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Samstag, 20.02.2016

Was von „Newtopia“ übrig blieb

Das TV-Spektaktel in Brandenburg wäre jetzt ein Jahr alt geworden. Aber es kam anders.

Von Anna Ringle

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Das Eingangstor zum Filmprojekt „Newtopia“ ist seit Juli 2015 geschlossen.
Das Eingangstor zum Filmprojekt „Newtopia“ ist seit Juli 2015 geschlossen.

© dpa

  • Das Eingangstor zum Filmprojekt „Newtopia“ ist seit Juli 2015 geschlossen.
    Das Eingangstor zum Filmprojekt „Newtopia“ ist seit Juli 2015 geschlossen.
  • Heiko Terno zeigt ein paar Requisiten von der gefloppten Reality-TV-Show.
    Heiko Terno zeigt ein paar Requisiten von der gefloppten Reality-TV-Show.

Im Garten von Heiko Terno in einem Dorf in Brandenburg lebt die Welt von „Newtopia“ weiter. Also ein bisschen zumindest. Der Landwirt hat sich ein paar Erinnerungsstücke aus dem TV-Spektakel gesichert: Ein kleines Holzhaus steht auf der Wiese, dann gibt es noch ein gemaltes Bild von TV-Kuh „Clyde“ und einen Melkschemel. Sat.1 hatte vor einem Jahr den Start der Reality-Show als „das größte TV-Experiment aller Zeiten“ angekündigt.

In den Wäldern Brandenburgs sollten 15 Leute ein völlig neues Leben aufbauen – abgeschirmt von der Außenwelt und begleitet von vielen Kameras. Aber der Privatsender holte sich damit eine blutige Nase – die Einschaltquoten waren schwach. Am 23. Februar wäre „Newtopia“ ein Jahr alt geworden. So lange hätte die Show dauern sollen. Der Sender zog im vergangenen Juli kurz nach der 100. Sendung vorzeitig den Stecker.

Terno war quasi ein Teil der Sendung: Der 43 Jahre alte Landwirt lieferte Futter für die „Newtopia“-Tiere an, erzählt er. Dadurch konnten ihn die Zuschauer im Internet-Live-Stream oder werktags in dem TV-Zusammenschnitt im Vorabendprogramm sehen. Mit zwei Kühen und 25 Hühnern und einer unbeheizten Scheune fing für die Bewohner damals alles an.

„Mann, haben die am Anfang gefroren“, erinnert sich Terno. Damit die „Pioniere“, wie der Sender die „Newtopia“-Teilnehmer nannte, zu Geld kamen, verkauften sie Eier oder Milch an die Außenwelt. Terno brachte die Milch zu einer Abnehmerin im Nachbarort, wie er sagt. In seinem Dorf Kümmritz hätten viele „Newtopia“ geschaut. „Abends um 19 Uhr war auf der Straße nichts mehr los.“ Wenn Terno mal im Fernsehen zu sehen war, habe das Telefon geklingelt.

„Newtopia“ geriet immer wieder wegen Pannen in die Schlagzeilen. Einige der Bewohner wollten sich nicht mit den Nominierungsregeln abgeben – zuhauf kehrten sie „Newtopia“ den Rücken.

Dann gab es einen peinlichen Zwischenfall, der die Vermutung nahelegte, dass der Sender das „Reality“-Format mit Regieanweisungen steuerte: Die Kameras nahmen auf, wie eine Mitarbeiterin der Produktionsfirma mit den Bewohnern in der Scheune über den Verlauf des TV-Projekts sprach. Der Versuch, etwas Prominenz in die „Newtopia“-Welt zu bringen, fruchtete auch nicht wirklich. Von seinem kleinen Gastspiel war Ex-Kommunarde Rainer Langhans enttäuscht.

Und dann war da noch Kuh „Clyde“. Sie hatte sich überfressen, weil die Pioniere eine Futterbox nicht verschlossen hatten. Es gab einen Aufschrei von Tierschützern. Sie verlangten, dass alle Tiere vom TV-Gelände in Königs Wusterhausen geholt werden. Landwirt Terno erinnert sich: „Das war mein großer Moment.“ Er fuhr die Kuh in eine Klinik für Klauentiere, wie er sagt. „Clyde“ ging es dann besser, und sie kam zurück. Nach dem Flop von „Newtopia“ und weiteren schwachen Quoten im Vorabendprogramm räumte Sat.1-Geschäftsführer Nicolas Paalzow im vergangenen Herbst schließlich seinen Posten. Auf dem „Newtopia“-Sendeplatz läuft jetzt die Dokusoap „In Gefahr“.

Für die Stadt Königs Wusterhausen war „Newtopia“ ein Erfolg. „Es war ein bunter Farbtupfer“, sagt Bürgermeister Lutz Franzke (SPD). Bei der regionalen Wirtschaft habe es einen Effekt gegeben: Restaurantbetreiber, Handwerksfirmen und Fahrdienste profitierten. „Dass Newtopia so früh eingeschlafen ist, ist schade“, meint Franzke. Was wurde eigentlich aus Kuh „Clyde“? Ihr Besitzer verkaufte sie nach eigenen Angaben an eine Tierschutzgruppe. (dpa)