehmen. Die SBA hat sich inzwischen um eine Lehrerin der 120. Grundschule in Prohlis bemüht. Sie wird ab Montag in Luga aushelfen. Zudem wurde ein Seiteneinsteiger eingestellt, der nun aber erst einmal seine dreimonatige Ausbildung absolvieren muss. Kurzfristige Hilfe bekommt Zanger über das Programm „Unterrichtsversorgung“: Mit diesen Kollegen, die allerdings keine pädagogische Ausbildung besitzen, kann der Schulleiter unter anderem acht Wochenstunden Sport abdecken. Ab 7. September schreibt die SBA gezielt Stellen für die 90. Grundschule aus, teilt SBA-Sprecherin Petra Nikolov mit.

Wie viele Stunden an den Dresdner Grundschulen derzeit nicht abgedeckt werden, konnte die SBA am Freitag nicht beantworten. Zwar fingen zu Beginn des neuen Schuljahres im Raum Dresden mehr als 200 Seiteneinsteiger an – unterrichten werden sie allerdings erst ab Dezember.