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Freitag, 02.09.2016

Was Klingenberg für die Flüchtlinge tut

Gut 200 Asylsuchende wollen integriert werden. Dafür gibt es mehr als nur ein Angebot.

Von Jane Jannke

Der Boden ist bereitet: Bald kann auf der großen Wiese hinter dem Asylbewerberheim Sport getrieben werden. Bewohner Ahmed Alharki aus Mossul (Irak) freut sich schon darauf. Die Gemeinde hat das Grundstück gepachtet, die Flüchtlinge pflegen es.
Der Boden ist bereitet: Bald kann auf der großen Wiese hinter dem Asylbewerberheim Sport getrieben werden. Bewohner Ahmed Alharki aus Mossul (Irak) freut sich schon darauf. Die Gemeinde hat das Grundstück gepachtet, die Flüchtlinge pflegen es.

© frank baldauf

Klingenberg. Im vergangenen Jahr begann Klingenberg, sich auf die Aufnahme großer Zahlen von Flüchtlingen vorzubereiten. Im Spätsommer wurde bekannt, dass das Hochhaus im Gewerbepark für bis zu 300 Personen hergerichtet werden soll. Kurz darauf gründete sich ein Netzwerk Asyl. Seine Aufgabe ist seither, die Integration der Angekommenen voranzutreiben. Seit Juli ist Ralf Schöne als Koordinator für Migrations- und Integrationsfragen fester Ansprechpartner bei der Gemeinde. Die SZ sprach mit ihm über die Situation am und im Heim sowie darüber, wie die Gemeinde die Flüchtlingsarbeit gestaltet.

Neuer Migrationskoordinator fördert friedliches Miteinander

Im Juli hat die Gemeinde dafür eine feste Stelle eingerichtet. Ralf Schöne (39) ist Pädagoge und Mediator und war bereits zuvor im Rahmen des Netzwerkes Asyl in der Flüchtlingsarbeit tätig. Seine Stelle wird über Fördermittel finanziert und ist zunächst bis Jahresende befristet. Als Schnittstelle zwischen Flüchtlingen, Bürgern und Behörden soll er das friedliche Miteinander fördern, für Transparenz sorgen und Integrationsprojekte steuern.

Mehr Begegnungsmöglichkeiten für Einheimische und Flüchtlinge

Rund 160 Menschen leben mittlerweile im Heim im Klingenberger Gewerbepark – vorrangig Syrer, Iraker und Afghanen, im Schnitt zwischen 20 und 30 Jahren alt. „Sie möchten unbedingt mit der Bevölkerung in Kontakt treten“, weiß Ralf Schöne. Die Klingenberger erlebt er großteils hin- und hergerissen zwischen Neugier und Scheu. Auch Misstrauen und Ablehnung gebe es. Leider ließen sich zu viele immer noch von Informationen aus dritter Hand leiten, so der Migrationsbeauftragte. Künftig will Schöne noch mehr Begegnungsmöglichkeiten für Einheimische und Flüchtlinge schaffen, um Vorbehalte abzubauen.

Sportangebote und Lernpatenschaften unterstützen die Neuankömmlinge

In den letzten Wochen wurde eine Wiese zwischen Heim und Bahnhof als Sportplatz hergerichtet, der von den Flüchtlingen künftig gepflegt wird. Über Sponsoren soll noch die Spielfeldgestaltung erfolgen. Fußball, Volleyball und sogar Cricket können aber hier künftig nicht nur die Flüchtlinge, sondern auch die Klingenberger spielen. Für minderjährige Flüchtlinge hat das Netzwerk Lernpatenschaften mit Schülern aus der Gemeinde organisiert. Dringend gesucht werden dagegen noch Freiwillige zur Alltagsbegleitung vor allem von Flüchtlingsfamilien.

Müllbehälter könnten für mehr Sauberkeit sorgen

Der Wald am Bahnhof mutiere zur Müllkippe, hieß es neulich im Gemeinderat; die Polizei sei am Heim Dauergast. Dass es Beschwerden gibt, bestätigt Ralf Schöne. Allerdings stellten sich diese auf Prüfung hin meist als stark überzogen heraus. „Es sind die Probleme, die es immer dann gibt, wenn viele Menschen auf engstem Raum längere Zeit zusammenleben.“ Der Müllfrage sei das Ordnungsamt nachgegangen. Der Eindruck der Vermüllung des Waldes habe sich so aber nicht bestätigt. Dennoch will man dazu mit den Flüchtlingen das Gespräch suchen. Auch das Aufstellen von Müllbehältern sei denkbar. Streit gebe es im Heim natürlich auch hin und wieder. „Das ist aber kein kulturelles, sondern ein logistisches Problem“. Bei 160 Männern ohne Arbeit und bei wenigen Freizeitangeboten sei es nicht verwunderlich, wenn die Stimmung mal hochkoche. „Genau daran arbeiten wir aber.“

Lehrstellen und Praktika werden in Unternehmen vor Ort gesucht

Möglichst viele Heimbewohner sollen möglichst bald in Beschäftigung kommen. Das im August in Kraft getretene Integrationsgesetz bietet dazu neue Möglichkeiten. In Klingenberg wurden mit Fördergeldern zwei Arbeitsgelegenheiten im Bauhof geschaffen. Die Flüchtlinge arbeiten demnächst in der Grünpflege und erhalten dafür eine Aufwandsentschädigung von 80 Cent pro Stunde. Nicht viel, aber endlich eine Aufgabe. „Das soll aber nur ein erster Schritt sein“, sagt Ralf Schöne. Derzeit sei man im Rahmen der Kreisinitiative „Arbeit schafft Zukunft“ in Gesprächen mit lokalen Unternehmen. Praktikums- und Ausbildungsplätze sind bei den jungen Männern gefragt, von denen viele einen Schulabschluss, aber eben keine Berufsausbildung hätten. „Leider verunsichert viele Unternehmer die Sprachbarriere“, so Schöne.

Künftig zentraler Deutschunterricht im Flüchtlingsheim

Bereits seit dem Frühjahr hat das Netzwerk über Ehrenamtler einen Deutschkurs für Flüchtlinge organisiert. Künftig findet der Unterricht zentral im Heim statt. Dank Integrationsgesetz gibt es dafür nun zum einen mehr Fördermittel, zum anderen haben auch Flüchtlinge ohne Asylbescheid erstmals ein Anrecht auf Sprachschulung. Mit der Durchführung der Kurse wird eine Firma beauftragt. Neben der Beschaffung von Beschäftigungsmöglichkeiten sei die Förderung der Sprachkompetenz die wichtigste Aufgabe, sagt Ralf Schöne. Sie sei der Schlüssel zur Teilhabe.