erweiterte Suche
Montag, 29.02.2016

Was tut Sachsen für Bombardier?

Der Konzern will 930 Stellen in Bautzen und Görlitz streichen. Wirtschafts-Staatssekretär Stefan Brangs hat klare Forderungen ans Unternehmen.

Im Bautzener Werk des Waggonbauers Bombardier sollen 230 Stellen gestrichen werden.
Im Bautzener Werk des Waggonbauers Bombardier sollen 230 Stellen gestrichen werden.

© dpa

Bautzen. Für den Wirtschaftsstandort Oberlausitz ist es ein harter Schlag: Der Schienenfahrzeughersteller Bombardier will in seinen Werken in Bautzen und Görlitz mehr als 900 Stellen streichen. An der Spree müssen 230 Waggonbauer um ihren Job bangen. Sachsens Staatssekretär für Arbeit, Stefan Brangs (SPD), stellt vor diesem Hintergrund klare Forderungen an den kanadischen Konzern. Im Interview mit der SZ erklärt der Politiker, der selbst in der Oberlausitz beheimatet ist, welche Rolle der Freistaat im Ringen um die Arbeitsplätze spielen kann.

Herr Brangs, warum sind ausgerechnet die beiden Standorte in Ostsachsen so stark vom Jobabbau betroffen?

Da kann ich im Moment nur Vermutungen anstellen, da mir die konzeptionellen Grundlagen für die geplanten Strukturveränderungen von Bombardier nicht vorliegen. An den beiden Standorten sind rund 3 700 Beschäftigte fest angestellt, davon rund 1 000 Leiharbeiter. Aus den Gesprächen weiß ich, dass nach Auffassung des Unternehmens eine Rückführung der Zahl der Leiharbeitnehmer aufgrund der wirtschaftlichen Lage notwendig sei, um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten. Durch die geplante Umstrukturierung bei Bombardier würden sie nicht mehr in dem Umfang benötigt, da man sich künftig auf die Stammbelegschaft konzentriert.

Gewerkschaften und Betriebsräte kritisieren in Bautzen und Görlitz ein jahrelanges Missmanagement. Teilen Sie diese Kritik?

Wir haben keinen Einblick in die internen Strukturen des Managements. Schuldzuweisungen bringen uns jetzt aber auch nicht wirklich weiter, wenngleich ich den Frust und die Enttäuschung der Beschäftigten absolut verstehen kann. Es ist eine unternehmerische Entscheidung gewesen, diese Umstrukturierungen durchzuführen – da werden wir auch nicht um Erlaubnis gefragt. Uns geht es jetzt vor allem darum, dass die gut qualifizierten, fest angestellten Arbeitskräfte so gut wie möglich für die Zukunft gesichert werden und die Standorte Bautzen und Görlitz erhalten bleiben. Als Freistaat haben wir Bombardier auch finanziell in den letzten Jahren unterstützt und erwarten nun, dass die Firma sich ihrer Verantwortung für die Region stellt.

Kritik gibt es auch daran, dass Bombardier wegen billigerer Lohnkosten in Osteuropa produzieren lässt. Fürchten Sie, dass andere dem Beispiel folgen?

Wenn es so einfach wäre, würde Bombardier schon längst alles in Billiglohnländern produzieren lassen. Das haben andere Firmen, wie zum Beispiel Nokia, versucht und sind damit gescheitert. Nein, es geht vor allem um die Qualität der Produkte aus Sachsen und die haben ihren Preis. Wir wollen, dass gute Löhne gezahlt werden, damit die Fachkräfte in der Region bleiben.

Wie lässt sich das beeinflussen?

Die bestehenden gesetzlichen Bestimmungen bei Vergaben von öffentlichen Aufträgen – etwa bei der Anschaffung von Waggons oder Straßenbahnen – regeln, dass der Bieter mit dem niedrigsten Preis den Zuschlag erhält. Dabei spielen soziale Aspekte, wie Tariflöhne oder die Nachhaltigkeit in der Wartung und Unterhaltung sowie Lebenszykluskosten der angeschafften Fahrzeuge keine Rolle. Wir könnten uns vorstellen, solche Kriterien im Rahmen einer Novellierung des sächsischen Vergabegesetzes zukünftig zu berücksichtigen. Damit könnten wir unsere Firmen am Standort Sachsen unterstützen.

