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Mittwoch, 27.01.2016

Was kommt jetzt auf Dresden zu?

Die Polizei ist in Sorge wegen der Großdemo am 6. Februar, der Staatsschutz ermittelt gegen die Brandstifter von der Marienbrücke und betroffene Autofahrer melden sich zu Wort.

Von Alexander Schneider und Klemens Deider

Chronik: Autobrände während Pegida-Demos Brände bei Pegida-Demos

Elf Autos wurden am Montagabend auf dem Parkplatz unter der Marienbrücke beschädigt oder zerstört. Sie gehören Teilnehmern der Pegida-Demonstration.
Elf Autos wurden am Montagabend auf dem Parkplatz unter der Marienbrücke beschädigt oder zerstört. Sie gehören Teilnehmern der Pegida-Demonstration.

© Christian Essler

Keine Zeugen, kein Bekennerschreiben, und doch dürfte die Sache klar sein. Unbekannte Täter haben am Montagabend zehn Autos von Teilnehmern der Pegida-Demonstration angezündet. Um 19.45 Uhr bemerkten Zeugen das Feuer. Auf dem Parkplatz zwischen Marienbrücke und Pieschener Allee standen bereits drei Autos voll in Flammen.

Chronik: Autobrände während Pegida-Demos

Ehe die Feuerwehr zum Löschen eintraf, hatten sich weitere Brände entwickelt. Insgesamt haben die Täter zehn Autos angezündet, teilte die Polizei am Dienstag mit. Bei einigen brannten lediglich die Reifen. Ein elftes Auto wurde durch Hitzeabstrahlung beschädigt.

Es ist bereits der vierte Anschlag dieser Art. Immer an Montagabenden, immer Autos von Pegida-Anhängern. Doch dieses Mal ist es besonders schlimm: Es wurden mehr Autos angezündet als bei allen drei vorangegangenen Taten zusammen. Kamenz, Freiberg, Meißen – alles Fahrzeuge aus dem Umland. Thomas Geithner, Sprecher der Dresdner Polizei, wird sehr deutlich. „Wir gehen von einer politisch motivierten Tat aus, daher ermittelt der Staatsschutz“, sagt er. Wie auch bei den früheren Anschlägen. Ein Ermittler vom Fachkommissariat für Brände verstärke jedoch die Beamten vom Staatsschutz. Bislang wurde noch kein Täter ermittelt.

„Mit den Angriffen mutmaßlicher Pegida-Gegner zeigt sich aus unserer Sicht die linksextreme Strategie“, sagte Geithner gegenüber der SZ: „Sachbeschädigungen begehen, das Sicherheitsgefühl beeinträchtigen und die Handlungsfähigkeit des Staates infrage stellen.“ Auch was den Zeitpunkt angeht, kurz vor dem europaweiten „Pegida-Aktionstag“ am Sonnabend, dem 6. Februar, glaubt Geithner nicht an Zufall.

Brände bei Pegida-Demos

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19. Oktober:

Drei Autos werden in der Lindengasse angezündet. Drei weitere durch Hitzeabstrahlung beschädigt.

26. Oktober:

Unter der Marienbrücke werden drei Autos angezündet, vier weitere beschädigt.

21. Dezember:

In der Ziegelstraße werden zwei Autos angezündet.

25. Januar:

Brandstifter zünden an der Marienbrücke zehn Autos an, ein elftes wird beschädigt.

Die Brandstiftungen seien ein bewusstes Signal. „Wenn schon an einem normalen Montag zehn Autos brennen, heißt das nichts Gutes für den 6. Februar“, so Geithner wörtlich. Die Polizei müsse mit einem hohen Aggressionspotenzial rechnen – auf beiden Seiten. Schon seit Monaten sei zu beobachten, dass unaufhörlich an der Eskalationsspirale gedreht werde. Polizisten werden immer öfter attackiert, es gibt zunehmend Übergriffe in der Prager Straße und anderswo in Dresden, Linksextreme und Hooligans randalieren in Leipzig, nun brennen Autos – „Nach Köln hat sich alles nochmals potenziert“, sagt Geithner.

Die ersten Pegida-Teilnehmer hatten noch auf der Kundgebung am Theaterplatz von den Bränden erfahren. Sorge, Angst und Wut machten sich breit. SZ-Reporter trafen an der Marienbrücke einen 21-Jährigen, der als einer der Ersten nach seinem Auto sah. Der Selbstständige war mit seinem Vater und zwei Freunden aus der Nähe von Freiberg angereist. „Ich hatte noch gehofft, dass mein Auto nicht betroffen ist“, sagte er.

Als er den Parkplatz erreichte, schlugen die Flammen aus drei Karossen. Zum Glück nicht seiner, dachte er. Ringsum war der Parkplatz dicht zugestellt. Ein paar Schritte weiter: offene Fahrertür, beißender Gestank und die rußverkohlte Enttäuschung, die bis vor Kurzem sein VW Passat war. Baujahr 2001, geschätzter Wert 3 500 Euro, allerdings vor dem Brand.

Entsetzt und fassungslos war der junge Mann auch Stunden danach. Nichts deutete am Wagen darauf hin, dass er seit mehr als einem Jahr zu Pegida-Demos geht. „Wir hatten sogar unter einer Laterne geparkt“, sagte seine Begleiterin. Alles war ausgeleuchtet.

Es hatte die Täter nicht vom Zündeln abgehalten. Wie und wann es am späten Abend für ihn und seine Begleiter weiterging, war offen. „Wir hoffen, bei Freunden mitfahren zu können“, sagte der 21-Jährige und zeigte auf andere Geschädigte, die noch hofften, dass ein zerstörtes Laufrad der einzige Schaden war.

Mehrere junge Männer aus dem Kreis Bautzen hatten keine Mitfahrgelegenheit. Ein Passat und ein Golf waren den Flammen zum Opfer gefallen. Nun mussten sich die Männer von Angehörigen abholen lassen. Ein Handwerker aus dem Kreis Freiberg wechselte das Rad seines Ford-Kleintransporters. Die Feuerwehr hatte den Brand gelöscht und dazu die hintere Scheibe eingeschlagen und die Hecktür aufgebrochen. „Das war gut so“, sagte er und zeigt ins Dunkel der Ladefläche, zu einem Benzinkanister.

Ob der Anschlag was verändert? „Wir sind entsetzt. Autos sollten mit der persönlichen Meinung der Insassen nichts zu tun haben“, sagte die Begleiterin des 21-Jährigen. „Wir werden wiederkommen – aber mit mulmigem Gefühl.“