Montag, 24.12.2012

Weihnachten an der Endhaltestelle

Maik, Katrin und Nicole Just verbringen Heiligabend am Steuer von Bus und Straßenbahn.

Von Tobias Winzer

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Katrin, Nicole und Maik Just (v. l.) sind heute Abend im Dienst. Hinterm Steuer ist nur Platz für einen kleinen Stoff-Weihnachtsbaum. Foto: André Wirsig
Katrin, Nicole und Maik Just (v. l.) sind heute Abend im Dienst. Hinterm Steuer ist nur Platz für einen kleinen Stoff-Weihnachtsbaum. Foto: André Wirsig

Wenn heute Abend in den meisten Dresdner Wohnungen die letzten Kugeln an den Weihnachtsbaum gehängt werden, festliche Musik erklingt und der Weihnachtsmann seine Runden dreht, dann sind Maik, Katrin und Nicole Just irgendwo zwischen Omsewitz und Klotzsche, zwischen Kaditz und Waldschlößchen oder zwischen Weinböhla und Laubegast unterwegs. Die drei – Vater, Mutter und Tochter – arbeiten als Bus- und Straßenbahnfahrer bei den Dresdner Verkehrsbetrieben (DVB). Heute feiern sie ein Weihnachten der speziellen Art. Es ist das erste Mal, dass sie alle gleichzeitig zum Heiligabend im Einsatz sind. Der Dienstplan will es so. „Ich nehme das locker“, sagt Vater Maik.

Der 47-Jährige ist das DVB-Urgestein in der Familie. Seit 1985 ist er Straßenbahnfahrer, seit 1998 hat er auch die Busfahrerlizenz. Seine Frau Katrin, 42 Jahre alt, arbeitet erst seit zwei Jahren als Straßenbahnfahrerin. Zuvor montierte sie Autos in der VW-Manufaktur. Tochter Nicole, 21 Jahre alt, ist seit einem Jahr fertig mit ihrer Ausbildung zur Busfahrerin. Wer sich für den Beruf entscheidet, muss mit Arbeit an Feiertagen rechnen. Es gibt einen festen Rhythmus von freien Tagen und Diensten – egal, ob nun Silvester, Ostern oder eben Weihnachten ist. Heute Abend sind neben den Justs etwa 120 Bus- und Straßenbahnfahrer unterwegs.

Maik Just hat nicht gezählt, wie oft er in den vergangenen 27 Jahren zum Heiligabend arbeiten musste. Für ihn gehört das zu seinem Job dazu. Weihnachtsrituale, die bei anderen Familien minutiös geplant sind, lassen sich deshalb bei den Justs flexibel verschieben. Manchmal fand die Bescherung eben schon am Nachmittag vor der Spätschicht des Vaters statt. Die Anrufe für Verwandte und Bekannte werden am Vormittag erledigt. Und der Kartoffelsalat und die Wiener Würstchen standen auch mal schon mittags auf dem Tisch.

Einmal packte Katrin Just das Essen kurzerhand ein und fuhr mit ihren beiden Töchtern Nicole und Jennifer nach Mockritz, wo ihr Mann am Heiligabend eine Dienstpause hatte. So feierten sie Weihnachten zu viert an der Endhaltestelle.

Maik Just hat aber auch etliche Weihnachtsabende ganz allein am Steuer von Bus und Straßenbahn verbracht. „Wenn es dann gegen 16 Uhr leerer wird und die Menschen feiern, dann ist das schon ein komisches Gefühl“, sagt er. Umso mehr freut er sich, wenn er mal einen Weihnachtsmann auf dem Weg zur nächsten Bescherung spazieren fahren darf oder wenn die Fahrgäste zum Heiligabend an die Person denken, die sie durch Dresden kutschiert.

Die meisten wünschen beim Ein- oder Aussteigen einfach „Frohe Weihnachten“. Hin und wieder kommt es auch vor, dass ein Schoko-Weihnachtsmann neben das Lenkrad gelegt wird. Und einmal, so erzählt Maik Just, überreichte ihm ein älteres Ehepaar eine sorgsam zusammengepackte Tüte mit einer Orange, ein paar Nüssen und zwei Schokoriegeln.

Den heutigen Abend wird Maik Just aber nicht ohne seine Familie verbringen – obgleich es wohl bei einem kurzen Treffen und Zuwinken vom Steuer bleiben wird. Ganz nach der Arithmetik des Fahrplans. Sein Dienst startet heute 16.21 Uhr am Wilden Mann. Bis 20 Uhr fährt er auf der Buslinie 80 zwischen Klotzsche nach Omsewitz. Am Betriebshof in Trachenberge wird er dann seine Tochter Nicole sehen, weil er dort von ihr den Bus der Linie 64 übernimmt. Seine Frau Katrin beginnt Punkt 17.29 Uhr ihren Dienst in der Straßenbahn der Linie 4 von Weinböhla nach Laubegast. Sie kann darauf hoffen, ihre Tochter und ihren Mann zum Beispiel am Straßenbahnhof in Mickten zu sehen. Dort kreuzen sich Bus- und Straßenbahnlinie.

„Wenn es nicht klappt, ist das aber auch nicht tragisch“, sagt Katrin Just. Die jüngere Tochter Jennifer, die mit ihren 18 Jahren noch zu Hause wohnt, verbringt das Fest mit einer Freundin.

Der gemeinsame Heiligabend wird dann übermorgen einfach nachgeholt. Weil Tochter Nicole an diesem Tag 22 Jahre alt wird, ist der 2. Weihnachtsfeiertag bei den Justs in diesem Jahr ein kombiniertes Weihnachts- und Geburtstagsfest inklusive Bescherung. Im nächsten Jahr ist Weihnachten übrigens für Maik und Katrin Just mal wieder ganz klassisch am 24. Dezember. Dann haben sie nämlich dienstfrei und anschließend Urlaub.

Leser-Kommentare

Insgesamt 3 Kommentare

  1. Falko

    Ich wünsche allen eine schöne Weihnacht und wenn ich Glück habe, werde ich einen der drei Familienmitglieder begegnen. Entweder auf der Anfahrt zur Arbeit oder wenn ich dann auch wieder nach Hause darf. So hat jeder seinen Dienst. Meiner wird heute hinter dem Herd sein und ich hoffe das unsre Gäste wohl genährt ihren Heimweg antreten können. So geht mein Gruß an alle die heute arbeiten müssen! MfG

  2. Eberhard

    Schön, dass es so etwas noch gibt. Alle 3 haben am Heiligen Abend Dienst und kein Böses Wort über den Dienstplan oder so ähnlich. Ich wünsche euch allen ein frohes, unfallfreies und stressfreies Weihnachten und einen guten Rutsch (nicht zu wörtlich nehmen) ins Neue Jahr. Eberhard

  3. Leser

    A L L E N, die heute und an den Feiertagen arbeiten wünsche ich trotz Dienst ein angenehmes Weihnachtsfest, spätestens nach Dienstende. Auch ich arbeite heute Heilig Abend und 2.Feiertag: als Wäscher in einem der größten Katzenheime Sachsens. Es ist keine Belastung für mich, im Wissen, dass diese Tiere gepflegt werden müssen und weil viele von Ihnen von verantwortungslosen Menschen buchstäblich weggeworfen worden sind.

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