An den vergleichsweise gut bezahlten Arbeitsplätzen bei Bombardier hängt ein nicht unbeträchtlicher Teil der hiesigen Wirtschaftskraft. Welche Folgen hat der Stellenabbau im Waggonbau auf den nachgelagerten Arbeitsmarkt?

Das lässt sich noch nicht absehen. Es ist ja auch nicht so, dass Bombardier schließt. Die Auftragsbücher, so hat es uns der Konzern bestätigt, sind bis 2018 voll und wir sollten jetzt nicht in Panik ausbrechen.

In einer ersten Reaktion haben Sie von Bombardier sozialverträgliche Lösungen beim Stellenabbau gefordert. Wie könnten diese aussehen?

Wir erwarten, dass der Konzern sich mit dem Betriebsrat und der IG Metall schnell auf einen Sozialplan für die von Kündigung betroffenen Mitarbeiter einigt, verbunden mit einem klaren Bekenntnis zu den Standorten. Gleichzeitig muss ein überzeugendes Konzept vorgelegt werden, wie, und mit welchen strukturellen Veränderungen es weiter gehen soll. Eine Hängepartie würde weiteres Vertrauen zerstören. Wir stehen beratend gern zur Seite.

Auch an anderen Standorten will Bombardier Leute vor die Tür setzen. Gibt es Absprachen über ein gemeinsames Vorgehen, etwa mit dem Wirtschaftsministerium in Brandenburg, wo das Werk in Henningsdorf ebenfalls betroffen ist?

Wir stehen mit unseren brandenburgischen Kollegen in enger Abstimmung. Aber noch einmal: es geht hier um eine unternehmerische Entscheidung, um nach Auffassung von Bombardier das Unternehmen fit für die Zukunft zu machen. Daran muss uns in Sachsen und Brandenburg gelegen sein, denn die Standorte Bautzen, Görlitz und Henningsdorf sind für Ostdeutschland unverzichtbar. Übrigens auch für Bombardier. Denn die hoch qualifizierten Fachkräfte, welche moderne und auf dem Weltmarkt gut nachgefragte Fahrzeuge produzieren, sind existenziell.

Tatsächlich arbeiten dort viele gut qualifizierte Fachkräfte. Wie beurteilen Sie deren Aussichten auf einen neuen Job?

Mit Blick auf den regionalen Arbeitsmarkt und nach allen mir bisher vorliegenden Informationen dürfte es für zahlreiche, qualifizierte Beschäftigte eine Perspektive geben. Daran müssen wir gemeinsam auch ein Interesse haben, um das Know-how zu halten. Ich schließe aber auch nicht aus, dass dies nicht für alle der Fall sein wird. Vielleicht werden einige Betroffene auch Angebote aus anderen Bundesländern annehmen oder zu Mitbewerbern abwandern. Der Bedarf an Fachkräften ist enorm.

Wie wird der Freistaat die betroffenen Mitarbeiter bei einer möglichen Suche nach neuen Jobs unterstützen?

Wir prüfen intensiv in unserem Haus, ob uns das geltende Recht Handlungsspielräume lässt, welche wir sofort nutzen würden. Auch die Beratungsleistungen der Bundesagentur für Arbeit und die bestehenden Netzwerke sollten genutzt werden, um die Fachkräfte in der Region zu halten.

Der Konzern gibt wenig preis über seine Strategie. Was haben die Verantwortlichen schon durchblicken lassen?

Ich bitte um Verständnis, dass ich jetzt keine weiteren Informationen über interne Gespräche gebe. Wir sind im Kontakt. In nächster Zeit wird es zu weiteren Gesprächen mit Staatsminister Martin Dulig und dem Vorsitzenden der Geschäftsführung der deutschen Landesgesellschaft Bombardier Transportation GmbH, Herrn John, kommen.

Gespräch: Sebastian Kositz